Länder, die schon zweiundzwanzig massiv auf erneuerbare Energien gesetzt haben, kommen nach Einschätzung von Fachleuten besser durch die aktuelle Treibstoffkrise.
Der Krieg im Iran legt offen, wie stark die Welt von fragilen Routen für fossile Energieträger abhängt. Dadurch gewinnen Forderungen nach einem schnelleren Umstieg auf erneuerbare Energien an Dringlichkeit.
Die Kämpfe haben die Ölexporte durch die Straße von Hormus fast zum Erliegen gebracht. Über die enge Wasserstraße läuft rund ein Fünftel des weltweiten Handels mit Öl und Flüssigerdgas (LNG). Die Störung hat die Energiemärkte aufgeschreckt, die Preise nach oben getrieben und importabhängige Volkswirtschaften unter Druck gesetzt.
Am härtesten trifft es Asien, wohin der Großteil des Öls unterwegs war. Doch auch Europa leidet unter den Lieferausfällen und sucht nach Wegen, den Energieverbrauch zu senken. Und Afrika stellt sich auf steigende Treibstoffkosten und Inflation ein.
Anders als bei früheren Ölkrisen sind erneuerbare Energien heute vielerorts konkurrenzfähig. Mehr als neunzig Prozent der neuen Ökostrom-Projekte weltweit im Jahr 2024 waren laut der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien günstiger als fossile Alternativen.
Öl wird nicht nur zur Stromerzeugung genutzt, sondern auch in vielen anderen Branchen, etwa für Dünger und Kunststoffe. Deshalb spüren fast alle Länder die Folgen. Staaten mit einem höheren Anteil erneuerbarer Energien sind jedoch besser abgeschirmt, denn sie setzen auf heimische Ressourcen wie Sonne und Wind statt auf importierte Brennstoffe.
„Solche Krisen treten regelmäßig auf“, sagt James Bowen von der australischen Beratung ReMap Research. „Sie sind ein Merkmal, kein Fehler eines Energiesystems, das auf fossilen Brennstoffen basiert.“
China und Indien bauen Puffer mit Erneuerbaren – China liegt vorn
China und Indien, die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt, stehen vor derselben Aufgabe: genug Strom zu erzeugen, um das Wachstum von jeweils mehr als einer Milliarde Menschen zu sichern. Beide haben erneuerbare Energien ausgebaut, doch China tat dies in deutlich größerem Maßstab, obwohl das Land weiter stark auf Kohlekraft setzt.
Heute ist China weltweit führend bei erneuerbaren Energien. Laut Internationaler Energieagentur ist inzwischen etwa jedes zehnte Auto im Land elektrisch. China bleibt zwar der größte Importeur von Rohöl weltweit und der wichtigste Abnehmer iranischen Öls. Doch die Elektrifizierung von Teilen seiner Wirtschaft mit erneuerbaren Energien hat die Abhängigkeit von Importen verringert.
Ohne diesen Kurswechsel wäre China „weit stärker anfällig für Liefer- und Preisschocks“, sagt Lauri Myllyvirta vom Centre for Research on Energy and Clean Air. China kann zudem auf Reserven zurückgreifen, die es bei niedrigen Preisen aufgebaut hat, und in Fabriken zwischen Kohle und Öl als Brennstoff wechseln, erklärt er.
Indien hat seinen Einsatz sauberer Energie ebenfalls ausgeweitet, vor allem bei der Solarenergie. Der Ausbau verläuft jedoch langsamer, und die Regierung unterstützt die Produktion von Anlagen sowie den Anschluss neuer Solarparks an das Stromnetz weniger stark.
Nach Russlands Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 stellte Indien die Energiesicherheit in den Vordergrund, kaufte verbilligtes russisches Öl und erhöhte die Kohleförderung. Zugleich baute die Regierung Solar- und Windkraft aus. Das federt Lieferengpässe etwas ab, verhindert sie aber nicht vollständig, sagt Duttatreya Das vom Thinktank Ember.
„Nicht jedes Land kann China sein“, sagt Das.
In Indien herrscht nun Knappheit bei Flüssiggas zum Kochen. Viele Haushalte greifen deshalb hastig zu Induktionskochplatten, und Gastronomen fürchten, ihre Restaurants vorübergehend schließen zu müssen. Auch die Düngemittel- und Keramikindustrie könnte unter der Knappheit leiden.
Reiche Staaten setzen wieder stärker auf fossile Energien
Der Energieschock ist für wohlhabende Länder in Europa und Ostasien nichts Neues.
Im Jahr 2022 versuchten einige europäische Regierungen, ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Viele konzentrierten sich jedoch bald darauf, neue Lieferanten für Öl und Gas zu finden, sagt Pauline Heinrichs, Expertin für Klima und Energie am King’s College London.
Deutschland baute im Eiltempo LNG-Terminals, um russisches Gas vor allem durch Lieferungen aus den USA zu ersetzen. Gleichzeitig verlangsamte sich die Energiewende, einschließlich der Bemühungen, den Energieverbrauch zu senken, sagt sie.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2023 entsprechen die Mehrausgaben Europas für fossile Energieträger seit Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine etwa vierzig Prozent der Investitionen, die notwendig wären, um das europäische Stromsystem auf saubere Energien umzustellen.
„In Europa haben wir die falsche Lehre gezogen“, sagt Heinrichs.
Im importabhängigen Japan zielten politische Antworten auf frühere Schocks vor allem darauf, die Herkunftsländer für Öl und Gas zu diversifizieren. Investitionen in heimische Erneuerbare spielten eine kleinere Rolle, sagt Ayumi Fukakusa von Friends of the Earth Japan.
In Japan stammen laut Ember nur elf Prozent der Stromproduktion aus Solar- und Windkraft. Das ist ähnlich wie in Indien, liegt aber deutlich unter Chinas Anteil von achtzehn Prozent. Der gesamte Energieverbrauch Japans fällt allerdings viel geringer aus als in den beiden asiatischen Großmächten.
Der Iran-Krieg bestimmte auch die Tagesordnung beim Treffen der japanischen Premierministerin Sanae Takaichi in dieser Woche mit dem US-Präsidenten Donald Trump. Trump, der Japan seit Langem drängt, mehr amerikanisches LNG zu kaufen, forderte verbündete Staaten wie Japan kürzlich auf, sich stärker an der Sicherung der Straße von Hormus zu beteiligen.
Der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung sagte, die Krise könne eine „gute Gelegenheit“ sein, den Umstieg auf erneuerbare Energien zu beschleunigen.
Ärmere Länder am stärksten gefährdet
Ärmere Staaten in Asien und Afrika konkurrieren mit wohlhabenden Ländern in Europa und Ostasien sowie mit Großabnehmern wie Indien und China um knappe Gaslieferungen. Das treibt die Preise nach oben.
Besonders heftig könnten die Schocks importabhängige Volkswirtschaften treffen – etwa Benin und Sambia in Afrika oder Bangladesch und Thailand in Asien. Teure Energieträger verteuern Transport und Lebensmittel. Viele Staaten verfügen zudem nur über geringe Devisenreserven, was ihre Fähigkeit einschränkt, bei anhaltend hohen Preisen weiter Importe zu bezahlen.
Auf dem afrikanischen Kontinent ist die Verwundbarkeit besonders groß, da viele Länder auf importiertes Öl angewiesen sind, um Verkehr und Lieferketten am Laufen zu halten.
Aus strategischer Sicht sei es sinnvoll, dass afrikanische Staaten ihre langfristige Energiesicherheit durch Investitionen in sauberere Energien stärken, sagt Kennedy Mbeva, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre for the Study of Existential Risk der Universität Cambridge.
Doch nicht alle setzen auf Erneuerbare: Südafrika erwägt den Bau eines LNG-Importterminals und neuer Gaskraftwerke.
Andere Länder, etwa Äthiopien, gehen einen anderen Weg. Das Land verbot 2024 Autos mit Benzin- und Dieselmotoren, um Elektrofahrzeuge zu fördern, und setzt verstärkt auf erneuerbare Energien.
Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch nicht nur darin, den nächsten Schock zu überstehen. Entscheidend ist, dass er „die Entwicklungsperspektiven des Landes nicht entgleisen lässt“, sagt Hanan Hassen, Analystin beim regierungsnahen Thinktank Institute of Foreign Affairs in Äthiopien.
Erneuerbare Energien dämpfen Folgen mancherorts
Ein stärkerer Einsatz erneuerbarer Energien hat einige asiatische Staaten bereits vor den schlimmsten Folgen des Energieschocks geschützt.
Pakistans Solarboom hat seit 2020 den Import fossiler Brennstoffe im Wert von mehr als zwölf Milliarden Dollar verhindert. Bei den aktuellen Preisen könnten im Jahr 2026 weitere 6,3 Milliarden Dollar eingespart werden, schätzen die Thinktanks Renewables First und Centre for Research on Energy and Clean Air. Das entspräche rund 10,3 Milliarden beziehungsweise 5,45 Milliarden Euro.
Die derzeitige Solarstromproduktion in Vietnam wird dem Land im kommenden Jahr Einsparungen in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro bei potenziellen Kohle- und Gasimporten bringen, geht aus Berechnungen der Forschungsgruppe Zero Carbon Analytics hervor – vorausgesetzt, die Preise bleiben so hoch wie derzeit.
Andere Länder versuchen, ihre knappen Energiereserven so weit wie möglich zu strecken.
Bangladesch hat Universitäten geschlossen, um Strom zu sparen. Das Land verfügt nur über begrenzte Speicherkapazitäten, um Lieferausfälle abzufedern. Nach einem Ansturm verunsicherter Autofahrer auf die Tankstellen begann die Regierung daher, Treibstoff zu rationieren, berichtet Khondaker Golam Moazzem, Ökonom beim Centre for Policy Dialogue in Dhaka.
Vorläufig können Regierungen nur versuchen, Engpässe zu managen und die Preise zu kontrollieren. Thailand hat die Exporte von Erdöl ausgesetzt, die eigene Gasförderung erhöht und begonnen, seine Reserven anzuzapfen.
Zieht sich der Konflikt bis in den April hin, dürften die Preise jedoch deutlich steigen, warnt Areeporn Asawinpongphan vom Thailand Development Research Institute. Thailands Vorräte seien begrenzt, ebenso der Spielraum im Staatshaushalt für Subventionen.