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Klimakrise stoppen: Das unterschätzte Potenzial direkt unter unseren Füßen

Hände lassen Erde auf den Boden rieseln.
Hände lassen Erde auf den Boden rieseln. Copyright  Rajesh Rajput via Unsplash.
Copyright Rajesh Rajput via Unsplash.
Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
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Böden gehören zu den größten natürlichen Kohlenstoffsenken. Trotzdem tauchen sie in den Klimaplänen der meisten Staaten kaum auf.

Der Schlüssel, um die weltweiten Klimaziele zu erreichen, lag womöglich die ganze Zeit direkt unter unseren Füßen.

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Bei der COP30 hat die abschließende Verhandlungswoche begonnen. Der Druck wächst, aus fossilen Energien auszusteigen, erneuerbare Quellen auszubauen und sogar Fleisch vom Speiseplan zu streichen.

Die EU-Kommission nutzt das Jahrestreffen, um die internationale Gemeinschaft zu „kühnerem Handeln“ zu bewegen, damit Emissionen sinken und sich Länder besser an die Folgen der Klimakrise anpassen.

Um das Pariser Abkommen einzuhalten und die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius, möglichst auf etwa eineinhalb Grad, zu begrenzen, sollen Staats- und Regierungschefs nun auf die „stille Infrastruktur“ des Planeten blicken: den Boden.

Wie Böden im Klimakampf helfen

Lange Zeit wurde die Bedeutung gesunder Böden unterschätzt, sie blieben in der globalen Politik nahezu unsichtbar. Nur wenige Länder erwähnen sie überhaupt in ihren nationalen Klimaplänen.

Doch je genauer Forschende hinschauen, desto mehr rückt die Kraft des Bodens ins Rampenlicht.

2015 rückte der Boden auf der Bühne des UN-Klimagipfels ins Zentrum, als Frankreich bei der COP21 seine „vier Promille“-Initiative vorstellte. Sie zeigt, dass ein jährlicher Zuwachs der Kohlenstoffvorräte in landwirtschaftlichen Böden um nur 0,4 Prozent fast alle jährlichen Treibhausgasemissionen ausgleichen könnte.

Böden ernähren fast die gesamte Weltbevölkerung und steuern Wasserkreisläufe, die Dürren und Überschwemmungen abmildern können. Sie bilden zudem den größten natürlichen Kohlenstoffspeicher des Planeten.

Im Boden steckt etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie in sämtlicher Vegetation der Erde, also in Bäumen, Gräsern und anderen Pflanzen.

Doch nur gesunde Böden nehmen Kohlenstoff auf, degradierte Flächen setzen dagegen Treibhausgase in die Atmosphäre frei.

Böden könnten Emissionen um 27 Prozent senken

Ein heute vorgestellter Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass im obersten Meter der Böden weltweit mehr als 2.800 Gigatonnen Kohlenstoff gespeichert sind.

Frühere Schätzungen lagen bei 1.500 Gigatonnen. Demnach speichern Böden rund 45 Prozent mehr Kohlenstoff, als bislang angenommen.

Der Bericht vom Thinktank Aroura Soil Security, der IUCN World Commission on Environmental Law (WCEL) und der Kampagne Save Soil zeigt außerdem: Sind die Böden in gutem Zustand, können sie bis zu 27 Prozent der Emissionen aufnehmen, deren Bindung nötig ist, um die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten.

Das entspricht rund 3,38 Gigatonnen CO₂ pro Jahr. Zum Vergleich: 2022 lagen die weltweiten jährlichen Emissionen aus der Verbrennung von fossilen Energieträgern bei 36,8 Gigatonnen.

Trotzdem ignorieren etwa 70 Prozent der Staaten in ihren Klimaplänen bis 2035, den sogenannten Nationally Determined Contributions (NDCs), die Wiederherstellung von Böden als Klimaschutzmaßnahme.

Fachleute fordern deshalb, dass Länder sich ausdrücklich dazu verpflichten, den Kohlenstoffgehalt ihrer Böden gezielt zu erhöhen und dies als Teil ihrer internationalen Klimapolitik zu verankern. Die Menschheit habe eine „Verantwortung gegenüber kommenden Generationen“, um weitere Degradation zu verhindern.

Boden als „lebendiger Organismus“

„Wenn wir unsere Emissionsziele erreichen wollen, müssen wir Boden als lebendigen Organismus begreifen“, sagt Praveena Sridhar, Technische Direktorin der Bewegung Save Soil und Mitautorin des Berichts.

„Viel zu lange galt Boden nur als Dreck. Tatsächlich ist er jedoch die lebende Haut des Planeten. Jede Hand voll gesunden, lebendigen Bodens ist ein Mikrokosmos des Lebens und ein Speicher für Kohlenstoff und Wasser.“

Sridhar betont, der Schutz der Bodengesundheit sei nicht nur eine ökologische Pflicht, sondern eine „Verantwortung über Generationen hinweg“ und zentral für die Begrenzung der Erderhitzung.

Die Folgen degradierter Böden

Bleibt das heutige Tempo der Bodendegradation bestehen, drohen riesige Kohlenstoffvorräte in die Atmosphäre zu entweichen, im Umfang von 4,81 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr. Das entspricht ungefähr den jährlichen Emissionen der USA.

Schon heute gelten etwa 40 Prozent der weltweiten Landfläche als degradiert. Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO warnt, dieser Anteil könne bis 2050 auf 90 Prozent steigen.

Der Bericht warnt, dass die derzeitigen CO₂-Emissionen allein aus US-Böden den Abgasen von rund 75 Millionen Autos entsprechen. Würden nur ein Prozent des in Europas Böden gespeicherten Kohlenstoffs freigesetzt, käme dies den jährlichen Emissionen von einer Milliarde Autos gleich.

Wie sich Bodendegradation stoppen lässt

Hinter der Degradation von Böden stecken oft nicht nachhaltige Anbaumethoden, Abholzung, Überweidung und eine extrem intensive Landwirtschaft. Auch natürliche Prozesse wie Erosion durch Wind und Regen tragen dazu bei.

Hilfreich sind nachhaltige Anbaumethoden wie Fruchtwechsel oder Zwischenfrüchte, die organische Substanz in den Boden bringen und seine Struktur verbessern. Im kleinen Maßstab können auch Gartenbesitzerinnen und -besitzer etwas tun, etwa mit Kompost statt Kunstdünger und ohne aggressive Chemikalien.

Warum Bodenschutz gemeinsames Handeln braucht

„Ohne konkrete Ziele für den Schutz und die Wiederherstellung von Böden räumen Staaten diesem Thema in ihren Klimagesetzen kaum Priorität ein“, sagt Irene Heuser von der IUCN WCEL und der Sustainable Agriculture Law Group.

„Es gibt keinen umfassenden internationalen Vertrag und kein anderes verbindliches Rechtsinstrument, das die Sicherheit der Böden regelt. Dafür braucht es abgestimmtes Handeln von Politik, Landwirtschaft, Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbrauchern, damit Böden und ihre Gesundheit wirklich geschützt werden.“

Heuser ergänzt, deshalb sei es „entscheidend“, den rechtlichen Status von Boden zu ändern, um ihn für kommende Generationen zu bewahren.

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