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Meerespiegel: Extreme Überschwemmungen bedrohen zusätzliche Millionen Menschen

ARCHIV - Dilrukshan Kumara blickt aufs Meer neben den Trümmern des Hauses seiner Familie in Iranawila in Sri Lanka, am fünfzehnten Juni zweitausenddreiundzwanzig.
Archivbild: Dilrukshan Kumara blickt am 15. Juni 2023 in Iranawila, Sri Lanka, neben den Resten des Hauses seiner Familie auf den Ozean. Copyright  AP Photo/Eranga Jayawardena, File
Copyright AP Photo/Eranga Jayawardena, File
Von Seth Borenstein and Annika Hammerschlag mit AP
Zuerst veröffentlicht am
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Eine neue Studie macht auf einen methodischen blinden Fleck aufmerksam: Forschende erfassen den Anstieg des Meeresspiegels offenbar unvollständig.

Der durch den Klimawandel angetriebene Meeresspiegelanstieg könnte deutlich mehr Menschen bedrohen, als Forschende und Planungsbehörden bislang annahmen. Eine am 4. März veröffentlichte Studie zeigt, dass grundlegende Annahmen darüber falsch sein könnten, wie hoch das Wasser an vielen Küsten schon heute steht.

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Das Team wertete Hunderte wissenschaftliche Arbeiten und Gefahrenanalysen aus. Das Ergebnis: Rund 90 Prozent unterschätzen die Ausgangshöhe des Küstenwassers im Mittel um etwa 30 Zentimeter, schreiben die Autoren in der Fachzeitschrift Nature. Besonders häufig tritt das Problem im Globalen Süden, im Pazifik und in Südostasien auf, in Europa und an Atlantikküsten deutlich seltener.

Ursache ist ein Missverhältnis zwischen den Messmethoden für Meer und Land, sagt Studienmitautor Philip Minderhoud, Hydrogeologieprofessor an der Wageningen University & Research in den Niederlanden.

"Methodische Blindstelle" bei der Messung des Küstenwassers

Minderhoud spricht von einer "methodischen Blindstelle". Für sich genommen erfassten Meeres- und Landmessungen ihre jeweiligen Bereiche recht genau. Dort, wo beide aufeinandertreffen, blieben jedoch viele Einflussfaktoren unberücksichtigt, vor allem in Satellitenmessungen und bodengebundenen Modellen.

Studien zu den Folgen des Meeresspiegelanstiegs "schauen meist nicht auf den tatsächlich gemessenen Meeresspiegel, sondern setzen einfach die Marke von null Metern" als Ausgangspunkt, erläutert Hauptautorin Katharina Seeger von der Universität Padua. In Teilen des Indopazifik liege dieser Referenzwert in Wirklichkeit nahe bei einem Meter, ergänzt Minderhoud.

Vereinfacht gesagt behandeln viele Arbeiten das Meer, als sei es spiegelglatt, ohne Wellen und Strömungen. In der Realität wirken am Ufer jedoch ständig Wind, Gezeiten, Strömungen, schwankende Wassertemperaturen und Phänomene wie El Niño zusammen, erklären Minderhoud und Seeger.

Wird die Ausgangshöhe an der Küste realistischer angesetzt, hat das weitreichende Folgen. Steigt der Meeresspiegel um etwas mehr als einen Meter, wie es einige Szenarien bis zum Ende des Jahrhunderts erwarten, könnten die Fluten bis zu 37 Prozent mehr Land überdecken. Zusätzlich wären zwischen 77 und 132 Millionen Menschen bedroht, so die Autoren.

Für politische Planung und die Finanzierung von Klimafolgen wäre das ein gravierendes Problem.

ARCHIV - Die Küstenlinie der Insel Efate in Vanuatu ist am 19. Juli 2025 zu sehen.
ARCHIV - Die Küstenlinie der Insel Efate in Vanuatu ist am 19. Juli 2025 zu sehen. AP Photo/Annika Hammerschlag, File

Meeresspiegelanstieg erhöht das Risiko für Millionen Menschen

"Für sehr viele Menschen ist das Risiko extremer Überschwemmungen deutlich höher, als bislang angenommen", sagt Anders Levermann, Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der nicht an der Studie beteiligt war. Südostasien, wo die Forschenden die größten Abweichungen feststellen, sei zugleich die Region, in der schon heute die meisten Menschen vom Meeresspiegelanstieg bedroht sind, so Levermann.

Minderhoud verweist auf die Inselstaaten der Region, in denen die Diskrepanz besonders sichtbar werde.

Für die 17-jährige Klimaaktivistin Vepaiamele Trief sind die Prognosen alles andere als abstrakt. Auf ihrer Heimatinsel im südpazifischen Archipel Vanuatu habe sich die Küstenlinie in ihrem kurzen Leben sichtbar zurückgezogen. Strände seien abgetragen, Bäume an der Küste entwurzelt, einige Häuser stünden bei Flut nur noch knapp einen Meter vom Meer entfernt.

Auf der Insel Ambae, auf der ihre Großmutter lebt, habe man eine Küstenstraße vom Flughafen in ihr Dorf ins Landesinnere verlegt, weil das Meer immer weiter vordringe. Gräber seien überflutet worden, ganze Lebensweisen gerieten ins Wanken.

"Diese Studien sind nicht einfach nur Worte auf Papier. Es sind nicht nur Zahlen. Es geht um die tatsächliche Existenzgrundlage von Menschen", sagt Trief. "Versetzen Sie sich in die Lage unserer Küstengemeinden. Ihr Leben wird durch den Meeresspiegelanstieg und den Klimawandel vollständig auf den Kopf gestellt."

Der Startpunkt entscheidet über das Risiko

Im Kern geht es in der neuen Studie um eine einfache Frage: Wie sieht die Lage vor Ort wirklich aus?

Berechnungen, die für das offene Meer oder das Hinterland passen, liegen an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land oft daneben, erklären Seeger und Minderhoud. Besonders ausgeprägt sei das im Pazifik.

"Um zu verstehen, wie viel höher ein Stück Land als das Wasser liegt, müssen Sie sowohl die Höhe des Landes als auch die Höhe des Wassers kennen. Nach diesem Aufsatz haben die allermeisten Studien jedoch einfach angenommen, dass die Null in ihrem Geländemodell auch dem Meeresspiegel entspricht. In Wirklichkeit stimmt das nicht", sagt Ben Strauss, Meeresspiegel-Experte und Geschäftsführer der Organisation Climate Central. Seine Studie aus dem Jahr 2019 gehöre zu den wenigen Arbeiten, die der neue Artikel ausdrücklich als korrekt hervorhebt.

"Das Problem ist schlicht der Ausgangswert, von dem aus gerechnet wird. Der ist in vielen Fällen falsch", so Strauss, der an der aktuellen Untersuchung nicht beteiligt war.

Manche Fachleute sehen die Lage weniger dramatisch

Andere Expertinnen und Experten halten Minderhoud und Seeger jedoch vor, die Folgen zu stark zu betonen.

"Ich finde, sie übertreiben die Konsequenzen für Wirkungsstudien etwas. Das Problem ist durchaus bekannt, auch wenn die Art, wie man damit umgeht, sicher verbessert werden könnte", sagt Gonéri Le Cozannet, Wissenschaftler beim französischen geologischen Dienst. Viele Planungsbehörden vor Ort kennten ihre spezifischen Küstenprobleme und richteten ihre Planungen danach aus, ergänzt Robert Kopp von der Rutgers University.

Das gelte nach Minderhouds Einschätzung auch für Vietnam, eine besonders gefährdete Region. Dort verfüge man über ein sehr genaues Höhenmodell.

Die neuen Ergebnisse erscheinen zu einem Zeitpunkt, an dem auch ein UNESCO-Bericht vor großen Lücken beim Verständnis warnt, wie viel Kohlenstoff die Ozeane aufnehmen. Demnach unterscheiden sich Modelle bei der Abschätzung dieser Kohlenstoffspeicherung um 10 bis 20 Prozent. Das sei ein Unsicherheitsfaktor, der die Genauigkeit globaler Klimaprojektionen infrage stelle.

Zusammengenommen deuten beide Studien darauf hin, dass Regierungen ihre Küsten- und Klimarisiken auf Basis eines unvollständigen Bildes der Veränderungen im Ozean planen.

"Wenn der Ozean näher rückt, nimmt er uns mehr als nur das Land, an dem wir uns früher erfreut haben", sagt Thompson Natuoivi, Klimaaktivist bei Save the Children Vanuatu. "Der Meeresspiegelanstieg verändert nicht nur unsere Küste, er verändert unser Leben. Wir reden nicht über eine ferne Zukunft, wir reden über das Hier und Jetzt."

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