Ein linksextremistischer Anschlag legt den Südwesten Berlins lahm, Zehntausende sind ohne Strom, eine Frau stirbt. Doch anders als nach rechtsextremen Taten bleiben große Proteste aus. Warum?
Der linksextremistische Anschlag der Vulkangruppe - deren Beteiligung von der Polizei inzwischen als sehr realistisch eingeschätzt wird - hatte massive Auswirkungen auf den Südwesten von Berlin:
Tagelang waren rund 50.000 Haushalte bei eisigen Temperaturen ohne Strom, darunter auch Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Tausende Menschen harrten deshalb in ihren ausgekühlten Wohnungen aus oder wurden in Notunterkünften untergebracht.
In sozialen Netzwerken und Medien kursierten Bilder, die das Ausmaß der Lage zeigten: vulnerable Gruppen auf Feldbetten in Turnhallen, alte Menschen in Notunterkünften, dunkle Straßenzüge, dazu Aufnahmen von Soldaten der Bundeswehr, die bei der Versorgung aushalfen.
Wie inzwischen bekannt wurde, starb während des Stromausfalls zudem eine 83-jährige Frau. Ein Angehöriger fand sie am Dienstagabend (6. Januar) leblos in ihrer Wohnung im betroffenen Gebiet. Inwiefern ihr Tod direkt mit den Folgen des Anschlags zu tun hat, wird derzeit noch geprüft. Die Behörden haben eine Obduktion angeordnet.
Trotz all dieser erheblichen Folgen und des Todesfalls bleiben größere Straßenproteste bislang jedoch aus. Das wirft die Frage auf: Warum formiert sich kein Protest, wie er nach rechtsextremen Gewalttaten häufig zu beobachten ist?
Für den politischen Soziologen und Gründungsmitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung Dr. Simon Teune ist das nicht überraschend. Es gebe mehrere Gründe, warum in diesem Fall größere Straßenproteste bislang ausgeblieben sind.
Diffuser Gegner
Einer der Hauptgründe für das Ausbleiben von Protesten liegt für den Soziologen Simon Teune in der diffusen Ausgangslage. "Es braucht so etwas wie einen Adressaten. Und wenn noch nicht einmal klar ist, von wem diese Attacke ausgegangen ist, ist es natürlich auch schwierig, Menschen zu mobilisieren", sagt Teune.
Zwar hat sich die sogenannte Vulkangruppe zu den Taten bekannt, inzwischen existieren jedoch mehrere - teils widersprüchliche - Bekennerschreiben. Diese wurden auf einem Portal veröffentlicht, das in der Vergangenheit wiederholt auch Falschmeldungen verbreitet hat.
Die Ermittlungen der Sicherheitsbehörden dauern an, eine eindeutige Zuordnung ist bislang nicht abgeschlossen.
Entsprechend bleibt auch die Gruppe selbst für viele schwer greifbar. Über konkrete Mitglieder oder belastbare Strukturen ist öffentlich nur wenig bekannt, auch wenn der Verfassungsschutz die Gruppierung seit längerem beobachtet.
Diese Unklarheit erschwert aus Sicht Teunes die Mobilisierung zusätzlich. "In dem Fall ist zunächst unklar, gegen wen sich ein Protest richten sollte - und mit welchen konkreten Forderungen man auf die Straße geht", so der Soziologe.
Zugleich verweist er darauf, dass nicht jede gesellschaftliche Problemlage automatisch Protest auslöst. Anlässe dafür gebe es viele, Protest sei jedoch voraussetzungsvoll.
Geringere Gefahrenwahrnehmung
Ein weiterer Grund für die geringe Mobilisierung ist nach Einschätzung von Simon Teune die unterschiedliche gesellschaftliche Wahrnehmung von Bedrohung. Während Rechtsextremismus von breiten Teilen der Bevölkerung als akute Gefahr für die demokratische Kultur und staatliche Institutionen wahrgenommen werde, gelte dies für die radikale Linke nicht in gleicher Weise.
Das spiegelt sich auch in Umfragedaten wider. In einer Erhebung von Statista zu den größten Gefahren für die Demokratie in Deutschland gaben 2025 rund 30 Prozent der Befragten an, steigenden Rechtsextremismus beziehungsweise Rechtspopulismus als größte Bedrohung zu sehen.
Entsprechend fehlt also ein allgemeines Bedrohungsgefühl, das über die konkrete Situation hinausreicht. "Diese Gruppen werden nicht als relevante Gefahr für die demokratische Ordnung wahrgenommen", so Dr. Teune.
Diese Einschätzung sei laut Teune auch dadurch geprägt, dass es sich bei den Vulkangruppen um sehr kleine Gruppierungen ohne größeren gesellschaftlichen Resonanzraum handele.
Allerdings deuten jüngere Umfragen im Zusammenhang mit dem Stromausfall auf eine mögliche Verschiebung der Gefahrenwahrnehmung hin. Laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag von WELT TV vom 10. Januar 2026 gaben 34 Prozent der Befragten an, sich von Linksextremismus bedroht zu fühlen, 32 Prozent von Rechtsextremismus und 31 Prozent von beiden gleichermaßen.
Zögerlichkeit gegen Linksextremismus?
Neben der gesellschaftlichen Wahrnehmung spielen nach Einschätzung des Soziologen Simon Teune jedoch auch bestehende Proteststrukturen eine zentrale Rolle. Fehlende Mobilisierungsnetzwerke seien ein weiterer Grund dafür, warum keine größere Demonstrationen zu erwarten sind.
Proteste aus dem linken und zivilgesellschaftlichen Spektrum richteten sich in Deutschland traditionell vor allem gegen Rechtsextremismus und rechte Parteien. Mobilisierungsnetzwerke, Bündnisse und Aktionsgruppen seien auf diese Themen ausgerichtet.
Entsprechend fehle häufig der Impuls, bei linksextremistisch motivierten Taten auf die Straße zu gehen. Für Grenzüberschreitungen in Richtung Rechtsextremismus gebe es dagegen etablierte Strukturen, die schnell viele Menschen auf die Straße bringen könnten.
Eine grundsätzliche Zögerlichkeit, gegen Linksextremismus zu protestieren, sieht er nicht.
"Es sind einfach unterschiedliche Mobilisierungsnetzwerke, die Anlässe entweder nutzen oder nicht nutzen, um zu Protesten zu mobilisieren - und das mit unterschiedlichem Erfolg", sagt Teune.
Protestkultur von Links
Dass bislang weder aus dem linken Spektrum noch aus der politischen Mitte größere Proteste zu beobachten sind und ebenso wenig aus dem konservativen oder rechten Lager, erklärt der Soziologe Simon Teune zudem mit unterschiedlichen Protestkulturen in diesen Milieus.
Straßenproteste seien in Deutschland traditionell deutlich stärker von linken und linksliberalen Gruppen geprägt. Konservative und rechte Milieus gingen seltener auf die Straße, so Teune. Entsprechend fehle auch hier eine eingeübte Protestpraxis, die schnell Empörung in sichtbare Mobilisierung auf der Straße übersetzen könne.
Allerdings habe sich das Bild seit 2015 teilweise verändert. Im Zuge der Debatten über Migrationspolitik sei mit Bewegungen wie Pegida erstmals eine stabilere Protestkultur von rechts entstanden. Diese habe auch Menschen mobilisiert, die sich nicht selbst als extrem rechts verstehen, zugleich aber populistische, verschwörungsideologische oder rechtsextreme Deutungen auf der Straße mitgetragen hätten.
Grundsätzlich hält Teune es daher für möglich, dass sich auch aus dem rechtsextremen Spektrum noch Proteste formieren könnten - etwa dann, wenn sich das Thema vor den Landtagswahlen als politisch nützlich erweisen würde.
Für Konservative sei jedoch Protest nicht das Mittel der Wahl, um politische Unzufriedenheit auszudrücken.
Politische Reaktionen auch ohne Proteste
Egal, ob es nun noch zu größeren Protesten kommt oder nicht: Politische Reaktionen hat der Fall bereits ausgelöst.
So kündigte der CSU-Politiker Alexander Dobrindt eine Verschärfung des Kurses gegen Linksextremismus an. "Wir schlagen zurück und überlassen den Linksextremisten und Klimaextremisten nicht das Feld", sagte Dobrindt der Bild am Sonntag. Sicherheit habe oberste Priorität. Geplant seien mehr Personal, erweiterte digitale Befugnisse für die Sicherheitsbehörden sowie strengere Gesetze zum Schutz kritischer Infrastruktur. Konkrete Zahlen oder Zeitpläne nannte er nicht.
Auch die Nachrichtendienste sollen nach diesen Vorstellungen personell aufgestockt werden und digitale Spuren schneller verfolgen dürfen, um die linksextremistische Szene besser auszuleuchten. Details dazu sind bislang offen.
Unterstützung für einen stärkeren Fokus auf den Schutz kritischer Infrastruktur kommt auch aus den Sicherheitsbehörden. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, plädierte im Gespräch mit dem Nachrichtenportal The Pioneer für ein Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro. Damit solle über einen Zeitraum von zehn Jahren zusätzliches Personal und bessere Ausstattung finanziert werden - etwa zum Schutz von Energieanlagen oder Unterseekabeln.
Parallel dazu wird auf Bundesebene über eine stärkere strukturelle Absicherung kritischer Infrastruktur beraten. Der Bundestag befasst sich derzeit mit einer Reform gesetzlicher Regelungen, nach der Betreiber von Energie-, Wasser- oder Telekommunikationsnetzen Störfälle künftig melden und umfassende Risikopläne vorlegen sollen. Der Deutsche Städtetag fordert darüber hinaus eine "nationale Blackout-Reserve" des Bundes, etwa in Form mobiler Kraftwerke.
Inwiefern die politische Debatte und die angekündigten Maßnahmen tatsächlich Auswirkungen auf die Bekämpfung linksextremistischer Anschläge und die Resilienz kritischer Infrastruktur haben werden bleibt abzuwarten. Das gilt allerdings auch für Situationen, in denen den politische Reaktionen breite Straßenproteste vorausgehen.