Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen schwanken seit Jahrzehnten zwischen Kooperation und Misstrauen. Historische Erfahrungen, politische Interessen und mediale Narrative prägen weiterhin das gegenseitige Bild. Was treibt die Spannungen an – und ist eine dauerhafte Annäherung möglich?
Die heutigen deutsch-polnischen Beziehungen sind geprägt sowohl von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts als auch von jahrelangen Versuchen der Annäherung, Integration und Zusammenarbeit – etwa in der EU und der NATO.
Eine Analyse antideutscher Narrative in Polen sowie antipolnischer Narrative in Deutschland zeigt, dass es zwar Fortschritte gibt, historische Erinnerungen und aktuelle politische Interessen aber weiterhin Spannungen auslösen.
Ein langer Weg zur Zusammenarbeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Polen in den Einflussbereich der Sowjetunion. Die staatliche Propaganda stellte Westdeutschland als potenziellen Gegner und als Fortsetzung imperialistischer Traditionen dar. Antideutsche Narrative dienten dazu, die Grenze an Oder und Neiße zu rechtfertigen und die Bindung an die Sowjetunion zu festigen.
Gleichzeitig wurde in Westdeutschland die Verantwortung für Kriegsverbrechen lange Zeit wenig thematisiert oder relativiert – was das Misstrauen auf polnischer Seite verstärkte. Die Verfilmung von Henryk Sienkiewicz’ Roman "Die Kreuzritter" aus dem Jahr 1960 unter der Regie von Aleksander Ford war sehr erfolgreich – vor den Kinos bildeten sich lange Schlangen.
Der Film, der die Gewalt des Deutschen Ordens gegenüber Polen zeigt, passte in die damalige Erinnerungskultur und die staatliche Propaganda in Polen. Die Darstellung der Ordensritter als brutale Angreifer sollte auch das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit stärken.
"Wir vergeben und bitten um Vergebung": Der Wendepunkt
Ein wichtiger Schritt war der symbolische Versöhnungsprozess, der von der katholischen Kirche angestoßen wurde. 1965 richteten die polnischen Bischöfe ein Schreiben an ihre deutschen Amtskollegen, das den bekannten Satz enthielt: "Wir vergeben und bitten um Vergebung".
Die Antwort der deutschen Bischöfe gilt als Beginn eines längeren Prozesses der Annäherung auf gesellschaftlicher und moralischer Ebene. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 verbesserten sich die deutsch-polnischen Beziehungen deutlich.
Der Vertrag über gute Nachbarschaft von 1991 sowie die gemeinsame EU-Mitgliedschaft stärkten die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit. Deutschland wurde zum wichtigsten Handelspartner Polens, und auch die gesellschaftlichen und kulturellen Kontakte nahmen zu. Mit der Zeit kam es jedoch immer wieder zu Spannungen, die oft politisch befeuert wurden. Im Jahr 2026 jährt sich die Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen zum 35. Mal.
Angst, Geschichte und Wahlkampf – wie antideutsche Narrative entstehen
In Polen können unterschiedliche Akteure von angespannten deutsch-polnischen Beziehungen profitieren. Dazu zählen vor allem politische Parteien, die auf Emotionen und ein Gefühl der Bedrohung setzen. Insbesondere rechte Kräfte versuchen seit Jahren, bestehende Ressentiments gegenüber Deutschland aufzugreifen – und teilweise gezielt zu verstärken.
Auch Medien tragen dazu bei, indem sie stärker auf zugespitzte und konfliktgeladene Themen setzen. Eine weitere Gruppe, die von solchen Spannungen profitiert, sind Staaten, die ein Interesse daran haben, die EU und NATO zu schwächen. In diesem Zusammenhang wird häufig auf Desinformationskampagnen verwiesen, die mit Russland in Verbindung gebracht werden und darauf abzielen, Spaltungen zwischen europäischen Ländern zu vertiefen.
Antideutsche Narrative gewinnen besonders in Wahlkampfzeiten oder bei politischen Konflikten an Bedeutung. Die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hat die Kritik an Deutschland zu einem wichtigen Bestandteil ihrer politischen Kommunikation gemacht. In ihrer Darstellung erscheinen die Deutschen häufig als dominierende Kraft in der EU, die Polen politische und wirtschaftliche Lösungen aufzwingt.
Parteichef Jarosław Kaczyński hat zudem wiederholt das Thema Kriegsreparationen aufgegriffen. „Es gibt keinerlei Grundlage dafür, dass Polen auf Entschädigungen von Deutschland verzichten sollte“, sagte er – und verstärkte damit die Wahrnehmung einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit.
Vor allem das rechte Spektrum baut seinen politischen Einfluss besonders häufig auf einer ablehnenden Haltung gegenüber Deutschland und der Europäischen Union auf. In dieser Erzählung werden westliche Staaten als Ursache für Entwicklungen dargestellt, die Polen schaden.
Deutschland als symbolischer Gegner
Ein solcher Ton findet sich auch beim früheren Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki (PiS). In einem Interview mit dem Portal WP sagte er am Mittwoch: "Alles, was dazu beitragen kann, den derzeitigen Ministerpräsidenten zu ersetzen – der eine Marionette in den Händen westlicher Hauptstädte und ihr Applaudierer ist – wird gut sein."
Auch dem konservativen Kandidaten für das Amt des Premierministers, Przemysław Czarnek (PiS), werden antideutsche Positionen zugeschrieben. Als Bildungsminister unterzeichnete er eine Verordnung, die den Deutschunterricht für die deutsche Minderheit in Polen deutlich reduzierte – von zuvor drei auf eine Stunde pro Woche. Vertreter der deutschen Minderheit protestierten und bezeichneten die Entscheidung als diskriminierend und "skandalös", da keine andere nationale Minderheit von einer solchen Maßnahme betroffen war.
Für Aufsehen sorgte auch eine Debatte, die 2005 von Jacek Kurski (PiS) ausgelöst wurde. Er behauptete, der Großvater des heutigen Ministerpräsidenten Donald Tusk habe sich freiwillig zur deutschen Armee gemeldet. Tatsächlich wurde Józef Tusk 1944 nach Aufenthalten in Konzentrationslagern zwangsweise eingezogen – das belegen entsprechende Dokumente.
Noch einen Schritt weiter ging der konservative Abgeordnete Dariusz Matecki: Er veröffentlichte auf X ein manipuliertes Video, das mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt worden war. Darin wird suggeriert, Premierminister Donald Tusk habe nach der Abstimmung über das SAFE-Gesetz eine SMS an den deutschen Botschafter geschickt und den Vollzug eines Auftrags gemeldet.
Es fällt auf, dass antideutsche Narrative in Polen häufig mit einer Ablehnung der EU und linker Werte einhergehen. In diesem Punkt gibt es auch Überschneidungen zwischen Teilen der polnischen und der deutschen Rechten. Das zeigt sich unter anderem in den vergleichsweise guten Beziehungen polnischer Konservativer zur deutschen Partei Alternative für Deutschland (AfD), die klar einen anti-europäischen Kurs vertritt.
Die deutsche Sicht auf Polen im 21. Jahrhundert
Auch in Deutschland halten sich teilweise noch Stereotype und Klischees über Polen – etwa als weniger gebildet oder in "schwierigen" Berufen tätig. In einigen deutschen Medien wird Polen zudem als ein Land dargestellt, das rechtsstaatliche Prinzipien oder europäische Werte infrage stellt.
Solche Darstellungen gab es unter anderem im Zusammenhang mit der Justizreform. So schrieb Jan Puhl im Spiegel: "Die Justizreform ist keine innere Angelegenheit Polens. Sie schadet der gesamten EU."
Zugleich finden sich Kommentare, die Polen eine konfrontative Politik gegenüber der EU vorwerfen oder eine Instrumentalisierung der Geschichte unterstellen. Solche Einschätzungen stoßen in Polen oft auf Gegenreaktionen – und tragen zur weiteren Verschärfung der Rhetorik bei. In der deutschen politischen Debatte bemühen sich führende Politiker jedoch häufig um Ausgleich.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betonen regelmäßig die Bedeutung der Zusammenarbeit. Auch der damalige Kanzler Olaf Scholz (SPD) sagte etwa im Juli 2024 in Warschau, Deutschland wünsche sich eine starke Stimme Polens in Europa.
Auch Außenminister Johann Wadephul erklärte bei einem Treffen mit seinem polnischen Amtskollegen Radosław Sikorski, dies sei eine Gelegenheit, "auf einen beeindruckenden Weg der Versöhnung zurückzublicken". Zugleich betonte er: "Von dieser deutsch-polnischen Einigkeit, von diesem entschlossenen Einsatz für Frieden und Freiheit hängt heute mehr ab als je zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs."
Polnische Umfragen kontra politische Rhetorik
Im regelmäßig veröffentlichten "Barometer Polen-Deutschland", das die gegenseitige Wahrnehmung, den Zustand der Beziehungen und aktuelle Herausforderungen untersucht, bewerteten 2024 rund 64 Prozent der Deutschen die Beziehungen zu Polen als gut, während 20 Prozent sie negativ einschätzten.
Fast identische Ergebnisse zeigen sich auch auf polnischer Seite bei der Bewertung der Beziehungen zu Deutschland. Laut einer Umfrage des Instituts IBRiS aus dem Jahr 2022, über die die Zeitung Rzeczpospolita berichtete, bewertete die Mehrheit der Befragten (53,7 Prozent) die deutsch-polnischen Beziehungen als weder gut noch schlecht. 28,7 Prozent bezeichneten sie als gut, 16,9 Prozent als schlecht.
Nur eine sehr kleine Minderheit von 0,9 Prozent hatte dazu keine Meinung. Bemerkenswert ist zudem, dass selbst unter konservativen Wählern keine überwiegend negative Haltung dominiert. So bewerten 66 Prozent der Anhänger der Vereinigten Rechten die Beziehungen zu Deutschland als zumindest in Ordnung oder gut. Das zeigt eine deutliche Lücke zwischen politischer Rhetorik und tatsächlicher gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Wie geht es weiter in den deutsch-polnischen Beziehungen?
In den vergangenen Jahren haben die deutsche Energiepolitik und die aus polnischer Sicht zögerliche Haltung im Ukraine-Krieg das Vertrauen in Deutschland spürbar belastet.
Trotz dieser Spannungen gibt es jedoch eine reale Perspektive für eine Verbesserung der Beziehungen. Antideutsche und antipolnische Narrative sind häufig eher ein Produkt aktueller politischer Debatten und medialer Zuspitzung als ein Spiegelbild der tatsächlichen Beziehungen zwischen den Gesellschaften. Die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit, gemeinsame Sicherheitsinteressen und vielfältige gesellschaftliche Verbindungen bilden weiterhin eine stabile Grundlage.
Auch zivilgesellschaftliche und Bildungsinitiativen können dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen. Dazu passt auch ein Gedanke des ehemaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher, der eine zentrale Rolle bei der deutschen Einheit spielte und sich früh für die Annäherung an Polen einsetzte: "Deutschland und Polen müssen einander verstehen. Wir müssen über die Zukunft Europas sprechen – im Bewusstsein, dass uns ein gemeinsames Schicksal verbindet."