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Angst vor Extremwetter: Europas erste Klimamigranten leben in ständiger Angst

Panagiotis Panagiotopoulos verließ sein Heimatdorf Vlochos in Thessalien in Mittelgriechenland, nachdem Überschwemmungen es unbewohnbar gemacht hatten.
Panagiotis Panagiotopoulos hat sein Dorf Vlochos in Thessalien, in Mittelgriechenland, verlassen. Überschwemmungen machten den Ort unbewohnbar. Copyright  Alex Katsomitros
Copyright Alex Katsomitros
Von Alex Katsomitros, Margaux Seigneur and Paul Krantz
Zuerst veröffentlicht am
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„Seit dem Sturm sind alle wie verrückt, das ist so etwas wie ein kollektives Trauma“, sagt eine griechische Dorfbewohnerin, die umgesiedelt werden soll.

Was Vaios Giatropoulos von der schlimmsten Nacht seines Lebens am stärksten erinnert, ist der hilflose Blick in den Augen seines Sohnes. „Und was jetzt, Papa? Wir haben alles verloren“, fragte ihn der Junge unter Tränen.

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Vater und Sohn standen neun Stunden lang auf dem Dach ihres Lastwagens, während das Hochwasser bedrohlich bis fast an ihre Füße stieg, bevor Rettungskräfte sie holten. Der Sturm Daniel, der im September 2023 Mittelgriechenland traf, verwüstete ihre Heimatstadt Palamas. Zurück blieb ein chaotischer Mix aus Schlamm, Trümmern, totem Vieh und zerstörten Lebensentwürfen.

Schließlich zog Giatropoulos mit seiner Familie in ein Dorf, in dem ihr Haus höher liegt. Zurückzukehren ist für ihn undenkbar. „Ich möchte nicht bei jedem Regentropfen diese Angst spüren. Monatelang hatten wir Furcht, dass es wieder überflutet. Ich habe sogar darüber nachgedacht, zu einer Psychologin zu gehen“, erzählt er.

Trotz allem hält er seine Familie für vergleichsweise glücklich, weil sie schnell ein neues Zuhause in der Nähe fanden. Viele Bewohnerinnen und Bewohner von Palamas mussten in nahegelegene Städte, nach Athen oder sogar ins Ausland ziehen, auf der Suche nach einem besseren Leben und trockenerem Land, sagt er.

Hunderttausende Europäer verlieren Heimat durch Extremwetter

Giatropoulos gehört zu einer stetig wachsenden Gruppe: den ersten Klimamigrantinnen und -migranten Europas. Vertreibung im eigenen Land ist längst keine theoretische Debatte mehr. Immer mehr Menschen verlieren durch Stürme, Überschwemmungen, Waldbrände und Dürren ihr Zuhause.

Die in Genf ansässige NGO Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) (Quelle auf Englisch) schätzt, dass zwischen 2008 und 2023 rund 413.000 Menschen in der EU vertrieben wurden (Quelle auf Englisch). Das Jahr 2023 war bislang das schlimmste: Mehr als 200.000 Europäerinnen und Europäer mussten innerhalb ihres Landes umziehen, vor allem wegen Waldbränden und Stürmen.

Wie diese Erfahrung aussieht, unterscheidet sich jedoch von Land zu Land deutlich.

Ein Löschflugzeug wirft Wasser über einen Brand im Harz unterhalb des Brockens, etwa 30 Kilometer westlich von Wernigerode nahe Schierke in Norddeutschland, Anfang September 2024.
Ein Löschflugzeug wirft Wasser über einen Brand im Harz unterhalb des Brockens, etwa 30 Kilometer westlich von Wernigerode nahe Schierke in Norddeutschland, Anfang September 2024. AP Photo/Matthias Schrader

Deutschland erlebt verheerende Brände und Überschwemmungen

In Deutschland hängt die Angst vor Extremwetter stark von der Region ab.

Im Nordosten führen zunehmende Trockenperioden dazu, dass Waldbrände häufiger und heftiger werden. Im vergangenen Jahr verzeichnete Deutschland die größte abgebrannte Fläche seit Beginn der Aufzeichnungen zu Waldbränden. Die meisten Menschen dort müssen nicht befürchten, dass ein Feuer direkt ihr Haus erfasst. Doch viele Landwirte spüren bereits die Folgen ausbleibender Niederschläge.

In weiten Teilen Süd- und Westdeutschlands droht dagegen vor allem eines: zu viel Wasser in zu kurzer Zeit.

Das IDMC registrierte zwischen 2008 und 2024 rund 84.000 Binnenvertreibungen in Deutschland. Der allergrößte Teil davon, etwa 78.000 Fälle, ging auf Überschwemmungen zurück.

Die verheerende Flut im Ahrtal 2021 gilt als eine der folgenreichsten Naturkatastrophen der jüngeren deutschen Geschichte. 134 Menschen starben, rund 40.000 waren direkt betroffen.

Martin von Langenthal, der für das Rote Kreuz als stellvertretender Leiter der EU-Einheit für Katastrophenschutz und Ressourcenmanagement an der Hilfe beteiligt war, schätzt, dass bei diesem Ereignis etwa 3.500 Menschen zumindest vorübergehend ihr Zuhause verloren. Ihre Häuser mussten grundlegend instandgesetzt oder komplett neu aufgebaut werden.

ARCHIV - Zerstörte Häuser in Schuld in Rheinland-Pfalz, Donnerstag, 15. Juli 2021.
ARCHIV - Zerstörte Häuser in Schuld in Rheinland-Pfalz, Donnerstag, 15. Juli 2021. AP Photo/Michael Probst, File

Über die unmittelbaren Zerstörungen hinaus kämpften die Überlebenden lange mit fehlender Infrastruktur: weggespülte Brücken, beschädigte Abwasseranlagen, dazu ein gravierender Mangel an ärztlicher Versorgung und Medikamenten.

„Viele Menschen konnten relativ schnell wieder in ihre Häuser zurückkehren. Aber eine große Gruppe konnte gar nicht mehr dort leben, weil die Gebäude komplett zerstört oder so beschädigt waren, dass man sie nicht mehr betreten durfte“, sagt von Langenthal. „Für diese Menschen haben wir zunächst Containerdörfer und eine Art Notunterkünfte aufgebaut, gedacht für kurze Zeit. Doch die Container wurden noch mehr als zwei Jahre später bewohnt.“

Griechisches Flutdorf zwischen Aufbruch und Bleiben

Durch seine Lage am Mittelmeer ist Griechenland besonders anfällig für klimabedingte Katastrophen. Das IDMC schätzt, dass seit 2008 fast 300.000 Menschen in Griechenland (Quelle auf Englisch) vertrieben wurden, meist durch Waldbrände, Stürme und Überschwemmungen.

Ein Beispiel ist das Dorf Vlochos in Thessalien in Mittelgriechenland. Es liegt am tiefsten Punkt der Region und war schon immer stark von Hochwasser bedroht. Ältere Bewohnerinnen und Bewohner erinnern sich noch mit Schrecken an die Fluten von 1953 und 1994, als Teile des Dorfes zerstört wurden.

Doch als Sturm Daniel 2023 über die Region zog, erreichte die Zerstörung eine neue Dimension. In vielen Häusern stieg das Wasser bis auf zwei Meter Höhe. Sie waren unbewohnbar, das gesamte Mobiliar zerstört.

Vlochos in Thessalien in Mittelgriechenland erlitt beispiellose Schäden, als Sturm Daniel 2023 über die Region zog.
Vlochos in Thessalien in Mittelgriechenland erlitt beispiellose Schäden, als Sturm Daniel 2023 über die Region zog. Alex Katsomitros

In den ersten Wochen nach dem Sturm herrschte ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Jüngere halfen Älteren, Familien teilten, was sie hatten, erinnert sich Dorfpräsident Vassilis Kalogiannis mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut.

Doch der Zusammenhalt bröckelte, als klar wurde, wie groß das Ausmaß der Katastrophe war – und dass ein Umzug des gesamten Dorfes auf höher gelegenes Gelände der beste Schutz vor künftigen Fluten sein könnte. Die Regierung bietet diese Möglichkeit an, wenn sich eine klare Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner dafür ausspricht.

„Wohin sollen wir gehen? Das ist unser Zuhause“

Im nahegelegenen Dorf Metamorphosis stimmten bei einem Referendum rund 95 Prozent der Haushalte für einen Umzug, auch weil der Ort in den vergangenen Jahren mehrfach überflutet worden war.

„Die meisten wollen weg, sie haben gesehen, wie das Wasser bis an ihre Dächer stieg. Wenn es regnet, verlassen viele das Dorf, selbst wenn keine reale Gefahr besteht“, sagt Petros Kontogiannis, der Präsident von Metamorphosis.

Nur wenige Kilometer weiter, in Vlochos, ist die Lage anders. Das Dorf ist gespalten – ein Schicksal, das künftig viele Gemeinden in Europa treffen dürfte, wenn der Klimawandel weiter zuschlägt.

Die Debatte ist inzwischen aufgeheizt. Immer wieder kommt es zu heftigen Wortgefechten, teilweise sogar zu Handgreiflichkeiten. „Seit dem Sturm sind alle wie verrückt. Das ist eine Art kollektive posttraumatische Belastungsstörung“, sagt eine Dorfbewohnerin, die anonym bleiben möchte.

Seit dem Sturm sind alle wie verrückt. Das ist eine Art kollektive posttraumatische Belastungsstörung.
Vlochos resident

Viele Bewohnerinnen und Bewohner sind in andere Dörfer oder Städte gezogen, betrachten Vlochos aber weiterhin als ihre Heimat – und wollen, dass der Ort geschlossen an einen hochwassersicheren Standort verlegt wird. „Unser Dorf liegt am falschen Platz. Es befindet sich am tiefsten Punkt Thessaliens und war seit 1953 immer wieder bedroht“, sagt Panagiotis Panagiotopolos, der inzwischen in einer nahegelegenen Kleinstadt lebt. „Metamorphosis soll umziehen, obwohl es zwei Meter höher liegt als Vlochos“, fügt er hinzu.

Doch längst nicht alle glauben, dass ein Umzug die richtige Antwort ist. „Wohin sollen wir gehen? Das hier ist unser Zuhause“, sagt der ehemalige Polizist Apostolos Markis, der will, dass das Dorf bleibt, wo es ist.

Rettungskräfte bringen eine Person in Sicherheit, während der Fluss Aa in Arques in Nordfrankreich über die Ufer tritt, Anfang Januar 2024.
Rettungskräfte bringen eine Person in Sicherheit, während der Fluss Aa in Arques in Nordfrankreich über die Ufer tritt, Anfang Januar 2024. AP Photo/Matthieu Mirville

Nordfrankreich unter Wasser

Vincent Maquignon, 54, wird das Gesicht seiner Mutter nie wieder sehen. Die letzten Fotos von ihr wurden von Schlammlawinen weggespült, die sein Haus überfluteten. Anfang Januar 2024 blieb dem Vater zweier Söhne nur wenige Stunden Zeit, um zu retten, was zu retten war: wichtige Unterlagen und einige persönliche Dinge, hastig zusammengesucht.

23 Jahre lang hatte er in dem Haus im nordfranzösischen Blendecques gelebt. „Dieses Haus war unsere Familiengeschichte: erste Schritte, erste Tränen“, erinnert er sich schmerzlich. „Wir mussten alles in einem Augenblick zurücklassen. Im Erdgeschoss stand 1,4 Meter hoch das Wasser.“

Es war nicht das erste Mal, dass sein Ort überschwemmt wurde. Doch jedes Jahr verschlechterte sich die Lage. Die Einstufung als Hochrisiko-Überschwemmungsgebiet machte es praktisch unmöglich, sein Haus zu verkaufen. „Wir waren gefangen“, sagt er.

Dieser Wintertag markierte den Abschied von fast 800 Menschen aus Blendecques.

Es hat über ein Jahr gedauert, bis wir uns wieder sicher gefühlt haben. Aber sobald es regnet, werden die Leute nervös.
Vincent Maquignon
Bewohner von Blendecques

„Wir sind Frankreichs erste durch das Klima Vertriebenen. Meine Familie und ich sind in ein höher gelegenes Haus in einer Nachbarstadt gezogen. Es hat über ein Jahr gedauert, bis wir uns wieder sicher gefühlt haben. Aber sobald es regnet, werden die Leute nervös“, erzählt Vincent.

Während Nordfrankreich mit immer extremeren Überschwemmungen kämpft, brennt der Süden, die Küste bröckelt unter der Erosion und die Alpengletscher schmelzen. Fast jede Gemeinde im Land ist mindestens einem großen Naturrisiko ausgesetzt.

Nahezu ein Viertel der Französinnen und Franzosen gibt an, wegen der Klimarisiken in ihrer Gemeinde einen Umzug in Betracht zu ziehen, zeigt eine aktuelle Odoxa-Umfrage (Quelle auf Englisch). 2022 wurden rund 45.000 Menschen durch Umweltkatastrophen vertrieben. Frankreich zählt damit zu den von der Erderwärmung am stärksten betroffenen Ländern Europas. Die Frage lautet inzwischen weniger, ob Menschen umziehen, sondern in welchem Ausmaß.

Ein Kontinent gerät in Bewegung

Wenn sich einige der düstersten Szenarien der Klimaforschung bewahrheiten, könnte Europa bis 2050 im Schnitt 2,5 Grad wärmer sein als in vorindustrieller Zeit. Im Süden würden dann längere Dürren und häufigere extreme Hitzewellen drohen, in Mittel- und Westeuropa heftigere Niederschläge und ein deutlich höheres Überschwemmungsrisiko.

Wie Giatropoulos in Griechenland und Maquignon in Frankreich werden dann Millionen Menschen innerhalb ihrer Länder umziehen müssen – dorthin, wo es Arbeit, funktionierende öffentliche Dienste oder einfach eine sicherere Umgebung gibt.

„In den kommenden Jahren werden wir immer mehr interne Klimamigrantinnen und -migranten sehen“, sagt Pavlos Baltas, Demograf am Nationalen Zentrum für Sozialforschung Griechenlands. „Wenn Menschen an einem Ort nicht mehr leben können, ziehen sie weiter.“

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