Die Meteorologen erwarten Rekordwerte von bis zu 43 °C. Für insgesamt 49 Départements gilt die Warnstufe rot.
Frankreich erlebt eine nie dagewesene Hitzewelle. Die Franzosen sind eigentlich die sogenannte "canicule" gewoht, doch es war noch nie so früh, so heiß. An diesem Montag, dem 22. Juni, hat der Wetterdienst Météo-France 49 Départements auf die Warnstufe Rot gesetzt, die höchste Stufe des nationalen Alarmplans.
Das ist ein neuer Höchstwert: Seit Einführung des meteorologischen Warnsystems im Jahr 2001 stand noch nie ein so großer Teil des Landes gleichzeitig auf dieser kritischen Alarmstufe. Das unterstreicht, wie außergewöhnlich die heiße Luftmasse ist, die derzeit über dem Land liegt.
Die Nacht von Sonntag auf Montag war außergewöhnlich warm, mit einer landesweiten Durchschnittstemperatur von 21,4 °C – ein Rekord seit der Hitzewelle im Juli 2019.
Extreme Temperaturen im Westen Frankreichs
Der Kern dieser Hitzewelle liegt im Westen des Landes. Prognosen und Wettermodelle erwarten Rekordwerte von bis zu 43 °C. Das Band mit extremer Hitze zieht sich entlang der Atlantikküste, von Hendaye in den Pyrénées-Atlantiques bis nach Rennes. An diesem Montag sind in Bordeaux bis zu 43 °C möglich, in Limoges 41 °C und in der Hauptstadt zur heißesten Tageszeit fast 40 °C. In all diesen Regionen kühlt es nachts kaum ab, was die Millionen betroffenen Französinnen und Franzosen zusätzlich erschöpft.
Bereits um 6.30 Uhr lagen die Temperaturen in Bordeaux bei fast 26 Grad und in Nantes bei 27 Grad.
In den nächsten 24 Stunden könnte sich die Lage weiter zuspitzen. Météo-France warnte bereits, dass die rote Alarmstufe ab Dienstag auf weitere Départements ausgeweitet werden könnte, die derzeit noch in der Warnstufe Orange stehen.
Hitze fordert Tote am Wochenende
Die extreme Hitze hat die Menschen im Land am Wochenende schwer belastet. Die Regierung meldete sieben Todesfälle, die direkt auf die Hitzewelle zurückgehen.
Die Suche nach Abkühlung hat zu einer dramatischen Bilanz bei Badeunfällen geführt. In der Dordogne riss die Strömung einen siebzehnjährigen Jugendlichen mit sich, er starb. Zwei weitere Minderjährige ertranken im Departement Doubs, nachdem sie in Besançon an einer verbotenen Stelle baden waren. Am Samstag kam in Dunkerque im Departement Nord ein weiterer sechzehnjähriger Jugendlicher ums Leben.
Am Sonntag starben in der Gironde nach Angaben der Präfektur drei Seniorinnen und Senioren in ihren Wohnungen an den Folgen der großen Hitze.
Schulen und Collèges in Frankreich geschlossen
Wegen der Hitzewelle bleiben an diesem Montag 845 Schulen geschlossen, weitere 1.800 passen ihre Unterrichtszeiten an, wie Bildungsminister Édouard Geffray mitteilte.
Von landesweit 60 000 Bildungseinrichtungen betreffen die Schließungen vor allem Départements mit Warnstufe Rot.
„Generell brauchen wir regionale Antworten, weil die Situationen sehr unterschiedlich sind“, sagte Édouard Geffray am Sonntag im Sender France 3. „Zunächst gilt die Regel der Kontinuität des öffentlichen Dienstes. Gleichzeitig gibt es Ausnahmen: Sobald die Sicherheit des Personals oder der Kinder gefährdet sein könnte, müssen wir schließen“, betonte er.
Außerdem wurden die mündlichen Prüfungen von rund 4.000 Kandidatinnen und Kandidaten des Baccalauréats, also des französischen Abiturs, die für heute und morgen vorgesehen waren, in den Akademien Bordeaux, Lyon, Montpellier, Normandie und Poitiers um einige Tage verschoben.
Bahnverkehr stark beeinträchtigt
Die Staatsbahn SNCF hat ihren Fahrplan angepasst und zwischen dem 18. und dem 22. Juni insgesamt 71 Intercités-Züge gestrichen, um hitzebedingte Pannen zu begrenzen, vor allem auf den Linien Paris–Orléans–Limoges–Toulouse, Paris–Clermont-Ferrand und Bordeaux–Marseille. Die hohen Temperaturen lassen die Schienen ausdehnen, schwächen die Oberleitungen und können die Klimaanlagen in den Zügen außer Kraft setzen – so geschehen vor wenigen Tagen in einem Intercités-Zug.
In der Region Île-de-France haben Île-de-France Mobilités und SNCF Voyageurs für diesen Montag, den 22. Juni, ebenfalls Zugausfälle angekündigt. Die Störungen betreffen die RER-Linien B, C, D und E. Nur der RER A verkehrt planmäßig.
Angesichts einer als „historisch“ eingestuften Situation empfehlen die Behörden den Reisenden, ihre Fahrten nach Möglichkeit zu verschieben. Der SNCF-Präsident und ehemalige Premierminister Jean Castex riet besonders gefährdeten Menschen sogar, während dieses Hitzepeaks ganz auf Zugreisen zu verzichten.
Große Teile Westeuropas betroffen
Die Hitzewelle macht nicht an den französischen Grenzen halt: Ein großer Teil des europäischen Kontinents stöhnt unter einer subtropischen Luftmasse, die ungewöhnlich früh einsetzt und extrem intensiv ausfällt.
In Spanien und Portugal steigen die Temperaturen drastisch, auch in Inselregionen wie dem Archipel der Balearen. Die Tourismusbranche muss dort weit vor der Hochsaison mit drückender Hitze umgehen. Die enorme Hitzebelastung für die Natur erhöht das Risiko von Waldbränden.
Auch das Vereinigte Königreich, sonst eher von solchen Extremen verschont, verzeichnet einen spektakulären Anstieg der Temperaturen. Der Wetterdienst Met Office hat vor einem Hitzepeak gewarnt, vor allem im Süden Englands.