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Straße von Hormus: Europas fatale Abhängigkeit von maritimen Engpässen

Öltanker und Frachtschiffe reihen sich in der Straße von Hormuz auf, von Khor Fakkan aus gesehen, 11. März, 2026
Öltanker und Frachtschiffe reihen sich in der Straße von Hormuz auf, von Khor Fakkan aus gesehen, 11. März, 2026 Copyright  AP Photo
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Von Denis Loctier
Zuerst veröffentlicht am
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Vom Persischen Golf bis zum Ärmelkanal transportieren einige wenige schmale Wasserstraßen den größten Teil dessen, was die Europäer essen, kaufen und heizen. Wenn eine von ihnen bedroht ist, hat das überall Konsequenzen.

Als der Iran nach US-amerikanisch-israelischen Luftangriffen die Straße von Hormus für geschlossen erklärte und begann, Handelsschiffe anzugreifen, die sie passieren wollten, waren die Folgen nahezu sofort spürbar – nicht nur im Golf, sondern auch in europäischen Haushalten und Unternehmen Tausende Kilometer entfernt.

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Die Blockade störte eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt für Öl, Gas und Chemikalien erheblich und löste in ganz Europa einen massiven Energiepreisschock aus. Der Preis für Rohöl der Sorte Brent stieg auf über 100 Dollar (86 Euro) pro Barrel, während der europäische Referenzpreis für Gas im Großhandel sprunghaft anstieg. Für Verbraucher bedeutet das unmittelbar höhere Benzinpreise, steigende Heizkosten und eine neue Inflationswelle – in einer Zeit, in der viele Haushalte ohnehin finanziell unter Druck stehen.

Die Auswirkungen gehen jedoch über den Energiesektor hinaus. Rund ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln läuft über Hormus – eine zentrale Versorgung für die Produktivität der europäischen Landwirtschaft. Ein Mangel an Düngemitteln dürfte die Lebensmittelpreise weiter in die Höhe treiben und den Druck auf Verbraucher zusätzlich erhöhen.

Globale Engpässe in der Schifffahrt
Globale Engpässe in der Schifffahrt Euronews

Die Krise erinnert erneut an eine strukturelle Schwäche, vor der Experten seit Langem warnen: Europas Wirtschaft ist stark von wenigen, engen Seewegen abhängig, die es weder kontrolliert noch leicht umgehen kann.

Europas maritime Engpässe

Die Europäische Union betreibt die größte Handelsflotte der Welt und steht für mehr als ein Drittel der globalen Seetonnage. In den EU-Häfen werden jährlich über 3,4 Milliarden Tonnen Güter umgeschlagen – etwa 74 Prozent aller Im- und Exporte. Fast jeder Handelsstrom passiert irgendwann eine der wenigen strategischen Meerengen. Jede Störung – sei es durch Konflikte, Unfälle oder politischen Druck – hat daher überproportionale Auswirkungen auf Europas Handel.

Die Straße von Hormus

Die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem offenen Ozean verbindet, gilt als die wichtigste Energieschlagader der Welt. Vor der aktuellen Krise wurden täglich rund 20 Millionen Barrel Öl durch sie transportiert – etwa ein Viertel des weltweiten Ölhandels auf dem Seeweg. Zudem ist sie die Hauptroute für Flüssigerdgas (LNG) aus Katar, das rund 13 Prozent der europäischen LNG-Importe ausmacht.

Ein Mann geht am Ufer entlang, während sich Öltanker und Frachtschiffe in der Straße von Hormuz aneinanderreihen, gesehen von Khor Fakkan aus, 11. März 2026
Ein Mann geht am Ufer entlang, während sich Öltanker und Frachtschiffe in der Straße von Hormuz aufreihen, gesehen von Khor Fakkan aus, 11. März 2026 AP Photo

Die Straße von Malakka

Die Straße von Malakka zählt zu den meistbefahrenen Seewegen der Welt. Schätzungen zufolge wird etwa ein Drittel des globalen BIP über sie abgewickelt. Auch ein großer Teil des EU-Handels – etwa Elektronik, Chemikalien und Erdölprodukte aus Asien – passiert diese Route. An ihrer engsten Stelle ist sie weniger als drei Kilometer breit, was sie anfällig für Engpässe macht. Zudem besteht ein dauerhaftes, wenn auch selten gravierendes Piraterierisiko.

Die Straße von Dover

Der schmale Seeweg zwischen Großbritannien und Frankreich verbindet die Atlantik- mit den Nordseehäfen und ist Teil eines Korridors, über den rund 15 Prozent des weltweiten Seehandels laufen. Nach dem Brexit wurde die Straße von Dover zu einem Symbol für Handelsstörungen: Neue Zollkontrollen führten zu Warteschlangen, Verzögerungen und steigenden Kosten – von Lebensmitteln bis zu Autoteilen.

Die Straße von Gibraltar

Die Straße von Gibraltar, der westliche Zugang zum Mittelmeer, steht für eine Verschiebung regionaler Machtverhältnisse. Der marokkanische Hafen Tanger Med hat spanische Häfen wie Valencia und Algeciras überholt und sich zum wichtigsten Containerdrehkreuz in der Region entwickelt. Das wirft strategische Fragen auf – etwa zur wachsenden Abhängigkeit von Nicht-EU-Infrastruktur sowie zu Umweltstandards, die möglicherweise umgangen werden.

Ever Given, ein unter der Flagge Panamas fahrendes Frachtschiff blockiert den Suezkanal fast eine Woche, nachdem es seitlich in der wichtigen Wasserstraße stecken geblieben ist, 29. März 2021
Ever Given, ein unter der Flagge Panamas fahrendes Frachtschiff, blockiert den Suezkanal fast eine Woche, nachdem es seitlich in der wichtigen Wasserstraße stecken geblieben ist, 29. März 2021 AP Photo

Der Bosporus

Im Osten verbindet der Bosporus das Schwarze Meer mit dem Mittelmeer. An seiner engsten Stelle ist er nur 700 Meter breit. Über ihn werden ukrainisches Getreide und Industriegüter transportiert. Der Krieg in der Ukraine seit 2022 hat die Stabilität dieser Route erheblich beeinträchtigt. Da ein Ende des Konflikts nicht absehbar ist, bleibt die Zuverlässigkeit des Bosporus unsicher.

Warum es keinen einfachen Ausweg gibt

Fällt einer dieser Engpässe aus, sind Europas Alternativen begrenzt.

Die Route um das Kap der Guten Hoffnung verlängert Transporte um bis zu zwei Wochen, reduziert effektiv die globale Transportkapazität, treibt Frachtraten in die Höhe und erhöht die CO₂-Emissionen im Schnitt um etwa ein Drittel.

Der Nördliche Seeweg durch die Arktis könnte zwar Entfernungen um bis zu 40–50 Prozent verkürzen, steht jedoch unter russischer Kontrolle und erfordert spezielle Infrastruktur sowie eisgängige Schiffe.

Der sogenannte Mittlere Korridor – eine Kombination aus Bahn- und Fährverbindungen über Zentralasien und den Kaukasus – ist schneller als der Seeweg, leidet jedoch unter begrenzter Kapazität. Die derzeit transportierten Mengen sind im Vergleich zum globalen Seehandel gering.

Auch bei der Energieversorgung gibt es nur begrenzte Alternativen: Pipelines und andere Bezugsquellen können Hormus teilweise ersetzen, stoßen jedoch schnell an Kapazitäts-, Kosten- oder Sicherheitsgrenzen.

Frachtschiffe liegen im Marmarameer vor Anker und warten auf die Durchfahrt durch den Bosporus, 13. April 2025
Frachtschiffe liegen im Marmarameer vor Anker und warten darauf, den Bosporus zu überqueren, 13. April 2025 AP Photo

Luftfracht ist zwar schnell und unabhängig von Seewegen, aber deutlich teurer und kann nur einen Bruchteil der Transportmengen bewältigen.

Was Europa unternimmt

Als Reaktion auf die Hormus-Krise hat die Europäische Kommission zwei neue Strategien vorgestellt: eine EU-Hafenstrategie und eine Strategie für die maritime Industrie. Beide betonen die Bedeutung maritimer Engpässe und alternativer Routen für die Resilienz der Lieferketten.

Ziel ist es, die Sicherheit in Häfen zu erhöhen, die Energiewende voranzutreiben, in modernen Schiffbau zu investieren und ausländische Investitionen in kritische Infrastruktur stärker zu regulieren.

Schiffe bewegen sich im Hafen von Antwerpen, 10. September, 2025
Schiffe bewegen sich im Hafen von Antwerpen, 10. September 2025 AP Photo

Dennoch bleibt festzuhalten: Kurzfristig gibt es keine echte Alternative zu den bestehenden Seewegen. Europas wirtschaftliche Sicherheit wird daher weiterhin von Konflikten und Krisen außerhalb seiner Grenzen beeinflusst.

Langfristig sehen Experten die Lösung in einem grundlegenden Wandel: mehr erneuerbare Energien, diversifizierte Lieferketten und die Erkenntnis, dass die Ära eines reibungslosen globalen Seehandels nicht selbstverständlich fortbestehen wird.

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