Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Neuer Gasdeal verspricht flexible Energie: droht Europa längere Abhängigkeit von fossiler Energie?

ARCHIV: Schild des französischen Energiekonzerns TotalEnergies am Firmensitz im Geschäftsviertel La Défense bei Paris, aufgenommen am 21. März 2025.
ARCHIV: Schild des französischen Konzerns TotalEnergies am Konzernsitz im Pariser Geschäftsviertel La Défense, aufgenommen am 21. März 2025. Copyright  AP Photo/Thomas Padilla, File
Copyright AP Photo/Thomas Padilla, File
Von Angela Symons
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Aktivistinnen und Aktivisten zweifeln, ob die Kooperation von TotalEnergies aus Frankreich und dem tschechischen Konzern EPH Europas Energiesicherheit wirklich stärkt.

Ein französischer Ölkonzern und eine tschechische Energiegruppe haben sich zusammengeschlossen und schaffen damit einen der größten Gaskraftwerksbetreiber Europas.

WERBUNG
WERBUNG

Nach eigener Darstellung reagieren sie damit auf Europas Bedarf an „flexibler“ Stromerzeugung – Reservekraftwerke, die einspringen, wenn Wind- oder Solarstrom einbricht. Kritiker warnen jedoch, dass der Deal den Kontinent für ein weiteres Jahrzehnt in eine neue Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen treiben könnte.

Die Partnerschaft, die am 29. April besiegelt wurde, verschafft TotalEnergies einen Anteil von 50 Prozent am Portfolio flexibler Kraftwerke von EPH in Frankreich, Irland, Italien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich. Es umfasst vierzehn Gigawatt an bestehenden und im Bau befindlichen Anlagen, davon zwölf Komma fünf Gigawatt mit fossilem Gas – so viel wie die gesamte Gaskraftwerkskapazität von Belgien, Dänemark, Portugal und Schweden zusammen.

Im Gegenzug erhielt EPH TotalEnergies-Aktien im Wert von rund 5,1 Milliarden Euro und zählt damit zu den größten Anteilseignern des französischen Konzerns.

Ein neuer Bericht der Kampagnengruppe Beyond Fossil Fuels (BFF) warnt, das Vorhaben könne „Europas Abhängigkeit von teurem importiertem fossilem Gas vertiefen, die Stromrechnungen erhöhen und Europas Umstieg auf saubere Energien bremsen“.

Hilft das Gemeinschaftsunternehmen, Europas Stromversorgung zu stabilisieren?

TotalEnergies bezeichnet die Übernahme als zentral für seine Initiative „Clean Firm Power“. Sie soll Industriekunden rund um die Uhr CO2-armen Strom liefern, indem schwankende Erneuerbare mit flexiblen Anlagen wie Gaskraftwerken kombiniert werden.

Der BFF-Bericht hebt hervor, dass 87 Prozent der im Joint Venture betriebenen oder im Bau befindlichen Gaseinheiten mit Gas- und Dampfturbinen (Combined Cycle Gas Turbines, CCGT) arbeiten. Diese Technologie ist vor allem für eine dauerhafte, effiziente Grundlast ausgelegt, nicht für den schnellen Einsatz bei Bedarfsspitzen.

CCGT-Kraftwerke brauchen länger zum Hochfahren und laufen am effizientesten mit relativ konstanter Leistung über viele Stunden. Untersuchungen der französischen NGO Reclaim Finance zeigen: Werden sie vor allem für flexible Nachfrage eingesetzt, sinken ihre Lebensdauer und Wirtschaftlichkeit, während die CO2- und Luftschadstoffemissionen steigen.

Offene Gasturbinen (Open Cycle Gas Turbines, OCGT) können innerhalb weniger Minuten starten und ihre Maximalleistung erreichen. Netzbetreiber nutzen sie daher üblicherweise als schnelle Reserve. Im Portfolio des Gemeinschaftsunternehmens sind von den in Betrieb befindlichen Anlagen jedoch nur zwei – Trapani auf Sizilien und Kilroot im Vereinigten Königreich – OCGT-Kraftwerke.

Hat Gas noch eine Zukunft im europäischen Strommix?

Gas spielt nach wie vor eine wichtige Rolle für die Stabilität der europäischen Stromnetze. Quellen wie Wind und Sonne unterliegen unkontrollierbaren Einbrüchen. Gaskraftwerke können dann schnell hochfahren und Versorgungslücken schließen.

Der Verbrauch von Erdgas zur Stromerzeugung stieg in Europa im Jahr 2025 um fast acht Prozent. Gründe waren unter anderem Phasen mit wenig Wind- und Wasserkraft, so die Internationale Energieagentur (IEA).

ENTSO-E, der Verband der europäischen Netzbetreiber, betont, flexible Stromerzeugung sei „entscheidend, um ein sicheres, effizientes und widerstandsfähiges europäisches Stromsystem zu gewährleisten“, wenn der Anteil der Erneuerbaren weiter wächst. In einem Bericht vom November 2025 kommt ENTSO-E jedoch zu dem Schluss, dass Speicher, intelligentere Netzsteuerung und mehr Flexibilität direkt aus erneuerbaren Quellen langfristig der Schlüssel sind, um Klimaziele und Versorgungssicherheit zu verbinden.

Derzeit zahlen europäische Regierungen sogenannte Kapazitätsprämien an Stromerzeuger. So halten sie Kraftwerke betriebsbereit, die bei Engpässen einspringen können. Auch Speicheranlagen erhalten solche Zuschläge.

Nach Berechnungen von Beyond Fossil Fuels flossen zwischen 2014 und 2024 rund 90 Milliarden Euro in Kapazitätszahlungen in Europa, mehr als die Hälfte davon an Gas- und andere fossile Anlagen.

Das Joint Venture von TotalEnergies und EPH, das den Namen TTEP trägt, wird nach Einschätzung von BFF stark auf diese Subventionen angewiesen sein – obwohl das Portfolio dafür nur bedingt geeignet ist.

In einer Investorenpräsentation im November 2025 verwies TotalEnergies auf den „attraktiven Kapazitätsvergütungsmechanismus“ in Italien und einen „attraktiven Kapazitätsmarkt“ im Vereinigten Königreich.

Im neuen Bericht behauptet BFF, dass mehr als die Hälfte der in das Joint Venture eingebrachten Kraftwerke zwischen 2015 und 2024 durch Kapazitätsmarktsubventionen finanziert wurden – in Summe mehr als 4,08 Milliarden Euro.

„TotalEnergies und EPH schaffen neue Abhängigkeit von fossilem Gas“

Der Deal stützt auch das Kerngeschäft von TotalEnergies im Gashandel. Der Konzern schätzt, dass das Gemeinschaftsunternehmen jedes Jahr rund zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas (LNG) verbrauchen wird. Damit sichert sich TotalEnergies einen garantierten Absatzmarkt für Gas, das das Unternehmen weltweit einkauft. Statt es auf dem freien Markt zu verkaufen, kann TotalEnergies es an die eigenen Kraftwerke liefern – und entlang der gesamten Kette, von der Beschaffung bis zur Stromerzeugung, Einnahmen erzielen.

„Bei diesem Geschäft verlieren am Ende alle – außer den Öl- und Gaskonzernen, die ohnehin schon kräftig kassieren“, sagt BFF-Kampagnenleiterin Brigitte Alarcon. „Statt Europa auf einen Weg zu mehr Energiesicherheit zu bringen, bauen TotalEnergies und EPH eine neue Abhängigkeit von fossilem Gas auf – unter dem falschen Vorwand, zusätzliche ‚Flexgen‘-Kapazität zu schaffen.“

Nach Schätzung von BFF könnten diese Importe Europa über einen Zeitraum von fünf Jahren zwischen 6,68 und 7,56 Milliarden Euro kosten. Hauptprofiteure wären demnach die fossilen Industrien in den USA und in Russland. Im selben Zeitraum könnte das Gemeinschaftsunternehmen so viele Treibhausgase ausstoßen wie Irland oder Dänemark in einem Jahr.

Gericht verurteilt TotalEnergies wegen irreführender Klimaversprechen

Die öffentlichen Klimaziele beider Unternehmen standen bereits zuvor in der Kritik. Im Oktober 2025 erklärte ein Gericht in Paris die Klimawerbung von TotalEnergies für rechtswidrig. Die Richter stuften die Behauptung, Klima stehe „im Zentrum der Strategie“ des Konzerns, als irreführend ein – angesichts der anhaltenden Ausweitung von Öl- und Gasförderung.

TotalEnergies will seine LNG-Produktion bis 2030 jedes Jahr um drei Prozent erhöhen. Der Konzern verfolgt zudem die weltweit umfangreichsten kurzfristigen Expansionspläne für fossile Projekte, gemessen an der Zahl der Länder, in denen neue Öl- und Gasvorhaben geplant sind.

EPH wiederum steht unter der Kontrolle des tschechischen Milliardärs Daniel Křetínský und ist über seine Muttergesellschaft EP Group weiterhin der größte Kohleproduzent Europas. Das Unternehmen hat angekündigt, bis 2030 aus der Kohle auszusteigen. In der Praxis hat EPH jedoch viele seiner Kohleanlagen nicht stillgelegt, sondern auf die Schwestergesellschaft EP Energy Transition übertragen – mit weiterhin gemeinsamen Beschäftigten, Infrastruktur und finanziellen Verflechtungen, wie eine 2025 veröffentlichte Recherche der Finanz-NGO FIND ergab.

Was bedeutet der Deal für Europas Energiesicherheit?

Der BFF-Bericht erschien kurz vor der Hauptversammlung von TotalEnergies am 29. Mai und kommt zu dem Schluss, dass der Deal Europas Energieunsicherheit eher verschärft. An die Stelle der Abhängigkeit von russischem Pipelinegas trete eine Abhängigkeit von weltweit gehandeltem LNG, das gleichermaßen geopolitischen Verwerfungen und starken Preisschwankungen ausgesetzt ist.

„Dieses Bündnis zwischen EPH, Europas führendem Entwickler von Gaskraftwerken, und TotalEnergies, Europas größtem LNG-Importeur, zielt darauf ab, die Gewinne dieser Unternehmen zu sichern und Europas Abhängigkeit von fossilem Gas zu verlängern – mit gravierenden Folgen für das Klima und die wirtschaftliche Stabilität“, sagt Rémi Hermant, Kampagnenleiter bei der NGO Reclaim Finance, die mit BFF zusammenarbeitet.

„Da Regierungen sich zunehmend an einer sichereren Energiezukunft ohne Gasimporte orientieren, sollten bei den Banken die Warnlampen angehen. Sie wären gut beraten, jede finanzielle Unterstützung für TTEP und für Unternehmen, die neue Gaskraftwerke planen, auszuschließen.“

TotalEnergies und EPH wurden für diese Geschichte um eine Stellungnahme gebeten.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Studie: Mit Wärmepumpe und E-Auto sparen Deutsche jährlich 1.950 Euro

"Moonpool", Tiefsee-Roboter und Drohnenflotte: Das plant Deutschland für die Polarstern II

Kohlekraft bremst Solarstrom: Feinstaub nimmt Sonne und verändert Wolken