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Der Schock sitzt tief in Ahrweiler 2 Wochen nach der Flut: Warum die vielen Toten?

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Von Kirsten Ripper  & Euronews
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Zerstörte Klinik in Ahrweiler nach der Flut
Zerstörte Klinik in Ahrweiler nach der Flut   -   Copyright  Willi Schulz @willidebates
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Zwei Wochen nach der Flutkatastrophe in Ahrweiler bleibt vor allem die Frage, wie die vielen Toten hätten verhindert werden können. 134 Todesopfer allein im Ahrtal, 73 Menschen werden weiterhin vermisst.

Die Bewohnerinnen und Bewohner im Landkreis Ahrweiler hatten die Jahrhunderflut von 2016 erlebt, die aber nicht wirklich schlimm war. Ein Hochwasser wie in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli hat es seit Menschengedenken oder wohl noch nie im Ahrtal gegeben.

Dennoch bleibt die Frage nach den Warnungen, die offenbar auch von Seiten der europäischen Wetterdienste vorlagen. Warum wurde in Ahrweiler - anders als anderswo - nicht evakuiert. Diese Frage stellen inzwischen viele Hinterbliebene der Toten und Betroffene.

Wir haben mit Willi Schulz in Ahrweiler gesprochen - auch über das Problem mit dem Schlamm.

Der toxische Schlamm

Willi Schulz erklärt: "Dieser Schlamm ist ein Gemisch aus Klärschlamm, Öl und Tierkadavern. Also es ist wirklich, wirklich problematisch hier, auch für die Helfer, die müssen sich unbedingt schützen und gegen Tetanos impfen, weil kleinste Schnittwunden fangen sehr schnell an zu eitern. Das hört man immer wieder. Und ohne die ganzen freiwilligen Helfer wäre dieser toxische Schlamm auch zu toxischem Beton geworden, den man dann mit Presslufthammern weghämmern müsste. Also es muss hier einfach vorangehen. Es geht auch voran. Wenn man jetzt durch die Straßen geht, die wurden geräumt, was aber nicht zu heilen ist, sind die Wunden durch die ganzen Menschen, die gestorben sind. Weil es einfach unglaublich viele Todesopfer nur bei uns im Kreis gab."

Die Entscheidung, zumindest einen Teil von Ahrweiler zu evakuieren, hätte offenbar der Landrat treffen müssen. Die Warnungen auf europäischer, bundesweiter und auf Landesebene in Rheinland-Pfalz lagen vor. Warum wurde vor Ort nicht reagiert?

Willi Schulz @willidebates
Überall der toxische SchlammWilli Schulz @willidebates
Nicht zu heilen ist, sind die Wunden durch die ganzen Menschen, die gestorben sind.

Die Nacht, als die Flut kam

Die Meteorologen hatten zwar vor Starkregen mit bis zu 200 Liter pro Quadratmeter gewarnt. Doch was bedeuten 200 Liter pro Quadratmeter für die Menschen. Willi Schulz erinnert sich: "Die Leute wurden im Schlaf von der Flut überrascht. Es gab sehr wenige Warnungen - und die es gab, die waren sehr schwer zu verstehen. Gegen 21 Uhr war die Feuerwehr in den Straßen - auch bei meiner Schwester, wo ich am Helfen war beim Aufstellen von Sandsäcken. Sie hatte angewiesen, nicht in die Keller zu gehen und die Autos wegzufahren. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung."

Da wäre durchaus noch Zeit gewesen zum Evakuieren.

Viele Leute sind in ihren Autos gestorben - oder als sie zu Fuß in ihre Wohnungen zurück wollten, nachdem sie ihre Fahrzeuge außerhalb der Stadt abgestellt hatten. Willi Schulz sagt: "Die Leute, die ihre Autos weggefahren haben, hätten auch mit dem Auto in die Weinberge fahren können."

Kinder sind im Auto angeschnallt ertrunken

Die Anwohner von Ahrweiler erzählen herzzerreißende Geschichten: "Von der Feuerwehr hat das jemand erzählt, dass eine Familie mit ihren Kindern wegfahren wollte und das Auto war in der Tiefgarage. Wohl wollten die Eltern noch etwas holen und kamen nicht mehr in die Tiefgarage zurück. Die kleinen Kinder waren angeschnallt im Auto und konnten auch nicht mehr raus und sind dann im Auto ertrunken."Immer wieder spricht Willi Schulz vom Gemeinschaftsgefühl der Menschen der Region.

Aber sie stehen auch gemeinsam unter Schock. "Diese Geschichten von den Menschen, die gestorben sind, die sind einfach traumatisierend. Man muss sich das vorstellen. Das ist eine sehr kleine Stadt. Wir reden hier von 40.000 bis 60.000 Anwohnern entlang der Ahr. Es dauert nicht lange, bis man Bekannte unter den Namen der Toten sieht."

Willi Schulz @willidebates
Ahrweiler nach der FlutWilli Schulz @willidebates
Die Politiker schieben sich gegenseitig die Schuld zu, das ist re-trausmatisierend
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Willi Schulz per Skype im Gespräch mit EuronewsEuronews

"Wir sind hier wirklich sehr eng zusammen. Im Moment schieben sich die Politiker von Landes- zu Kreisebene gegenseitig die Schuld zu, das ist einfach nur verwirrend. Für die Anwohner ist das im Prinzip re-traumatisierend, wenn keine Antworten auf die vielen Fragen kommen. Und ich bin der Meinung, dass die Antworten nur von einem Untersuchungsausschuss aus dem Landtag kommen können."