Mit der Unterstellung zweier Kampftruppenbataillone am 29. Januar ist der Aufbau der Brigade Litauen einen weiteren formalen Schritt vorangekommen. Die Einbindung der Verbände ist Teil der geplanten schrittweisen Stationierung deutscher Kräfte in Litauen.
Laut Einschätzungen eines Bundeswehr-Generals bereitet sich Deutschland auf einen möglichen russischen Angriff in zwei Jahren vor.
In einem Interview mit der britischen Times erklärt der Chef des neuen Unterstützungsführungskommandos der Bundeswehr, Gerald Funke, wie ein mögliches "Worst-Case-Szenario" aussehen könnte: ein großangelegter russischer Angriff auf die NATO im Baltikum.
Deutschland wäre bei einem Angriff dieser Art aufgrund der in Litauen stationierten Brigade sofort involviert, gefolgt von zehntausenden NATO-Truppen, die trotz möglicher hybrider Angriffe über deutsche Häfen und Verkehrswege an die Ostflanke verlegt würden.
Deutschland käme dabei eine zentrale Rolle als logistisches Drehkreuz der NATO zu, wie es auch im Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) heißt. Nach Informationen des Wall Street Journal umfasst der Plan ein geheimes, rund 1.200 Seiten langes Dokument, das vor über zweieinhalb Jahren verfasst wurde und nun "auf Hochdruck" umgesetzt werden soll.
Der OPLAN DEU gilt als der militärische Plan für die Verteidigung Deutschlands, in dem die zentralen Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung mit den dafür notwendigen zivilen Bereichen und Verantwortlichkeiten koordiniert und zusammengeführt werden.
"Der Schutz von Vilnius ist auch der Schutz von Berlin"
Bei seinem Besuch im Operativen Führungskommando am Standort Schwielowsee bekräftigte der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas, dass auch er einen russischen Angriff für möglich hält. Zugleich schränkte er jedoch ein, dass ein kleinerer, militärisch begrenzter Angriff, der darauf abziele, die europäische Sicherheitsarchitektur und das Bündnis zu testen, wahrscheinlicher sei.
Aus diesem Grund wurde am Rathaus in Vilnius vergangenes Jahr eine Plakette mit einem Zitat des deutschen Bundeskanzlers erstellt. Dort heißt es: "Die Sicherheit Litauens ist unsere Sicherheit. Der Schutz von Vilnius ist auch der Schutz von Berlin."
Das Zitat stammt aus einer Rede des Bundeskanzlers, die er im Mai vergangenen Jahres beim Aufstellungsappell der in Litauen stationierten Bundeswehrbrigade hielt.
Zur Stärkung der Sicherheit Litauens beschloss die Bundesregierung 2023 erstmals, eine Kampfbrigade der Bundeswehr dauerhaft außerhalb Deutschlands zu stationieren: die Panzerbrigade 45, auch bekannt als "Brigade Litauen".
Nach einem Treffen mit der litauischen Ministerpräsidentin Inga Ruginienė am 29. Januar in Berlin bekräftigte Merz, dass Deutschland zu seiner Verantwortung stehe und mit der Stationierung der Brigade Litauen gemeinsam in die Sicherheit Europas investiert werde.
"Diese Brigade ist kein politisches Symbol, sondern ein militärischer Beitrag zur Abschreckung und zur Verteidigung", bekräftigte der Kanzler.
Die meisten Kräfte der Brigade werden etwa 30 Kilometer entfernt von der belarussischen Grenze in Rūdninkai stationiert sein.
Zudem wird die unter deutscher Führung stehende NATO-Battlegroup – ein gemischter Kampfverband aus derzeit rotierend acht Bündnisstaaten – in die Struktur integriert. Sie ist im zentrallitauischen Rukla stationiert, einem weiteren wichtigen Einsatz- und Stützpunkt für Teile der deutschen Truppen im Baltikum.
"Vorgabe Kriegstüchtigkeit"
Bis 2027 sollen neben 200 zivilen Mitarbeitern rund 4.800 Soldaten als Teil der Brigade Litauen dauerhaft an der NATO-Ostflanke unter der Vorgabe "Kriegstüchtigkeit" stationiert sein.
Bereits 500 Angehörige sind permanent vor Ort stationiert, erklärte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nach dem Treffen mit seinem litauischen Amtskollegen Robertas Kaunas. Er fügte hinzu, dass am 29. Januar zwei Kampftruppenbataillone – das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf und das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach – der Brigade unmittelbar unterstellt wurden.
Anschließend wird die multinationale Battlegroup Litauen der Panzerbrigade 45 im Februar unterstellt. Rund 1.800 Brigadeangehörige werden dann vor Ort ihren Dienst in Litauen leisten, so Pistorius, der ergänzte: "Wir sind im Zeitplan, die Brigade wächst auf und sie übt vor Ort. 2026 wird ein Jahr mit besonders intensiven Übungstätigkeiten mit deutscher Beteiligung."
Pistorius zufolge werden die Bataillone 203 und 122 nach der Fertigstellung der erforderlichen zivilen und militärischen Infrastruktur durch Litauen in Rūdninkai und Rukla stationiert. "An der Stelle will ich einmal mehr Danke sagen für die außerordentliche Zuverlässigkeit und Zielstrebigkeit unserer litauischen Freunde bei der Herstellung der Infrastruktur für unsere Brigade", ergänzte Pistorius.
Der deutsche Verteidigungsminister bezieht sich hier auf die sogenannte "Rūdninkai Military Town", die nahe der belarussischen Grenze momentan gebaut wird. Diese Kasernenanlage ist für bis zu 3.000 Soldaten und Soldatinnen ausgelegt und soll Ende 2027 fertiggestellt werden.
Ein Sprecher des Heeres bestätigt auf Anfrage von Euronews, dass in Augustdorf das Panzerartilleriebataillon 215 neu entsteht, während das Artilleriebataillon 131 von Weiden nach Oberviechtach verlegt wird.
Das Jahr, in dem Russland die NATO angreifen könnte
Die Einschätzung von General Funke vom Unterstützungsführungskommando, dass Russland in zwei Jahren möglicherweise einen Angriff auf das Bündnis starten könnte, deckt sich mit dem "Joint Threat Assessment" der NATO, das auf nachrichtendienstlichen Erkenntnissen zu Russlands Rüstungsproduktion und Rekrutierung fußt.
Demnach könnte Moskau bis etwa 2028 oder 2029 eine Armee von bis zu 1,5 Millionen Soldaten aufbauen. Generalinspekteur Carsten Breuer betont, dass das nicht bedeutet, dass Russland dann angreifen werde – wohl aber, dass es dazu fähig sein könnte.
Um deswegenmöglichst schnell verteidigungsfähig – und somit auch "kriegstüchtig" – zu werden, sieht der Haushalt der Bundesregierung eine Steigerung des Verteidigungsetats bis 2029 auf fast 153 Milliarden Euro vor.