"Russen setzen sexuelle Gewalt als Kriegsmethode ein", sagt Staatsanwalt der Ukraine

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Von Euronews  mit OUEST FRANCE, AP
Generalstaatsanwalt der Ukraine Andrij Kostin spricht von steigender Zahl von Fällen sexueller Gewalt durch Russen im Krieg
Generalstaatsanwalt der Ukraine Andrij Kostin spricht von steigender Zahl von Fällen sexueller Gewalt durch Russen im Krieg   -   Copyright  Michal Dyjuk/Copyright 2022 The AP. All rights reserved

Sexuelle Gewalt von Russen gegen Ukrainerinnen und Ukrainer habe in den vergangenen Wochen zugenommen und werde von der russischen Militärführung als Kriegsmethode eingesetzt. Das erklärt der Generalstaatsanwalt der Ukraine, Andriy Kostin, im Interview mit OUEST FRANCE und der Funke-Mediengruppe. Inzwischen zählt die ukrainische Staatsanwaltschaft mehr als 50.000 Fälle von russischen Kriegsverbrechen und hat 226 Verdächtige identifiziert.

"Alle Altersgruppen und Geschlechter sind betroffen"

Kostin sagte: "Vor vier Monaten hatten wir 40 Fälle von sexueller Gewalt registriert. Diese Kriegsverbrechen nehmen immer weiter zu. Derzeit sind wir bei 110 Fällen, und die Zahl steigt weiter. Die tatsächlichen Zahlen sind jedoch noch höher. Alle Altersgruppen und Geschlechter sind betroffen. Kinder ebenso wie ältere Menschen. In der Region Kiew wurde ein fünfjähriges Mädchen vergewaltigt, nachdem ihre 30-jährige Mutter vergewaltigt worden war. Unsere Staatsanwaltschaft konnte den Verdächtigen identifizieren, der sich leider nicht in den von der Ukraine kontrollierten Gebieten aufhält."

Euronews-Reporterin Anelise Borges hat im Süden der Ukraine mit Bewohnerinnen und Bewohnern gesprochen, die von Kriegsverbrechen der russischen Armee berichten.

"Sie wollen die Menschen einschüchtern und Angst verbreiten"

Der seit Juli amtierende Generalstaatsanwalt geht davon aus, dass Vergewaltigungen gezielt als Kriegsmethode eingesetzt werden, um die Moral der Menschen in der Ukraine zu untergraben. Er erklärt: "Zunächst haben wir nach der Befreiung der Region Kiew zahlreiche Fälle von Vergewaltigung aufgenommen. Dann geschah das Gleiche in Charkiw und später in Cherson. Wir erhalten aber auch über soziale Netzwerke oder durch Verwandte und Freunde Informationen über Vergewaltigungen in anderen Regionen, die noch nicht unter ukrainischer Kontrolle stehen. In vielen Fällen werden die Menschen von russischen Soldaten vergewaltigt, gefoltert und dann getötet. Häufig finden diese Vergewaltigungen vor den Augen der Angehörigen und Kinder statt. Wir sind sicher, dass es sich hierbei um eine Kriegsmethode handelt, um die Moral der Ukrainerinnen und Ukrainer zu untergraben. Diese müssen sich unter Druck fühlen, insbesondere in den besetzten Gebieten. Die Russen wollen unseren Willen brechen. Sie wollen diejenigen bestrafen, die trotz der Besatzung stark bleiben wollen. Und sie wollen andere einschüchtern und Angst verbreiten."

Es sei schwierig, die russischen Kommandostrukturen nachzuvollziehen, erklärt Generalstaatsanwalt Andrij Kostin. Aber in mehreren Fällen könne man nachvollziehen, dass die Befehlshaber die Vergewaltigungen befohlen oder unterstützt haben.

Zu den ukrainischen Kriegsopfern sagt Kostin, es gebe 8 458 getötete Zivilpersonen, darunter 440 Kinder - sowie 11 432 Verletzte, darunter 851 Kinder.

Im Mai hatte Euronews-Reporterin Valérie Gauriat in ihrer Reportage aus der Region Kiew Aussagen der Menschen vor Ort über Gräueltaten in der Ukraine dokumentiert.