Die Umweltorganisation ClientEarth wirft den belgischen Behörden vor, seit Jahren von den hohen Werten zu wissen, aber dennoch untätig zu bleiben.
Juristinnen und Juristen haben Beschwerde gegen Belgien eingelegt, weil der Staat seine Bürgerinnen und Bürger nicht ausreichend vor den erheblichen Gesundheitsrisiken sogenannter Ewigkeitschemikalien schützt.
Die Umweltorganisation ClientEarth hat deshalb eine Menschenrechtsbeschwerde beim Europäischen Ausschuss für Soziale Rechte (ECSR) eingereicht. Belgien weist laut Daten die höchsten Werte von Ewigkeitschemikalien (PFAS) in Europa auf.
„Wir sehen nicht nur eine lang anhaltende Belastung. Wir haben auch festgestellt, dass die Behörden seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, über diese Verschmutzung informiert sind und kaum etwas unternommen haben“, sagt Hélène Duguy, Umweltjuristin bei ClientEarth.
ClientEarth ist bekannt dafür, Regierungen und Unternehmen wegen Umweltverstößen vor Gericht zu bringen. Erstmals wendet sich die Organisation nun an den ECSR, das Kontrollgremium des Europarats, das prüft, ob die Mitgliedstaaten die Europäische Sozialcharta einhalten. „Wir haben dieses Gremium gewählt, weil es über starke Durchsetzungsmöglichkeiten verfügt“, erklärt Duguy gegenüber Euronews Earth.
Belgien: Größter PFAS-Hotspot Europas
PFAS, auch als Ewigkeitschemikalien bekannt, sind eine Gruppe von mehr als 10.000 künstlich hergestellten Stoffen. Die Industrie nutzt sie breit wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften. Sie stecken etwa in Pizzakartons, beschichteten Pfannen, Menstruationsprodukten und Outdoor-Kleidung.
Die Stoffe stehen mit einer Reihe von Gesundheitsrisiken in Verbindung, darunter bestimmte Krebsarten, Stoffwechselerkrankungen und Probleme mit der Fruchtbarkeit.
Belgien ist laut dem Forever Pollution Project (Quelle auf Englisch), das Daten gesammelt und PFAS-Verschmutzung in Europa kartiert hat, das am stärksten belastete Land des Kontinents.
Besonders betroffen sind belgische Orte wie Zwijndrecht nahe Antwerpen. Dort wirkt sich die Nähe zum Werk des Multikonzerns 3M massiv aus. In Chièvres an der französischen Grenze wird die Belastung mit einem nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt in Verbindung gebracht. Die Karte zeigt außerdem, dass Brüssel deutlich von PFAS betroffen ist, insbesondere die Stadtteile rund um Anderlecht und Uccle.
Die Beschwerde von ClientEarth stützt sich auf Fälle wie Zwijndrecht, wo öffentliche Stellen schon Jahre vor dem Skandal im Jahr 2021 von den PFAS-Problemen wussten.
Mitglieder der flämischen Regierung, darunter Bart De Wever, damals Bürgermeister von Antwerpen und heute Belgiens Premierminister, erhielten bereits 2017 Informationen über die Kontamination, reagierten jedoch nicht.
Schon Anfang der 2000er-Jahre sprachen 3M und flämische Behörden über die PFAS-Verschmutzung rund um das Werk, unterschätzten aber das Ausmaß des Problems.
Welche Gesundheitsrisiken bergen Ewigkeitschemikalien?
PFAS stehen mit verschiedenen Erkrankungen in Verbindung. 2023 stufte die Weltgesundheitsorganisation (Quelle auf Englisch) Perfluoroktansäure (PFOA) als für Menschen krebserregend ein und Perfluoroktansulfonsäure (PFOS) als möglicherweise krebserregend.
Diese beiden PFAS sind in der EU verboten. Weil sie sich jedoch erst nach Hunderten Jahren abbauen, finden sich die Stoffe weiterhin im Boden, im Wasser und im Blut von Menschen in vielen belasteten Regionen Europas.
Krebs ist nicht die einzige Gefahr. „Diese Verbindungen stehen auch mit verschiedenen Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, verringerter Fruchtbarkeit und Fettleibigkeit in Zusammenhang“, sagt Philippe Grandjean, Professor für Umweltmedizin am Nationalen Institut für öffentliche Gesundheit in Kopenhagen, gegenüber Euronews Earth.
Grandjean betont, dass PFAS nicht nur Erwachsene gefährden, die derzeit belastet sind, sondern auch kommende Generationen.
„PFAS beeinflussen die Gesundheit des Spermas des Vaters, also dessen Qualität. Sie erhöhen das Risiko von Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten“, erläutert er. „PFAS passieren die Plazenta. Die Mutter teilt ihre PFAS-Belastung mit dem Fötus. Und drittens werden PFAS über die Muttermilch ausgeschieden“, fügt er hinzu.
All diese Risiken sollten nach Ansicht Grandjeans ein starker Anreiz für Regierungen sein, mehr in Vorbeugung zu investieren.
Wie Ewigkeitschemikalien zur Menschenrechtsfrage werden
PFAS-Verschmutzung steht nicht zum ersten Mal im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen. 2024 erklärten Expertinnen und Experten der Vereinten Nationen die Belastung durch PFAS, die DuPont und Chemours im US-Bundesstaat North Carolina verursacht haben, zu einem Menschenrechtsproblem.
Rechtsverfahren wegen PFAS-Verschmutzung laufen in ganz Europa. Umweltorganisationen und Anwohner klagen seit Mai 2026 gegen Frankreich, weil das Land die Belastung nicht wirksam bekämpft. Eine Entscheidung wird 2027 erwartet.
„Unsere Beschwerde soll diese europäischen Verfahren stützen und ergänzen“, erklärt Duguy.
„PFAS sind nicht nur ein Umweltproblem. Es geht sehr direkt um Menschen. Regierungen und Behörden haben die Pflicht, ihre Rechte zu schützen“, sagt sie weiter.
Laut einer Mitteilung von ClientEarth soll der ECSR 2027 zunächst über die Zulässigkeit der Beschwerde entscheiden. Mit einem endgültigen Urteil wird in zwei bis drei Jahren gerechnet.
Mit der Beschwerde hofft ClientEarth, konkrete Änderungen in Belgiens PFAS-Regulierung anzustoßen.
Die Organisation fordert, dass Belgien alle Ewigkeitschemikalien verbietet und betroffene Gemeinden wirksam unterstützt. „Zu den Maßnahmen gehört zum Beispiel ein systemisches Biomonitoring der Bevölkerung, vor allem von besonders gefährdeten Gruppen wie Kindern und schwangeren Frauen. Wichtig ist auch, endlich mit Sanierung und Dekontamination zu beginnen – beides läuft in Belgien bislang sehr schleppend“, sagt Duguy gegenüber Euronews Earth.
Die Beseitigung von PFAS ist allerdings äußerst schwierig. Einer Studie (Quelle auf Englisch), die am Montag (6. Juli) in der Fachzeitschrift „Environmental Science: Processes and Impacts“ erschienen ist, zufolge würden selbst jährliche Investitionen von 100 Milliarden Euro in die Sanierung nur einen kleinen Teil der Ewigkeitschemikalien aus der Umwelt entfernen.