Freiwillige Taucher machen eine verblüffende Entdeckung, als sie vor der Küste herrenlose Fischernetze von einem Schiffswrack bergen.
Als Derk Remmers und andere ehrenamtliche technische Taucher zu einer Mission aufbrachen, um ein von Geisternetzen umhülltes Schiffswrack im Mittelmeer zu räumen, erlebten sie etwas Spektakuläres.
In rund 40 Metern Tiefe zwischen Sizilien und Tunesien tauchte plötzlich ein großer Weißer Hai aus dem Blau auf.
Remmers griff hastig zur Kamera und filmte nach heutigem Kenntnisstand die erste Unterwasseraufnahme eines erwachsenen Weißen Hais im Mittelmeer in seiner natürlichen Umgebung. Bisher gab es dort nur vereinzelte Sichtungen an der Oberfläche. Unterwasserbegegnungen, die Taucher gefilmt haben, waren bislang nicht bekannt.
Die außergewöhnliche Begegnung ereignete sich während einer Mission zur Entfernung von Geisternetzen, die die Healthy Seas Foundation gemeinsam mit Ghost Diving und der Society for Documentation of Submerged Sites (SDSS) organisiert hatte und deren Aufnahmen sie Euronews Earth zur Verfügung stellte.
„Wir waren alle ein bisschen geschockt – und total fasziniert“, erzählt Derk Remmers, ehrenamtlicher technischer Taucher und Leiter des deutschen Ablegers von Ghost Diving, Euronews Earth. „Meine Finger haben gezittert, so viel ist sicher – es war ein großes Tier, und wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet.“
Der Hai umrundete die Gruppe, bevor er offenbar das Interesse verlor. „Er schwamm an uns vorbei, drehte dann um, schaute uns direkt an und kam zurück. Es wirkte ganz klar so, als wäre er neugierig und nicht aggressiv – er war sehr entspannt, als hätte er die Haltung: Hier unten bin ich der Chef. Und als wir anfingen, ein paar Luftblasen aus dem Mund aufsteigen zu lassen, legte er ein wenig an Tempo zu und verschwand im Blau“, erinnert sich Derk.
Meeresschutzbiologinnen und -biologen, die nach der Mission konsultiert wurden, stuften die Sichtung als äußerst ungewöhnlich und wissenschaftlich wertvoll ein. „Den Großteil unseres Wissens über Weiße Haie im Mittelmeer verdanken wir toten Tieren, die als Beifang in der Fischerei landen. Beobachtungen wie diese sind extrem wertvoll, um Verbreitung, Lebensweise und Verhalten dieser vom Aussterben bedrohten Art besser zu verstehen“, erklärte Dr. Carlo Cattano, Forscher am Sicily Marine Centre der Stazione Zoologica Anton Dohrn, in einer von Healthy Seas veröffentlichten Mitteilung.
Geisternetze: Der lautlose Killer
Der Hai war außergewöhnlich. Der Grund, warum die Taucher überhaupt vor Ort waren, ist es leider nicht.
Die Straße von Sizilien gehört zu den am stärksten befischten Regionen des Mittelmeers. An dem Wrack, das sich das Team vorgenommen hatte, blieben seit Jahren immer neue Geisternetze hängen – Fanggeräte, die auf See verloren gehen oder absichtlich aufgegeben werden.
Geisternetze hören nicht auf zu fangen, nur weil niemand mehr an ihnen zieht. Verfangen sie sich an Unterwasserstrukturen wie Riffen oder Wracks, fangen und töten sie Meerestiere auf unbestimmte Zeit.
„Sie sind dazu gemacht, Fische zu töten, und das tun sie auch, wenn sie nicht mehr am Fischereischiff hängen“, sagt Derk gegenüber Euronews Earth. „Jahr für Jahr wächst die Menge an Netzen, die sich in diesem Wrack verfangen.“
Frühere Tauchgänge an der Stelle hatten bereits Unechte Karettschildkröten und große Fischarten dokumentiert, die sich in den herrenlosen Netzen verfangen hatten. Auch bei dieser Mission holte das Team Netzteile an die Oberfläche, die entweder sicher entsorgt oder, wo möglich, recycelt werden.
Das Ausmaß des Problems reicht jedoch weit über ein einzelnes Wrack hinaus. „Zwischen ein und zehn Prozent aller Fanggeräte aller Fischereifahrzeuge weltweit gehen in jedem Jahr verloren“, sagt Derk. „In der Summe können das mehr als eine halbe Million Tonnen pro Jahr sein.“
Die Anwesenheit des Hais führte die Dimension dieser Bedrohung drastisch vor Augen, die sich durch das gesamte Nahrungsnetz im Meer zieht.
„Wir fühlen uns irgendwie gesegnet, dass wir diese Begegnung hatten – sie zeigt uns auch, wie wichtig unsere Arbeit ist“, sagt Derk. „Denn wenn ein Räuber dieser Größe in der Nähe des Wracks jagt, bedeutet das auch, dass es dort sehr viele Fische und andere Tiere gibt, auf die er Jagd machen kann. Wenn sie sich in den Netzen verfangen, besteht die Gefahr, dass auch einige dieser Räuber gefangen werden. Und wenn wir sie verlieren – es gibt nur noch sehr wenige –, wäre das eine große Katastrophe.“
Problem lässt sich nicht allein von Tauchern lösen
Derk stellt klar, dass freiwillige Aufräumaktionen die Geisternetze nicht im Alleingang aus der Welt schaffen können. „Wir können nur begrenzt etwas tun – wir sind nur wenige Leute“, sagt er im Gespräch mit Euronews Earth. „Ein Schritt ist, die Netze zu entfernen. Das ist das Mindeste, was wir als Menschen tun können. Unser Ziel ist aber auch, die Öffentlichkeit über dieses Problem zu informieren, damit gehandelt wird, bevor wir die Netze überhaupt einsammeln müssen.“
Mit dieser Arbeit im Vorfeld meint er, illegale und großindustrielle Fischerei direkt anzugehen. Familiengeführte Fischereibetriebe, so betont er, hätten ein großes Interesse daran, kein Gerät zu verlieren – ein verlorenes Netz ist für einen kleinen Betrieb ein wirtschaftliches Desaster. Die größte Gefahr für das Ökosystem gehe von industriellen und illegalen Akteuren aus, die im großen Stil operieren.
„Wir sollten als Menschen und als Europäer versuchen, unsere Politiker in die Lage zu versetzen, gegen diese Bedrohung vorzugehen und sorgfältiger mit unserer Unterwasserumwelt umzugehen“, appelliert Derk.
Zur Mission gehörten auch die Entnahme von Umwelt-DNA-Proben und Unterwasser-Monitoring, um die Artenvielfalt rund um das Wrack besser zu erfassen. Die Auswertung läuft noch; in den kommenden Monaten sollen weitere Aufnahmen und wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlicht werden.