In Deutschland gibt es immer mehr Biberratten - so viele, dass Jäger sie seit 2023 in bestimmten Gebieten abschießen dürfen. Doch inzwischen landen Nutria auch im Kochtopf, andere Landkreise haben ein Kopfgeld ausgesetzt.
Einst wurden Biberratten, oder auch Nutrias, für ihre Pelze gezüchtet, doch nun gerät die Population der kleinen Nagetiere außer Kontrolle. So viele wie im vergangenen Jahr wurden noch nie gezählt. Während Jäger in manchen Regionen Kopfgeld für den Abschuss erhalten, landen die Nagetiere anderswo auf dem Teller.
Kann man so eine drohende Ausbreitung eindämmen?
Biberratten als Delikatesse
Gegrillt, am Spieß, als Nuggets oder Keule - der Deutsche Jägerverband votiert nicht nur für den Abschuss von Biberratten, er verlinkt auf seiner Webseite auch Rezepte zu "modernen Wildgerichten" mit Nutriafleisch.
Das Tier galt schon früher und insbesondere in seiner Heimat Südamerika als "Delikatesse" - mehrere Restaurants und Catering-Service bieten deren Fleisch auch heutzutage an. So auch die Cateringunternehmerin Anne Muus-Seyfferth in Horsdorf im Kreis Ostholstein. Sie serviert ihren Gästen das Fleisch der Nagetiere als Ragout, Braten oder im Burger, wie sie dem Westfälischen Anzeiger (WA) erklärt hat.
"Warum soll das entsorgt werden, es ist gesundes Fleisch" wird Muus-Seyfferth im WA zitiert. Bis zu acht Kilogramm könne ein männliches Tier auf die Waage bringen. Verarbeitet wird es wie das Fleisch von Gänsen oder Hähnchen, schmecken soll es ganz zart und mild. Das Fleisch der Nager gilt als besonders fettarm.
Gejagt werden die Tiere für die Küche mit Lebendfallen. Nach dem Fang werden die Tiere erschossen und weiterverarbeitet.
Kopfgeld für Biberratten verdoppelt
In mehreren Regionen Deutschlands ist die Jagd auf Nutrias erlaubt. Seit Januar 2024 dürfen Jäger in Schleswig-Holstein die Tiere ganzjährig bejagen, auch in Niedersachsen. Im Jagdjahr 2024/2025 wurden dort insgesamt knapp 54.000 Nutrias erlegt.
Laut dem Wildtier-Informationssystem der Länder kamen die Nager 2023 in 35 Prozent der teilnehmenden Jagdreviere vor - doppelt so viele wie 2015.
In einigen Regionen haben Gemeinden und Städte das Kopfgeld auf Nutrias erhöht. Die Umweltbehörde Hamburg hat etwa seit Dezember 2025 das Kopfgeld von sieben auf 14 Euro verdoppelt, die sogenannte Aufwandsentschädigung für Jäger gab es bereits seit 2023. Im Landkreis Leer (Ostfriesland) sind es 8 Euro. Die Tiere untergraben Deiche und gefährden den Hochwasserschutz.
Auch in Neuruppin wurden wiederholt Nutrias gesichtet. Der zuständige Gewässerunterhaltungsverband beauftragte daher in Abstimmung mit dem Landesamt für Umwelt einen Jäger, um Vermehrung und Ausbreitung zu verhindern. Das teilte die Stadt auf ihrer Webseite mit.
Deutschlandweit hat sich die Verbreitung der Nutrias in den vergangenen Jahren verdoppelt. "Die Nutrias haben keine natürlichen Feinde", sagte der Jäger Ulf-Peter Schwarz der Ostsee-Zeitung. Die Tierrechtsorganisation Peta hingegen bezeichnet unter anderem Füchse, Luchse, Greifvögel, größere Marderarten und Wölfe als natürliche Gegenspieler.
Nichtsdestrotrotz steigt die Zahl der Nutria-Population weiter an. "Vielmehr sind wir Menschen selbst daran schuld, dass sich Tiere hierzulande überhaupt ausbreiten konnten, denn Nutrias wurden aus rein egoistischen Gründen eingeschleppt und konnten sich nur durch Zutun des Menschen ausbreiten", erklärte Peta weiter.
Schäden für die Artenvielfalt und Landwirtschaft
Die Europäische Union hat Nutrias im Jahr 2016 auf ihre Liste der bedenklichen invasiven gebietsfremden Arten gesetzt. Dadurch entstehen "Beschränkungen für Haltung, Einfuhr, Verkauf, Zucht, Anbau und Freisetzung [von Nutrias] in die Umwelt".
Nutrias gelten als Schädlinge, denn sie wirken sich auf die Artenvielfalt und die Landwirtschaft aus. Weil sie extrem viel fressen, gehen insbesondere Getreide, Wurzelfrüchte und Setzlinge an die Nagetiere verloren. Ihre Leibspeise: Wurzeln und Triebe - teilweise gehen dadurch gesamte Pflanzen kaputt, obwohl nur ein kleiner Teil davon wirklich verspeist wird.
Durch den Bau von komplexen Höhlen- und Gräbensystemen bringen sie nicht nur Deiche zum Zusammenbruch, sondern auch die Böschungen in Ufernähe. Damit begründet beispielsweise auch das Landwirtschaftsministerium in Brandenburg die Bekämpfung der Tiere. Sie werden zur Gefährdung für den Hochwasserschutz.
Auch mildere Winter und die Fütterung der Tiere an Ufern begünstigten ihre Vermehrung. Im Jagdjahr 2023/24 sollen bundesweit knapp 117.500 Nutrias erlegt worden sein - nach Angaben des Deutschen Jägerverbands so viele wie noch nie.
Ein weiterer Faktor: Biberratten pflanzen sich über das gesamte Jahr hinweg fort, so kann eine Nutria-Mutter bis zu 15 Junge pro Jahr in mehreren Würfen zur Welt bringen. Sie haben eine Lebensdauer von etwa sechs Jahren.
Nutrias - deshalb gibt es so viele davon in Deutschland
Sie sehen den Bibern verdächtig ähnlich, doch Nutrias sind deutlich kleiner und leichter. Dunkelbrauenes Fell, im Durchschnitt vier bis neun Kilogramm, maximal werden sie 60 Zentimeter groß - schwimmen tun sie wie ihre entfernten Biber-Cousins ebenso in Ufergegenden. Ihr Alleinstellungsmerkmal: zwei große orangefarbene Schneidezähne.
Ursprünglich kommen sie aus Südamerika, doch aufgrund ihres Pelzes wurden sie im 19. Jahrhundert nach Europa eingeführt. Inzwischen gelten sie als invasive Art und sind weit über ihre heimischen Gebiete hinaus verbreitet.
Seit seiner Blütezeit im 20. Jahrhundert ist der Pelzhandel zurückgegangen – anders die Bestände der Nutrias. Denn einige der Tiere entkamen den Pelzfarmen und verwilderten, ihre Nachfahren wurden in ganz Europa überlebensfähig.
Laut dem Wildtier-Informationssystem der Länder kamen die Nager 2023 in 35 Prozent der teilnehmenden Jagdreviere vor – doppelt so viele wie 2015. Der Deutsche Jagdverband fordert deshalb die Aufnahme der Nutria ins Bundesjagdgesetz. Die Tierrechtsorganisation Peta kritisiert sowohl das Abschießen als auch das Zubereiten als Essen: Wenn der Mensch keine Nutria gezüchtet hätte, gäbe es dieses Problem nicht.