Windräder gefährden Vögel – sagen Kritiker. Doch zwei neue Studien haben das Risiko jetzt genauer untersucht. Was sie herausgefunden haben, könnte die Debatte verändern.
Vögel seien durch Zusammenstöße mit den Rotorblättern der Windräder gefährdet - sagen Kritiker. Zwei aktuelle Studien haben dieses Risiko nun erneut untersucht.
Studie von Vattenfall und Spoor: Kein einziger Zusammenstoß
Der Energiekonzern Vattenfall und das Tech-Unternehmen Spoor haben im Offshore-Windpark in Aberdeen untersucht, inwiefern Windräder Vögel gefährden. Im Zeitraum von 19 Monaten - von Juni 2023 bis Dezember 2024 - wurden mit Hilfe KI-gestützter Analyse Videoaufnahmen von einer Windkraftanlage gemacht. Es wurden insgesamt 2.007 Flugbahnen von Vögeln in der Nähe der überwachten Anlage untersucht.
"Durch die Kombination aus KI-gestützter Erkennung und detaillierter fachlicher Auswertung können wir Annahmen durch konkrete Beobachtungen ersetzen und tatsächliches Verhalten im unmittelbaren Umfeld von Windenergieanlagen messen", so Ask Helseth, Chief Executive Officer und Mitgründer von Spoor.
Die Studie ergab, dass es keinen einzigen Zusammenstoß gegeben hat. "Die Ergebnisse aus der Aberdeen Bay zeigen, dass moderne Offshore-Windparks mit geringem Risiko für die Tierwelt betrieben werden können", sagt Dr. Eva Julius-Philipp, Director Environment and Sustainability BU Wind bei Vattenfall.
Studie des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO): Über 99 Prozent der Zugvögel weichen Windrädern aus
Auch die Studie des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO) belegt, dass Zugvögel Windenergieanlagen fast vollständig meiden.
Eineinhalb Jahre lang analysierten Forscher über vier Millionen Vogelbewegungen mit Hilfe von Radar und KI-basierten Kameras. Das Ergebnis: Über 99,8 Prozent der Zugvögel mieden die Windenergieanlagen zuverlässig.
"Die neue Studie zeigt, dass Zugvögel Windenergieanlagen meiden. Das bestätigt, dass der naturverträgliche Ausbau der Offshore-Windenergie im Einklang mit diesen Vögeln funktioniert und nicht gegen sie", sagt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm.
"Wir haben modernste Methoden eingesetzt. KI-gesteuerte Stereokameras bestimmten die Flugaktivität im Rotorbereich, während ein spezialisiertes Vogelradar das Zuggeschehen aufzeichnete. Durch den Vergleich beider Datensätze konnten wir Ausweichraten präzise berechnen", so Dr. Jorg Welcker, Leiter Forschung und Entwicklung bei der BioConsult SH GmbH & Co. KG.
Naturschützer warnen dennoch vor Risiken
Trotz der Ergebnisse warnen Natur- und Tierschutzorganisationen vor der Gefahr von Windkraftanlagen für viele Vögel. Die Deutsche Wildtierstiftung hält Windkraftanlagen zwar für ein wichtiges Werkzeug für den Klimaschutz. Die Organisation warnt dennoch davor, dass Windräder mit ihren schweren Rotorblättern viele heimische Brutvogelarten bedrohen würden.
"Die Deutsche Wildtier Stiftung begrüßt ausdrücklich den Ausbau erneuerbarer Energien, er darf aber nicht auf Kosten des Artenschutzes gehen. Die Dringlichkeit des Biodiversitätsschutzes steht der des Klimaschutzes in nichts nach", sagt Dr. Andreas Kinser, Leiter Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtier Stiftung.
Um Vögel besser zu schützen, fordert die Studie im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung klare Mindestregeln für den Naturschutz.
Als wichtigste Grundlage gelte dabei das sogenannte "Helgoländer Papier" mit Empfehlungen von Fachleuten. Darin steht zum Beispiel, dass zwischen dem Nest eines Schreiadlers und einer Windkraftanlage mindestens 6.000 Meter Abstand liegen sollten.
Die Studie im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung kritisiert, dass die gesetzlichen Regeln zum Schutz von Vögeln deutlich hinter den wissenschaftlichen Empfehlungen zurückbleiben.
Die neuen Studien legen nahe, dass viele Vogelarten seltener mit Windrädern kollidieren als oft befürchtet. Gleichzeitig ist die Datenlage noch nicht vollständig geklärt. Deshalb bleibt es wichtig, empfindliche Lebensräume beim weiteren Ausbau der Windenergie besonders zu schützen.