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"Mein Leben hat sich verändert": Krankenschwester aus Neuenahr hilft Flutopfern

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Von Carolin Kuter
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Sarah Branse und Helfer in der Lagerhalle, die die Hilfsorganisation nutzt.
Sarah Branse und Helfer in der Lagerhalle, die die Hilfsorganisation nutzt.   -   Copyright  privat
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Sechs Wochen ist es her, dass Deutschland die schlimmste Hochwasserkatastrophe seit Jahrzehnten erlebte. In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen starben in Folge der heftigen Regenfälle vom 14. und 15. Juli mehr als 180 Menschen - mit Abstand am schlimmsten betroffen ist das Tal der Aahr mit den Orten Bad Neuenahr-Ahrweiler und Schuld.

Sarah Branse lebt mit ihrer Familie in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Sie kamen glimpflich davon, weil ihre Straße auf einem Hügel liegt. Doch in der Straße unter ihnen starben acht Menschen. In der Flutnacht haben sie und ihr Mann kurz nach Mitternacht festgestellt, dass es keinen Strom gab, erzählt Branse. Da dies öfter vorkomme, hätten sie sich aber keine Sorgen gemacht und schlafen gelegt. "Morgens sind wir von einem furchtbar giftigen Geruch aufgewacht, es roch nach Altöl, wir konnten es gar nicht definieren." Auf Facebook hätten sie dann gesehen, was passiert sei: "Es sind Menschen gestorben, während wir geschlafen haben und wir haben es nicht mitbekommen."

Mit spontaner Hilfsbereitschaft fing alles an

Für die Intensivkrankenschwester war von da an klar, dass sie helfen muss. Sie half bei der Evakuierung ihres Krankenhauses. Zusammen mit ihrer Schwägerin fand sie ein Hotel, das Patient:innen aufnehmen wollte, es gab nur keine Transportmöglichkeit, da sich die offiziellen Einsatzkräfte nicht mehr zuständig fühlten, so Branse. Über einen Facebook-Aufruf fanden sich private Autofahrer:innen aus weniger betroffenen Gebieten.

Doch die Hilfsbereitschaft eines Fahrers ging noch weiter. Branse: "Einer dieser Menschen hat mich noch in der gleichen Nacht angerufen und mich gefragt, was wir sonst noch brauchen. Ich hab gesagt, wir haben kein Wasser, wir haben kein Strom. Wir brauchen Trinkwasser, wir brauchen Gasbrenner, um Lebensmittel erhitzen zu können."

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Das Ohnmachtsgefühl ist sechs Wochen nach der Flut immer noch da, sagt Branse - aber sie erlebe auch viele schöne Momente: "Die Menschen sind zusammengewachsen."privat

Über einen weiteren Facebook-Aufruf kamen Trinkwasser, Lebensmittel und Drogerieartikel nach Bad Neuenahr. Branse und ihre Nachbar:innen lagerten die Spenden zunächst in Pavillons. "Das hat dann immer weitere Kreise quer durch Deutschland gezogen", so die Helferin. "Wir bekamen immer mehr Lieferungen." Weil Starkregen angesagt war, verlagerte die Nachbarschaft das Lager in Branses Garage: "Die füllte und füllte sich."

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Unmittelbar nach der Flut lagerte die Nachbarschaft die Hilfsgüter in Pavillons.privat

Mittlerweile lagert Branse die Hilfsgüter in einer Lagerhalle, die ein Energieunternehmen kostenlos zur Verfügung stellt. Längst verteilt sie nicht mehr nur Trinkwasser, Klopapier und Konserven, sondern Waschmaschinen, Heizstrahler und Entkerngeräte. Branse hat ein kleines Logistikzentrum aufgebaut. Über die Facebook-Seite "Wunscherfüller Ahr" koordiniert sie Hilfsgesuche und Spendenangebote.

Familie, Freunde und Bekannte spannt sie als Helfer:innen ein. Doch koordiniert wird alles von ihr. Dafür ist die Mutter eines Sohnes fast rund um die Uhr auf den Beinen. "Letzte Nacht war es halb drei, als ich alle Hilfegesuche, alle Spenden, alle Bilder und Berichte online gestellt hatte", erzählt sie. Ihren Tag verbringt sie im Lager, nimmt Anrufe entgegen, liefert Güter aus, sammelt Spenden ein. "Es ist total chaotisch, das alles zu organisieren. Weil so viele Menschen so viele verschiedene Dinge benötigen."

"Ich komme an meine Grenzen, aber ich erreiche auch Dimensionen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie erreichen kann."
Sarah Branse
Fluthelferin

Sechs Wochen nach der Flut hat sich ihr Leben verändert, sagt Branse: "Ich bin nicht nur Intensivkrankenschwester, sondern auch Ansprechpartnerin für fast 70 Kilometer Ahrstrecke, für Betroffene. Ich komme an meine Grenzen, aber ich erreiche auch Dimensionen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie erreichen kann. Mir geht es so weit gut, aber ich merke, wie erschöpft ich bin."

Aufhören kommt für sie trotzdem nicht in Frage. Denn die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau sind noch lange nicht beendet. Trotzdem hat sie das Gefühl hat, dass die Flutkatastrophe schon fast wieder in Vergessenheit geraten ist. "Das ist so eine Alltagsfliege geworden." Es würde zwar heißen, ja, das Ahrtal ist überflutet, das ist ganz schlimm. "Aber es wird normal für die Menschen, und das darf es nicht werden."