„Uns fehlt schlicht ein Drittel des Wassers, das unsere Wasserkraftwerke normalerweise nutzen.“
Der Zufluss für Wasserkraftwerke in der Alpenregion liegt „nahe einem Allzeittief“. Europa erlebt zugleich eine immer heftigere Sommerdürre.
Aufeinanderfolgende Hitzewellen – angeheizt durch den menschenverursachten Klimawandel – und kaum Regen haben große Teile des Kontinents ausgedörrt. Dadurch steigt die Gefahr tödlicher Waldbrände, die Länder wie Frankreich, Spanien, Griechenland und die Türkei verwüsten und Hunderttausende zur Flucht zwingen.
Hinzu kommt die Sorge vor Lebensmittelknappheit. Bäuerinnen und Bauern warnen, dass die extreme Hitze Feldfrüchte im Wert von Milliarden Euro vernichtet hat.
Dem Combined Drought Indicator (CDI) zufolge herrschten Mitte Juli weiterhin Alarmstufe Dürre in Teilen der Ukraine, von Belarus und Polen. Neue Alarmgebiete entstanden im Nordosten der Iberischen Halbinsel. Die Lage verschlechterte sich zudem im Süden des Vereinigten Königreichs, in Norditalien und in der Mitte Europas: von Frankreich und Süddeutschland bis Ungarn und Rumänien. Betroffen waren auch die Schweiz, Österreich, Tschechien, die Slowakei und Serbien.
Auch der Energiemix Europas leidet. Rekordniedrige Pegel der Donau zwingen Ungarn, das Atomkraftwerk Paks herunterzufahren – zum ersten Mal seit fast einem halben Jahrhundert. Die Anlage liefert fast die Hälfte des ungarischen Stroms.
Dürre in Europa: Folgen für die Wasserkraft
Nach Angaben des Energieinformationsdienstes Montel (Quelle auf Englisch) lagen die Zuflüsse in Speicherseen und Laufwasserkraftwerke in Österreich und der Schweiz im Juli fast 50 Prozent unter dem Durchschnitt.
In Österreich erreichte die gesamte Wasserkrafterzeugung im Juli laut Montel nur 51 Prozent des üblichen Niveaus; Vergleichsbasis sind die vergangenen 15 Jahre. In der Schweiz waren es 48 Prozent. Auch Deutschland mit 63 Prozent und Frankreich mit 68 Prozent bekamen die Trockenheit deutlich zu spüren.
Wasserkraft ist in der EU die zweitwichtigste erneuerbare Stromquelle. Im ersten Quartal 2026 deckte sie 28 Prozent des Strombedarfs. Das ist mehr als Solarenergie mit 17,3 Prozent, erneuerbare Brennstoffe mit 9,4 Prozent sowie Geothermie und andere Quellen mit 0,4 Prozent.
„Uns fehlt schlicht ein Drittel des Wasservolumens, das unsere Wasserkraftwerke normalerweise verarbeiten würden“, sagt Michael Strugl, Chef des führenden österreichischen Energiekonzerns Verbund.
Der leitende Hydrologie-Analyst Eylert von Montel warnt, die Alpenländer müssten bis September auf erste Entspannung warten. Die Wetterprognosen deuten auf weitere Wochen mit Hitze und Trockenheit hin.
Ausfälle bei Wasserkraft: Kann Europa das verkraften?
Viele Länder, etwa Portugal und Österreich, hängen stark von Wasserkraft ab. Bricht die Produktion deutlich ein, müssen sie wieder verstärkt auf klimaschädliche fossile Brennstoffe setzen.
Im vergangenen Jahr stieg die Stromerzeugung aus Gas in der EU im Vergleich zu 2024 um acht Prozent. Der Thinktank Ember führt das vor allem auf geringere Wasserkraft zurück: Das Wetter sorgte für einen Rückgang der Jahresproduktion um zwölf Prozent.
Dieselben Wetterlagen bremsten zwar auch die Windkraft – sie ging um zwei Prozent zurück –, beflügelten aber die Solarenergie.
Damit erzeugten Solaranlagen 2025 in der EU so viel Strom wie noch nie; die Produktion legte um mehr als 20 Prozent zu. Der Trend zeigt, wie wichtig ein breiter aufgestellter Mix erneuerbarer Energien ist, um Extremwetter in Zeiten des Klimawandels zu überstehen.
Wasserkraft ergänzt zudem weniger flexible erneuerbare Quellen wie Wind und Sonne. Sie funktioniert gewissermaßen wie eine Batterie auf Abruf: Betreiber können die Leistung erhöhen, wenn der Stromverbrauch steigt, und sie in verbrauchsschwachen Zeiten drosseln.
Anstatt Strom aus Sonne und Wind wegen Engpässen im Netz ungenutzt zu lassen, könnte Europa nach Ansicht von Fachleuten auf ‚Hybridisierung‘ setzen. Dabei werden Technologien wie Windkraft, Photovoltaik und Speicher hinter einem einzigen Netzanschluss gebündelt. Man kann sich das so vorstellen, als würden drei Quellen denselben ‚Stecker‘ ins Stromnetz nutzen.
„Wenn Wind- oder Solaranlagen an denselben Anschluss wie ein Wasserkraftwerk kommen, können Projektentwickler schneller ans Netz gehen“, sagt Elisabeth Cremona, Leiterin für Energieinfrastrukturen bei Ember. „Die Betreiber nutzen die Netzinfrastruktur zudem deutlich effizienter – im Schnitt verdoppelt sich die Auslastung –, ohne die Exportgrenzen zu überschreiten.“
Ein aktueller Ember-Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass in Österreich, Bulgarien, Frankreich, Italien, Portugal, Rumänien und Spanien – den großen Wasserkraftmärkten der EU – dank Hybridisierung 18 Prozent der bis 2030 erwarteten neuen Erneuerbaren ins Netz integriert werden könnten, ohne zusätzliche Netzkapazitäten zu bauen.