Zehn Millionen Haushalte in Deutschland haben weniger als 2.000 Euro netto im Monat – und sechs Millionen davon geben regelmäßig mehr aus, als sie einnehmen. Ein neues Ranking zeigt: Kaufkraft hängt nicht vom Gehalt allein ab – sondern davon, was danach noch übrig bleibt.
Die Verbraucher in Deutschland können sich immer weniger für ihr Geld leisten. Laut Statistischem Bundesamt lagen die Lebensmittelpreise Ende 2024 rund 34 Prozent über dem Niveau von 2020.
Die Lebenserhaltungskosten sind insgesamt gestiegen, die Einkommen halten nicht immer mit. Doch je nachdem, wo man in Deutschland lebt, fällt die Lage sehr unterschiedlich aus. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), basierend auf Daten aus dem Jahr 2023.
Heilbronn schlägt Starnberg
Das Ergebnis könnte zunächst überraschen: Nicht der mondäne Landkreis Starnberg am Münchner Starnberger See, sondern die Industriestadt Heilbronn in Baden-Württemberg führt das Kaufkraft-Ranking der 400 deutschen Kreise und kreisfreien Städte an. Das preisbereinigte Pro-Kopf-Einkommen liegt in Heilbronn bei 39.424 Euro – rund 200 Euro mehr als im Landkreis Starnberg (39.224 Euro), der trotz des nominell höchsten Einkommens je Einwohner in Deutschland (über 44.500 Euro) durch sein um fast 14 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegendes Preisniveau zurückfällt.
Dass Heilbronn überhaupt an der Spitze steht, hat jedoch auch einen methodischen Haken. Die IW-Forscher Christoph Schröder und Jan Wendt erklären: In Heilbronn stammen in guten Jahren fast die Hälfte aller Bruttoeinnahmen aus Gewinnen von Gewerbebetrieben – in ganz Baden-Württemberg sind es gerade einmal rund 11 Prozent. Diese Gewinne fließen aber nur wenigen Haushalten zu und verzerren den Durchschnitt nach oben. Wäre der Median-Wert verfügbar – also das Einkommen der "mittleren" Einwohner – würde Heilbronn wohl deutlich schlechter abschneiden.
Günstiges Leben abseits der Metropolen
Ein besonderes Muster zeigt sich in den Plätzen drei bis zehn des Rankings: Wer gut verdient und gleichzeitig günstig lebt, landet ganz oben. Der Landkreis Rhön-Grabfeld in Bayern (Platz 3, 38.479 Euro) oder der Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge (Platz 7, 36.385 Euro) profitieren von einem Preisniveau, das teils fast 9 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. "Hier trifft solider Mittelstand auf niedrige Preise", schreiben die IW-Autoren. Auch der Kreis Olpe in Nordrhein-Westfalen (Platz 10) folgt diesem Muster.
Touristisch attraktive Lagen in Metropolnähe sind ebenfalls stark vertreten: der Landkreis Miesbach mit dem Tegernsee (Platz 5), der Hochtaunuskreis nahe Frankfurt (Platz 8), und knapp außerhalb der Top Ten die Insel Sylt (Platz 11) sowie die Kurstadt Baden-Baden (Platz 12).
Berlin, Frankfurt, Köln: Großstädte verlieren
Wer in einer deutschen Großstadt wohnt, zahlt oft drauf: Stuttgart landet auf Platz 249, Hamburg auf 331, Köln auf 343, Frankfurt sogar auf Platz 358 – und Berlin belegt Rang 383 von 400. Nur München (Platz 68) und Düsseldorf (Platz 101) können sich unter den sogenannten Super Cities behaupten. Am untersten Ende des Rankings finden sich strukturschwache Städte wie Gelsenkirchen (Platz 399) und Offenbach am Main (Platz 400, 21.430 Euro), das trotz eines Preisniveaus über dem Bundesschnitt kaum Kaufkraft aufweist.
Das Schlusslicht Berlin illustriert das Grundproblem vieler Großstädte: Hohe Wohnkosten fressen Einkommen auf, die nominal gar nicht so niedrig sind. Der Effekt ist real – wer 3.000 Euro netto verdient, aber 1.500 Euro Miete zahlt, lebt schlechter als jemand mit 2.500 Euro Einkommen und 600 Euro Miete auf dem Land.
Zehn Millionen Haushalte am Limit
Hinter dem regionalen Gefälle steckt ein gesamtdeutsches Problem. Laut einer aktuellen Studie von McKinsey & Company ist der private Konsum in Deutschland zwischen 2018 und 2023 real um 6 Prozent gesunken. Hauptursache: eine kumulierte Inflation von 19 Prozent, die von vielen Haushalten nicht durch Einkommenszuwächse ausgeglichen werden konnte. "Aufgrund der wirtschaftlichen Gesamtlage gehen wir davon aus, dass sich dieser Trend in den letzten zwei Jahren fortgesetzt hat", sagt Marcus Jacob, Senior Partner bei McKinsey.
Die Folgen sind konkret: Fast zehn Millionen Haushalte – rund 25 Prozent aller deutschen Haushalte – haben weniger als 2.000 Euro Nettoeinkommen im Monat zur Verfügung. Sechs Millionen davon geben monatlich mehr aus, als sie einnehmen, und finanzieren ihren Konsum durch Ersparnisse oder Schulden. Die Zahl der Haushalte, die am Monatsende kein Geld mehr übrig haben, stieg zwischen 2018 und 2023 von sieben auf fast zehn Millionen – ein Plus von mehr als einem Drittel.
Europa-Vergleich: Deutschland im oberen Mittelfeld
Auch im europäischen Preisvergleich zeigt sich: Deutschland ist kein günstiges Pflaster. Das Preisniveau für private Konsumausgaben lag in Deutschland im Jahr 2024 um 8,6 Prozent über dem Durchschnitt der 27 EU-Mitgliedstaaten, wie das Statistische Bundesamt auf Basis von Eurostat-Daten ausweist. Die meisten direkten Nachbarländer sind dabei noch teurer – lediglich Polen und Tschechien bieten deutlich niedrigere Lebenshaltungskosten.
An der europäischen Spitze liegt Dänemark mit einem Preisniveau, das den EU-Schnitt um 43,1 Prozent übertrifft, gefolgt von Irland (+38,1%), Luxemburg (+32,8%), Finnland (+23,5%) und Belgien (+16,5%). Am günstigsten lebt es sich in Bulgarien: Dort zahlen Verbraucher:innen für einen repräsentativen Warenkorb nicht einmal halb so viel wie im EU-Durchschnitt (-40,3%). Außerhalb der EU liegen die Preise in der Schweiz (+74,4%) und Island (+61,7%) noch weit über dem dänischen Niveau.
Neue Energiekrise trübt den Ausblick
Geht es um die Kaufkraft in Deutschland, hat sich das Bild seit Ausbruch des Krieges im Iran weiter eingetrübt. Die Inflation in der Euro-Zone stieg im März 2026 auf 2,5 Prozent, getrieben vor allem durch steigende Energiepreise, wie Eurostat-Schnellschätzungen zeigen. Experten der Commerzbank weisen dabei darauf hin, dass Steuersenkungen in Spanien und Italien den Preisanstieg noch leicht gebremst haben – auch die deutsche Bundesregierung plant Entlastungsmaßnahmen.
Dazu soll die Energiesteuer bei Diesel und Benzin um jeweils rund 17 Cent brutto pro Liter begrenzt auf zwei Monate gesenkt werden, wie CDU, CSU und SPD am Montag mitteilten.
Noch hielten langfristige Lieferverträge die Preise im Einzelhandel weitgehend stabil, erklärte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), gegenüber der ARD – doch er räumte ein: "Wenn allerdings die Kostenexplosionen, gerade bei Kraftstoffen, länger und deutlicher anhalten, wird das auch an Kundinnen und Kunden weitergegeben werden müssen."
Keine Entwarnung in Sicht
Schon jetzt zeigt sich der neue Preisdruck beim Autofahren besonders deutlich. Laut Statistischem Bundesamt lagen die Kraftstoffpreise im März 2026 um 20 Prozent höher als ein Jahr zuvor – Diesel verteuerte sich sogar um knapp 30 Prozent. Die Gesamtinflation betrug im selben Monat 2,7 Prozent. Autofahren ist damit derzeit einer der größten Kostentreiber im Alltag – und Haushalte wenden im Schnitt knapp 12 Prozent ihrer Lebenshaltungskosten für Mobilität auf.
Eine schnelle Entspannung ist nicht in Sicht. Donald Trump selbst gestand ein, dass die Benzinpreise in den USA bis zum November hoch bleiben könnten. Der Rohölpreis hat sich seit Kriegsbeginn Ende Februar von rund 73 auf zeitweise über 114 Dollar je Barrel verteuert. Für Verbraucher in Deutschland sind das keine guten Aussichten.