Negative Strompreise wirken in der Lebenshaltungskostenkrise zunächst wie eine Entlastung, bremsen aber Investitionen in erneuerbare Energien.
Der Boom bei Solar- und Windenergie hängt eng mit dem starken Anstieg negativer Strompreise in Europa zusammen.
Laut der Analysefirma Montel (Quelle auf Englisch) erreichten negative Strompreise auf der Iberischen Halbinsel im ersten Quartal 2026 einen neuen Höchststand. Dann sinken die Großhandelspreise für Strom unter null, weil das Angebot die Nachfrage übersteigt.
Spanien traf es am härtesten: Zwischen Januar und März verzeichnete das Land 397 Stunden mit negativen Preisen. Im gleichen Zeitraum 2025 waren es nur 48 Stunden. In Portugal lag der Strompreis im selben Zeitraum während 222 Stunden unter null.
Eine separate Analyse von Bloomberg (Quelle auf Englisch) auf Basis von Daten der Epex Spot SE zeigt: In Frankreich hat sich die Zahl der Stunden mit Preisen unter null in diesem Jahr gegenüber 2025 fast verdoppelt. In Deutschland stieg sie um rund fünfzig Prozent.
Die meisten negativen Preise traten im April auf. Grund war ein Sprung bei der Solarstromproduktion durch längere Tage. Stürmisches Wetter über Europa trieb zusätzlich die Ausbeute aus Windparks nach oben. So entstand zeitweise deutlich mehr Strom, als benötigt wurde.
Die spanische Beratung AleaSoft Energy Forecasting ermittelte, dass Deutschland am fünften April den bisher niedrigsten durchschnittlichen Tagesstrompreis verzeichnete: minus 16,34 Euro je Megawattstunde. Am selben Tag lag der französische Markt bei einem negativen Tagesdurchschnitt von minus 3,56 Euro je Megawattstunde, Belgien kam auf 0,05 Euro je Megawattstunde.
Die britischen, nordischen und niederländischen Strommärkte meldeten ihre niedrigsten Tagesdurchschnittspreise seit Oktober 2025: 6,85, 7,61 und 14,46 Euro je Megawattstunde.
Negative Strompreise klingen in Zeiten explodierender Energiekosten attraktiv. Für die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher bedeuten sie aber keine niedrigeren Rechnungen.
Warum es negative Strompreise gibt
Strompreise rutschen ins Minus, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt. Im europäischen Day-Ahead-Markt melden Stromerzeuger, wie viel Energie sie zu welchem Preis anbieten. Normalerweise liegt dieser Preis über null.
Im Frühjahr werden die Tage länger. Ideale Wetterbedingungen lassen die Produktion aus Solar- und Windanlagen stark steigen – oft stärker, als der Bedarf wächst. Besonders an Feiertagen verbrauchen Haushalte und Unternehmen meist weniger Strom als üblich.
Kraftwerksbetreiber unterbieten sich dann gegenseitig, orientiert an Betriebs- und Wiederanfahrkosten, um eine Abschaltung zu vermeiden. Entweder verdienen sie trotz niedriger Preise dank Förderungen oder vertraglich gesicherter Zahlungen weiter Geld, oder eine Drosselung würde sie noch teurer kommen.
Im vergangenen Jahr etwa warf Großbritannien rund 1,47 Milliarden Pfund (etwa 1,67 Milliarden Euro) weg, indem es Windkraftanlagen abregelte und gleichzeitig Gaskraftwerke fürs Hochfahren bezahlte.
Wie Europa negative Strompreise eindämmt
Negative Strompreise zu vermeiden, ist schwierig. Europas Stromnetze sind veraltet. Sie wurden nicht für einen Boom der Erneuerbaren gebaut, sondern für wenige zentrale Großkraftwerke. Strom aus Wind- und Solaranlagen, die oft weit abseits stehen, kann deshalb vielerorts nicht dorthin fließen, wo er gebraucht wird – in Städte, Wohnungen und Büros.
Zwar sind die Netzinvestitionen in Europa in den vergangenen fünf Jahren um siebenundvierzig Prozent auf rund 70 Milliarden Euro pro Jahr gestiegen. Fachleute halten das aber weiterhin für unzureichend.
Eine aktuelle Studie des Energietankstellenks Ember warnt: Mehr als 120 Gigawatt geplanter Erneuerbaren-Kapazität sind wegen der „unzureichenden Netzkapazität“ in Gefahr. Davon entfallen 16 Gigawatt auf Photovoltaikanlagen auf Dächern, mit Folgen für mehr als eineinhalb Millionen Haushalte in Europa.
Kostenlosen oder stark vergünstigten Strom anzubieten, ist ein weiterer Ansatz gegen negative Preise. In Großbritannien wird das bereits geprüft. Greg Jackson, CEO des Versorgers Octopus Energy, der seit Langem Reformen für günstigere Energie statt Abregelung von Windkraft fordert, plädiert dafür, solche Programme dauerhaft einzuführen, um mehr Menschen zu Investitionen in elektrische Heizungen, Autos und Geräte zu bewegen.
Sind Batteriespeicher die Lösung?
Das Kernproblem hinter negativen Strompreisen: Überschüssige Energie lässt sich nur begrenzt speichern. Deshalb mehren sich Forderungen, Europas Batteriespeichersysteme (BESS) massiv auszubauen.
Im vergangenen Jahr installierte die EU 27,1 Gigawattstunden neue BESS-Kapazität – das war das zwölfte Rekordjahr in Folge.
Nach einem Bericht von Solar Power Europe (Quelle auf Englisch) aus dem Jahr 2026 hat sich die Batteriekapazität der EU seit 2021 verzehnfacht und liegt nun bei mehr als 77 Gigawattstunden. Dennoch sei Europa „noch weit von dem entfernt, was benötigt wird“.
Um die Ziele für 2030 zu erreichen, muss die EU diesen Verzehnfachungssprung noch einmal schaffen. In den kommenden fünf Jahren müsste die Speicherkapazität auf etwa 750 Gigawattstunden anwachsen.
Fünf EU-Märkte stellten 2025 mehr als sechzig Prozent der neuen BESS-Kapazität. Deutschland und Italien lagen vorn. Bulgarien entwickelte sich zum am schnellsten wachsenden Markt und rückte auf Platz drei, gefolgt von den Niederlanden und Spanien.