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Zwischen China und Russland: Zentralasien als "Stabilitätsanker" für Deutschlands Wirtschaft

Zentralasien: "Stabilitätsanker" oder Schlupfloch nach Russland?
Zentralasien: "Stabilitätsanker" oder Schlupfloch nach Russland? Copyright  Euronews
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Von Diana Resnik
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Deutschlands Wirtschaft tritt auf der Stelle – Energie ist teuer, Fachkräfte sind knapp, China drängt und russisches Öl fällt weg. Zentralasien lockt mit Rohstoffen und Wachstum, sagt der Ost-Aussschuss der deutschen Wirtschaft. Aber es gibt auch Kritik.

Die deutsche Wirtschaft wächst nur schwach. Strukturelle Probleme wie der Wandel zur Elektromobilität, Arbeitskräftemangel und die hohen Energiekosten belasten Deutschland dauerhaft. Das Land tritt seit fünf Jahren auf der Stelle - der günstige Energieträger Russland bleibt wegen des Krieges in der Ukraine verloren. Gleichzeitig ist Deutschland eingeschlossen zwischen Trumps Zöllen und der starken Konkurrenz aus China.

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"Die Gegenwart heißt Mittel- und Osteuropa," sagt Catharina Claas-Mühlhäuser, Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Unter dem Motto "Starke Partner im Osten" diskutierte der Ausschuss am vierten Jahrestag des russischen Angriffskriegs in der Ukraine Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven der deutschen Wirtschaftsbeziehungen mit Mittel- und Osteuropa.

Besonders ihre "Lieblingsregion", Zentralasien, sei ein echtes „Wachstums- und Konjunkturprogramm."

Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.
Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Diana Resnik

Zentralasien - eine Chance für Deutschland

Deutschland konnte sich trotz anhaltender Konjunkturflaute als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt behaupten. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) für die Nachrichtenagentur Reuters betrug das Bruttoinlandsprodukt 2025 5052 Milliarden Dollar (etwa 4244 Milliarden Euro). Doch das Wachstum entwickelt sich nur langsam und Deutschland würde mittelfristig von Ländern wie Indien abgehängt.

Zentralasien könnte eine Chance für Deutschland sein, seine anhaltende Konjunkturflaute zu überwinden. Wegen seiner Rohstoffe und der gut ausgebildeten Fachkräfte könnte Zentralasien zu einem "Stabilitätsanker für den deutschen Außenhandel" werden, sagt Claas Mühlhäuser.

In Zentralasien entwickelte sich besonders der Export nach Usbekistan sehr positiv, erklärt Claas-Mühlhäuser. Ein Plus von fast 23 Prozent. "Damit ist dieses Land der im Moment dynamischste Partner", sagt die Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft.

Länder mit günstiger Energie und vielen Rohstoffen

Turkmenistan, Taschikistan, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan - das sind die fünf Hoffnungsträger in Zentralasien, die Deutschland und Europa günstige Energie und Rohstoffe liefern und die Konjunktur in Deutschland stärken könnten.

"In einer Zeit wachsender globaler Spannungen wird immer deutlicher, wie wichtig für uns eine entschlossene Weiterentwicklung des EU-Binnenmarkts ist", sagt Claas-Mühlhäuser bereits August 2025. Gerade angesichts der geopolitischen Verwerfungen, und der Meldungen aus Amerika seien Mittel-und Osteuropa sowie Zentralasien ein "Stabilitätsanker", wiederholt Claas-Mühlhäuser auch beim Jahresauftakt auf der Pressekonferenz in Berlin.

Deutschland und die EU brauchen neue Partner, doch zu welchem Preis? Offiziell befinden sich die Beziehungen zu Russland in einer Abwärtsspirale. Laut Claas-Mühlhäuser zählen Belarus und Russland zu den Verlierern. "Die Warenlieferungen sind wegen der Situation deutlich gesunken und beschränken sich auf sehr wenige, nicht sanktionierte Bereiche", so Claas-Mühhäuser.

Umgehung der Sanktionen?

Die EU ist nach China zweitgrößter Partner der Region und mit einem Anteil von etwa 40 Prozent der größte Investor in Kasachstan. Mit Russland, China und den USA konkurrieren Deutschland und die EU um Rohstoffe und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Staaten Zentralasiens. Deutsche Unternehmen erhoffen sich hier den Ersatz der weggefallenen Russlandgeschäfte.

Doch die fünf zentralasiatischen Staaten befinden sich geostrategisch in einer schwierigen Lage zwischen Russland und China. Zur Zeit gibt es 19 Sanktionspakete gegen Moskau, bald wird das 20. Sanktionspaket verabschiedet. Doch zentralasiatische Staaten erkennen diese nicht an.

In einer Studie des Ifo Instituts von 2024 heißt es zur Lage in Russland: "Trotz hoher Militärausgaben und westlicher Energiesanktionen, die die Haushaltseinnahmen schmälern, konnten die Haushaltsdefizite im Allgemeinen unter Kontrolle gehalten werden."

ifo Institut
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"Neben China und Hongkong wurden die Türkei und die GUS-Staaten zu wichtigen Lieferanten, die den Bedarf Russlands an wirtschaftlich kritischen Gütern und häufig benötigten Artikeln deckten", heißt es weiter.

"Insbesondere für die GUS-Staaten weisen die Daten auf eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit der Sanktionsumgehung hin: für Armenien, Kasachstan, Usbekistan. Unsere Methode deutet auch auf eine Umgehung der Sanktionen für die Türkei und China hin, wenn auch in weniger extremer Form als bei den GUS-Staaten", so die Studie.

ifo institut
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In einer weiteren Studie heißt es, dass, obwohl die USA und die EU Sanktionen gegen Russland verhängt haben, bestimmte Bauteile weiterhin indirekt nach Russland gelangen: "In Bezug auf die EU sind die Exporte von Waren aus der Liste der „Common High Priority Items“ (gemeinsame Güter mit hoher Priorität) in Länder außerhalb der Sanktionskoalition besonders stark gestiegen – vor allem nach Südostasien, in die Türkei, in die Golfstaaten und nach Kasachstan", heißt es.

Laut Studie ist drei Jahre nach Beginn des umfassenden Krieges der Wert der russischen Importe im Vergleich zum Niveau vor der Invasion nur geringfügig gesunken – um etwa 3 %. Allerdings hat sich die geografische Herkunft dieser Importe deutlich verändert.

Westliche Produkte werden in begrenzten Mengen weiterhin über Nachbarstaaten, insbesondere Kasachstan, Kirgisistan und Armenien, importiert, so die Studie.

Beim Treffen der Außenminister Zentralasiens in Berlin am 11. Februar 2026 ermahnte der deutsche Außenminister Johann Wadephul die fünf Staaten: "Versuche, diese Sanktionen zu umgehen, stützen den russischen Angriffskrieg und bedrohen damit direkt die Sicherheitsinteressen der Europäischen Union."

Über den Umgang mit der Umgehung der Sanktionen sagt Claas-Mühlhäuser: "Auch wenn die sich offiziell nicht zu diesen Sanktionen bekennen, (...) ist (unser) Ansatz: 'wenn wir mit euch mehr wirtschaftlich zusammenwachsen, möchten wir gerne mehr Unterstützung (mit der Umsetzung der Sanktionen) und ich glaube, die Botschaft ist auch angekommen."

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul spricht während eines Treffens mit den Außenministern der zentralasiatischen Länder.
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul spricht während eines Treffens mit den Außenministern der zentralasiatischen Länder. AP Photo

Der Handel mit Russland geht weiter

Laut Claas-Mühlhäuser ist das Handelsvolumen mit Russland seit Beginn des Krieges stark gesunken.

Dennoch geht der Handel mit Russland weiter. In einer Untersuchung hat Euronews herausgefunden, dass rund 248 deutsche Unternehmen noch immer in Russland aktiv sind und jährlich rund 1.72 Milliarden Euro in die Kriegskasse des russischen Präsidenten Wladimir Putin einzahlen.

Auch Claas-Mühhäuser ist Mehrheitseignerin des Landmaschinenherstellers Claas, der in Russland investiert. Sie erklärt, warum viele Unternehmen so schwer aus dem Russland-Geschäft rauskommen.

"Die Gründe sind sehr vielfältig", so Claas-Mühlhäuser. Diese reichen von langjährigen Verträgen, die schwer aufzulösen sind, bis zu Verträgen, von denen die Unternehmen überhaupt nicht mehr wegkommen. Das sei bei Banken ein Riesenproblem.

Es gäbe auch Ausnahmebranchen, die nicht unter EU-Sanktionen stehen. Dazu gehöre auch die Landwirtschaft. "Russland ist einer der größten Getreidelieferanten der Welt", sagt Claas-Mühlenhäuser.

Russland und die Ukraine seien (Stand 2023) gemeinsam für ungefähr 30 Prozent des globalen Weizenexports verantwortlich - "Mais und Weizen kommen aus diesen Ländern", so Claas-Mühlhäuser. "Wenn Sie sich die Handelsströme anschauen, dann kann man ganz hervorragend darüber diskutieren, wie die Welt sich ohne diese Russlandmasse ernährt."

Landwirte ernten Weizen in der Region Kiew, Ukraine, Sonntag, 3. August 2025.
Landwirte ernten Weizen in der Region Kiew, Ukraine, Sonntag, 3. August 2025. AP Photo

"Die Erwartungshaltung, dass Sie ein Handelsvolumen auf Null sehen, ist unrealistisch", sagt Claas-Mühlhäuser auf Nachfrage von Euronews. "Es gibt kein Land, in dem wir keinen Handel treiben. "Sogar mit Nordkorea treiben wir Handel, es wird nie Null sein", so Claas-Mühlhäuser.

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