Die geltenden Regeln zum "Erscheinungsbild der Soldatinnen und Soldaten" sollen aktualisiert werden, wohl auch um mehr junge Leute für die Bundeswehr zu gewinnen. Es geht darum, welche Frisuren, Bärte und Tätowierungen erlaubt werden. RND spricht vom "Rapunzel Erlass".
Schon 2019 fühlte sich ein Stabsfeldwebel von der zentralen Dienstvorschrift zum "äußeren Erscheinungsbild der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr" diskriminiert. Für die Frisuren gelten bei der Bundeswehr unterschiedliche Regeln für Männer und Frauen: "Die Haare von Soldaten müssen kurz geschnitten sein. Ohren und Augen dürfen nicht bedeckt sein."
Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) spricht vom "Rapunzel-Erlass", denn es heißt darin auch: "Die Haartracht von Soldatinnen darf die Augen nicht bedecken. Haare (...) sind am Hinterkopf komplett gezopft auf dem Rücken oder gesteckt zu tragen."
Der 51-jährige Stabsfeldwebel zählte sich zur Gothic-Szene und wollte seine lange Haarpracht nicht abschneiden. Schließlich galten Männer mit langen Haaren in anderen Kulturen als besonders männlich. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder trat zuletzt bei der Fastnacht in Franken als schottischer Braveheart auf.
Dem Argument des Bundeswehr-Grufti schloss sich die Justiz nicht an, aber das Bundesverwaltungsgericht Leipzig forderte innerhalb eines "überschaubaren Zeitrahmens" eine Überarbeitung der Dienstvorschrift.
"Zunehmend Unmut" bei Soldatinnen und Soldaten
Daran erinnert jetzt der Wehrbeauftragte des Bundestages, Henning Otte von der CDU, das Verteidigungsministerium, das SPD-Politiker Boris Pistorius leitet. "Seit mehr als sieben Jahren warten unsere Soldatinnen und Soldaten auf eine neue Rechtsgrundlage für das äußere Erscheinungsbild, nachdem das Bundesverwaltungsgericht eine entsprechende Neuregelung angemahnt hat. Dass sich Angehörige der Bundeswehr bis heute an einer veralteten Vorschrift orientieren müssen, sorgt zunehmend für Unmut und ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel", so Otte im Gespräch mit dem RND.
Schon Ottes Vorgängerin als Eva Högl von der SPD hatte seit Jahren Verbesserungen in mehreren Bereichen der Bundeswehr angemahnt.
Offenbar erhofft sich der Wehrbeauftragte Henning Otte durch neue Regeln zum Look auch, dass sich dann mehr junge Leute für einen Dienst bei der Bundeswehr entscheiden. Angesichts von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und anderer neuer Herausforderungen sollen schon in diesem Jahr 20.000 Freiwillige angeworben werden.
Das Problem mit Tattoos und Bärten
In der Zielgruppe der neu zu Rekrutierenden, die bei der Truppe 2.200 Euro netto pro Monat verdienen könnten, erfreuen sich laut dem Merkur Tätowierungen besonderer Beliebtheit. Etwa die Hälfte der Deutschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren ist tätowiert. Der alten Vorschrift zufolge sind Tattoos "soweit sie beim Tragen einer Uniform sichtbar sind (...) in geeigneter und dezenter Weise abzudecken." Das Verbot von Hand- oder Halstattoos gilt inzwischen allerdings als kaum noch durchsetzbar.
Frauen - und sicher auch Männer - dürfen bei der Bundeswehr keinen farbigen Nackellack tragen, von Kunstnägeln ganz zu schweigen: "Die Fingernägel dürfen die Fingerkuppe nicht überragen." Erklärt wird diese Regel mit der "uneingeschränkten Handhabung/Bedienung von Ausrüstung und Gerät".
Für Soldaten sind längere Bärte verboten. Wörtlich steht in der Dienstvorschrift: "Bärte sind gepflegt und gestutzt zu halten. Will sich der Soldat einen Bart wachsen lassen, muss er dies während seines Urlaubs tun. Disziplinarvorgesetzte können Ausnahmen genehmigen." Dabei gelten Bärte als Sicherheitsrisiko - zum Beispiel beim Tragen von ABC-Masken.
Frankreich: Kurzes Haar beugt Läusen vor
In den meisten Armeen der Welt gelten strenge Richtlinien für das Tragen der Uniform und für die Frisuren. "Kurzes Haar beugt Parasiten wie Läusen vor und erleichtert die Pflege unter schwierigen Bedingungen", schreibt ein französischer Militärblog. Darin wird zudem behauptet: "Der Militärhaarschnitt ist heutzutage auch außerhalb der Streitkräfte ein beliebter Trend."
Tatsächlich befasst sich schon das veraltete Regelwerk der Bundeswehr mit problematischen Einstellungen beim Thema Tattoos: "Sie dürfen die Würde des Menschen nicht verletzen. Sie dürfen keine diskriminierenden oder pornografischen Motive sowie keine Inhalte aufweisen, die den Werten und Normen des Grundgesetzes oder den strafrechtlichen Bestimmungen widersprechen."
Immer wieder - wie beim Besuch der Elite-Einheit KSK Calw - betont Verteidigungsminister Boris Pistorius, dass Rechtsextremismus und sexuelles Fehlverhalten allem widerspreche, wofür die Bundeswehr stehe.
Die neuen Regeln zum Look von Soldatinnen und Soldaten hatten bei dem laut Umfragen beliebtesten Minister, der seit 2023 im Amt ist, offenbar keine Priorität. Neben den hybriden Angriffen Russlands auch gegen Deutschland, sorgt sich Pistorius - wie er im Gespräch mit Euronews erklärte - derzeit auch um die Folgen der Aussetzung der Öl-Sanktionen gegen Moskau für die Ukraine.