Belagerung Leningrads vor 80 Jahren beendet - Russland ehrt eine Million Tote

Der russische Präsident Wladimir Putin bei der Veranstaltung zum 80. Jahrestag des Endes der Belagerung von Leningrad in St. Petersburg, 27. Januar 2024
Der russische Präsident Wladimir Putin bei der Veranstaltung zum 80. Jahrestag des Endes der Belagerung von Leningrad in St. Petersburg, 27. Januar 2024 Copyright AP/Copyright 2024 The AP. All rights reserved
Von Christoph DebetsDaniel Bellamy mit AP
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Der russische Präsident Wladimir Putin, ein gebürtiger Leningrader, hat die Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des Endes der Blockade geleitet. Auch der weissrussische Staatspräsident Lukaschenko nahm an den Gedenkfeiern teil.

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St. Petersburg hat des Endes der Leningrader Blockade vor 80 Jahren gedacht.

Der russische Präsident Wladimir Putin legte Blumen am Steindenkmal auf dem Newski-Pjatachok nieder und nahm an einer Kranzniederlegung am Mutterland-Denkmal auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof in St. Petersburg teil. Dort sind in 186 Massengräbern fast eine halbe Million Opfer der Belagerung Leningrads beigesetzt.

Er besuchte auch das Massengrab, wo sein älterer Bruder begraben sein soll, der während der Belagerung starb.

Zusammen mit dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko weihte Putin in der Nähe des Weilers Saizewo ein Denkmal für „die friedlichen Bürger der Sowjetunion, die während des Großen Vaterländischen Krieges starben“ ein.

Bei der Eröffnung des Komplexes sagte Putin, dass die Verbrechen der Nazis keine Verjährungsfrist hätten und nicht auf den Schlachtfeldern begangen worden seien, die Massaker an unbewaffneten und wehrlosen alten Menschen, Frauen, Kindern und Behinderten „waren durchdachte, systematische Strafmaßnahmen“.

Die Blockade Leningrads – die Entscheidung der Nazis, eine ganze Stadt auszurotten – war in ihrem Ausmaß an Grausamkeit und Zynismus beispiellos.
Wladimir Putin
Russischer Staatspräsident

„Die Blockade Leningrads – die Entscheidung der Nazis, eine ganze Stadt auszurotten – war in ihrem Ausmaß an Grausamkeit und Zynismus beispiellos. Mehr als eine Million Leningrader – Zivilisten – wurden Opfer von Hunger, Kälte, endlosen Beschuss- und Bombenangriffen“, sagte Putin.

„Unser Mitgefühl wird von Generation zu Generation weitergegeben und hat keine Verjährungsfrist. So wie es die Verbrechen der Hitler-Fanatiker und ihrer Komplizen – derjenigen, die den Völkermord am sowjetischen Volk kaltblütig geplant und grausam begangen haben – nicht haben.“ sagte Putin.

Er betonte, dass alle Verbrechen untersucht werden, die die Nazis während des Großen Vaterländischen Krieges an Bürgern der UdSSR begangen haben. Gleichzeitig hätten seiner Meinung nach inzwischen Neonazis in einigen Ländern die Methoden der Nazis übernommen.

Einige der Kinder, die die Belagerung überlebt haben, sind noch am Leben und haben sich an die Strapazen erinnert.

Irina Zimneva, 85, kann die winzigen Brotstücke, 125 Gramm pro Tag, die während des tödlichen Winters 1941-1942 in Leningrad verteilt wurden, und die Antwort ihrer Mutter auf die hungrigen Bitten ihrer Tochter nicht vergessen: "Hab Geduld!"

"Meine Mutter (half mir zu überleben), ihre Liebe, ich denke, das ist das Wichtigste. Denn ich weiß nicht, wie ich sonst überlebt hätte", sagte Zimneva der Associated Press.

Als die vorrückenden Nazi-Truppen am 8. September 1941 den Kreis um Leningrad schlossen, bestand Zimnewas Familie aus 43 Mitgliedern. Bis Januar 1944 hatten nur 13 von ihnen überlebt.

Im Vorfeld des 80. Jahrestages der Befreiung wurde eine Freiluftausstellung eingerichtet, um die Bewohner an die schwersten Momente in der Geschichte der Stadt zu erinnern.

Sie zeigt, wie eine typische Wohnung in den Tagen der Belagerung aussah - ein Ofen in der Mitte des Zimmers, Decken an den Fenstern, um etwas Wärme zu sparen, und die Reste von Möbeln, die noch als Brennmaterial verwendet werden mussten.

Wenn man die Geschichte anfasst, spürt man den Schmerz und das Grauen, das sich hier vor 80 Jahren abgespielt hat. Wie die Menschen es geschafft haben, zu überleben, ist unfassbar.
Jelena Domanowa
Einwohnerin von St. Petersburg

Die Ausstellung Straße des Lebens zeigt auch ein Klassenzimmer, einen Proberaum und einige Verkehrsmittel - eine Straßenbahn, deren Betrieb während der Belagerung nur für einige Monate eingestellt wurde, und Krankenwagen.

"Wenn man die Geschichte anfasst, spürt man den Schmerz und das Grauen, das sich hier vor 80 Jahren abgespielt hat. Wie die Menschen es geschafft haben, zu überleben, ist unfassbar", sagte Jelena Domanowa, eine Besucherin der Ausstellung, der Nachrichtenagentur AP.

Die Belagerung Leningrads begann im September 1941, während des Zweiten Weltkriegs, als deutsche Truppen die Stadt umzingelten und sie vollständig von der Versorgung abgeschnitten hatten. Die Belagerung ging mit weit verbreitetem Hunger und Kälte sowie anhaltenden Bombenangriffen und Artilleriebeschuss einher. Die Blockade dauerte 872 Tage.

Im Winter wurde Leningrad über eine Eisstraße über den zugefrorenen Ladogasee , die "Straße des Lebens" versorgt. Bis zu zweieinhalb Millionen Menschen konnten sich über sie in Sicherheit bringen. Am 27. Januar 1944 durchbrachen die Truppen der Roten Armee die Blockade Leningrads vollständig.

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Die Schätzungen über die Zahl der Todesopfer schwanken, aber Historiker sind sich einig, dass mehr als eine Million Einwohner Leningrads in einer der grausamsten Episoden des Zweiten Weltkriegs an Hunger, Luftangriffen und Artilleriebeschuss starben.

Gemessen an der Zahl der zivilen und militärischen Opfer hat Russland im Zweiten Weltkrieg weit mehr gelitten als jede andere Nation, und viele Russen sind der Meinung, dass die Nazis ohne den Kampf ihres Militärs gegen die Nazis an der Ostfront vielleicht nicht besiegt worden wären.

Weitere Quellen • RIA NOVOSTI, TASS, SPUTNIK international

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