Seit Beginn des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges auf die Ukraine vor fast vier Jahren hat sich Europa auf die NATO-Ostflanke konzentriert. Muss in Zukunft die Arktis verteidigt werden, und hat die Bundeswehr die Ressourcen dafür?
Seit mehreren Wochen dominiert die größte Insel der Welt die Schlagzeilen: Grönland. Wiederholt forderte US-Präsident Donald Trump, die USA müssten die Arktisinsel erwerben.
Nun versuchte er während seiner Rede in Davos, die NATO-Verbündeten zu beschwichtigen. Zwar bekräftigte Trump, weiterhin darauf zu bestehen, dass Grönland zu den USA gehören solle, betonte jedoch, er werde dieses Ziel nicht mit Gewalt verfolgen.
Als Grund für den Erwerb der Arktisinsel nennt der Präsident die nationale Sicherheit der USA. Seiner Ansicht nach könnten sowohl China als auch Russland versuchen, die Insel einzunehmen. NATO und Dänemark hätten in den vergangenen Jahren nicht genug getan, um die Sicherheit Grönlands zu gewährleisten. Das könne – so Trump – letztlich nur die USA.
Um dieser Anschuldigung zu begegnen, haben Dänemark und andere NATO-Partner am vergangenen Wochenende ein Erkundungsteam nach Grönland entsandt. An der Mission waren auch 15 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr beteiligt. Die Soldaten sollten voraussichtlich bis zum 20. Januar in Grönland bleiben, wurden aber einen Tag früher aufgrund der Wetterbedingungen abgezogen.
Laut Henrik Schilling vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) muss hier zwischen Friedenszeiten und einem Einsatz unter Kriegsbedingungen unterschieden werden, da dort jeweils unterschiedliche Vorgaben gälten. "Wenn zum Beispiel eine Landebahn völlig vereist ist, dann landet man da eben nicht in Friedenszeiten, in Kriegszeiten wäre das eben was anderes", erklärt er im Gespräch mit Euronews.
Berichten zufolge soll Trump diese Mission unter dänischer Führung "falsch aufgenommen" haben, wurde dann aber vom britischen Premierminister Keir Starmer beschwichtigt.
Schilling erklärt, dass diese Mission für ihn jedoch nicht "aus heiterem Himmel" kam, da die Marine häufiger an Manövern in der Arktis beteiligt sei. So kehrte zum Beispiel der Einsatzgruppenversorger "Berlin" im Dezember vergangenen Jahres nach der Teilnahme an multinationalen Manövern im Nordatlantik sowie vor der US-Küste nach Deutschland zurück.
Ist Grönland wichtig für die nationale Sicherheit Deutschlands und Europas?
Trump begründet seine Pläne, Grönland zu erwerben, mit der nationalen Sicherheit der USA. Obwohl der US-Bundesstaat Alaska ebenfalls an Russland grenzt, will Trump verhindern, dass Russland oder China Einfluss über Grönland gewinnen und damit zu direkten Nachbarn der Vereinigten Staaten werden.
Schilling zufolge ist die Arktis in den vergangenen Jahren generell "immer wichtiger" geworden und nennt als Grund mitunter den strategisch wichtigen See- und Luftraum zwischen Grönland, Island und Großbritannien, bekannt als GIUK-Lücke. Die Lücke gilt als Engpass für die russische Marine- und U-Boot-Bewegung zwischen dem Nordatlantik und der Arktis.
"Darüber hinaus ist es wohl auch so, dass in Grönland einige Ausweichflugplätze sind. Falls im Atlantik mal irgendwas sein sollte, könnte man entsprechend von dort aus operieren."
Generell wird die Arktis als Gebiet immer wichtiger, da dort verschiedene Gebietsansprüche der Anrainerstaaten bestehen, darunter von Russland, und auch China baue seinen Einfluss aus, so Schilling, der erklärt, dass das vor allem auch damit zusammenhängt, dass "sich in der Region ganz neue Versorgungsrouten ergeben".
Durch das fortschreitende Abschmelzen des Eises könnten arktische Gewässer künftig zunehmend eisfrei und damit für die Schifffahrt nutzbar werden. Konkrete Anzeichen dafür, dass China oder Russland unmittelbar eine Übernahme Grönlands anstrebten, gibt es bislang jedoch nicht.
Peking weist offiziell Vorwürfe zurück, die UN-Charta untergraben zu wollen, und betont deren Rolle als Garant staatlicher Souveränität. Am Montag rief Außenamtssprecher Guo Jiakun die USA dazu auf, die angebliche "China-Bedrohung" in Grönland nicht länger als Rechtfertigung für Strafzölle gegen europäische Staaten heranzuziehen.
Ständige Präsenz in der Arktis?
Ein Sprecher der Marine bestätigt in einem Statement an Euronews, dass die "deutsche Marine ihre Fähigkeiten auf die Landes- und Bündnisverteidigung entlang der Nordflanke der NATO konzentriert", also dem Nordatlantik mit dem Europäischem Nordmeer, der Nordsee und der Ostsee.
Schilling zufolge verfügt die Bundeswehr zwar über das entsprechende Material und Personal "in dem Sinne, um in der Region agieren zu können", doch bestehe auch hier das Problem, dass die deutschen Streitkräfte insgesamt über zu wenige Soldatinnen und Soldaten verfügen.
Neben dem Personalmangel der Bundeswehr ergänzt Schilling, dass sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 auch die Anforderungen gewandelt hätten. So sei die Marine zuvor vor allem an Friedens- und Stabilisierungsmissionen beteiligt gewesen, erklärt Schilling. Dazu zählten etwa Flüchtlingsrettungen sowie Anti-Piraterie-Einsätze vor der Küste Afrikas.
"Das hat sich jetzt zu Landes- und Bündnisverteidigung gewandelt", erklärt er und deutet auf die stärkere Präsenz in der Ostsee. "Das ist quasi das Problem: Man kann nicht alles bedienen, und man muss priorisieren", so Schilling.
Wenn dieser Bereich priorisiert werde und damit in den Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung falle, sei ein entsprechendes Engagement grundsätzlich machbar. In diesem Fall stünde auch das notwendige Gerät zur Verfügung. Die vorhandenen Schiffe der Marine entsprechen zwar deutschen Marinestandards, sind jedoch keine Eisbrecher und könnten bei starker Vereisung nicht eigenständig operieren.
Dieses Manko ließe sich ihm zufolge jedoch durch Kooperationen innerhalb der NATO oder mit Partnerstaaten kompensieren, die über entsprechende Fähigkeiten verfügen.
Schilling räumt jedoch ein, dass der Zeitpunkt der erhöhten Aufmerksamkeit auf die Arktis des US-Präsidenten zu "einem ziemlich ungünstigen" Zeitpunkt kommt, "da wir die Kräfte eben auch hier brauchen" würden, sollte die NATO und somit die Bundeswehr ein Kontingent Soldaten und Soldatinnen für die Arktis bereitstellen. Bislang ist keine Mission dieser Art geplant.
Verglichen werden kann das beispielsweise mit den Waffenlieferungen an die Ukraine, erklärt Schilling. "Natürlich gibt man erst mal die eigenen Waffen weg, die man hofft, jetzt in den nächsten Jahren nicht selber zu brauchen. Sie fehlen aber trotzdem erst einmal. Waffen kann man jedoch nachproduzieren, das ist bei Personal nicht ganz so einfach. Das dauert sehr viel länge", erklärt der Experte vom ISPK.
Entscheidend sei ihm zufolge der kontinuierliche Aufbau von Präsenz, idealerweise im NATO-Rahmen und in enger Abstimmung mit den Partnerstaaten, um eine funktionierende Rotation zu gewährleisten. Auf diese Weise könne zugleich demonstriert werden, dass die NATO zu einem solchen Engagement in der Lage ist.
Auch der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Oberst Mitko Müller, sagte am 19. Januar in der Bundespressekonferenz, dass die Bundeswehr grundsätzlich für Einsätze in arktischen und polaren Regionen befähigt ist. Spezialisierte Einheiten wie die Gebirgsjäger absolvieren regelmäßig Kälte- und Hochgebirgsausbildungen, etwa in Norwegen.