Zehntausende Migranten stürmen die EU-Außengrenze und schwimmen von Marokko nach Ceuta, mindestens 19 ertrinken. Madrid schickt das Militär. Italien will die Grenzen von Spanien schließen.
Die spanische Exklave Ceuta erlebt die schwerste Migrationskrise seit 2021.
Spaniens Sicherheitskräfte schätzen, dass in den vergangenen Tagen etwa 49.000 Menschen aus Marokko kommend die Stadt Ceuta erreicht haben. Sie überrannten die Grenzbeamten, die Aufnahmekapazitäten sind völlig überlastet, in der etwa 85.000 Einwohner zählenden Stadt Ceuta herrschte Chaos.
Tausende Menschen drängten sich auch am Freitag weiterhin am Wellenbrecher von Tarajal entlang. Das Innenministerium hatte am Donnerstag von 1.500 bis 2.000 Migranten gesprochen. Stadtpräsident Juan Jesús Vivas nannte die Zahl 20.000 in den vergangenen Stunden. Viele sprangen an der marokkanischen Küste ins Meer, um spanisches Gebiet zu erreichen.
Die Bilanz: Mindestens 19 Leichen zog die Guardia Civil Medienberichten zufolge innerhalb von 24 Stunden aus dem Wasser. Damit steigt die Zahl der seit Beginn des Jahres 2026 vor Ceuta ertrunkenen Migrantinnen und Migranten auf mehr als 40 – so viele wie seit der Tragödie von Tarajal im Jahr 2014 nicht mehr.
Fnideq im Chaos: Massenansturm auf die Grenze
Auf der anderen Seite der Grenze herrschte in der marokkanischen Stadt Fnideq, auch Castillejos genannt, zeitweise ebenfalls Chaos. Tausende Menschen – überwiegend junge Erwachsene, aber auch Familien mit Babys, ältere Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität – rannten in einem Massenansturm zur Küste. Viele kauften zuvor in der Medina Schwimmreifen, bevor sie ins Wasser gingen.
Nach Mitternacht besorgten sich zahlreiche Menschen in der Altmedina hastig weitere Schwimmhilfen. Sie wollten so schnell wie möglich ins Meer gelangen und nutzten den Schutz des dichten Nebels.
Aus Angst vor Ausschreitungen schlossen Geschäfte früher als üblich, der Verkehr kam stundenlang zum Erliegen. Die überforderte marokkanische Polizei konnte den Zustrom trotz zusätzlicher Kontrollen nicht stoppen.
Die spanische Regierung führt den "Sogeffekt" auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Anfang Juli zurück. Die Entscheidung untersagt sofortige Zurückweisungen von auf See aufgegriffenen Migrantinnen und Migranten.
Kreise des spanischen Innenministeriums erklärten, Schleusernetzwerke würden das Urteil "instrumentalisieren". Marokko wiederum macht "kriminelle Organisationen" für den Massenansturm verantwortlich.
Armee, Taucher und Patrouillenschiff
Angesichts des Ausmaßes der Krise ordnete die spanische Regierung den Einsatz des Militärs in Ceuta an, um die Guardia Civil zu unterstützen. Zudem verstärkte sie die Bereitschafts- und Sicherheitseinheiten um 60 zusätzliche Kräfte, entsandte 30 weitere Beamte der Guardia Civil aus Andalusien zur Einheit für Bürgersicherheit sowie acht Taucher der Spezialeinheit GEAS.
Das Patrouillenschiff "Duque de Ahumada" traf am frühen Freitagmorgen in der Stadt ein, um den maritimen Einsatz zu verstärken. Dieser erhält zudem Unterstützung durch einen Hubschrauber und mehrere Drohnenpiloten. In Melilla bleibt der Grenzübergang Beni Enzar wegen ähnlicher Versuche irregulärer Einreisen geschlossen.
Pedro Sánchez reist an diesem Freitag gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska nach Ceuta. Auf dem Programm stehen ein Besuch in Tarajal um 11.40 Uhr sowie eine Koordinierungssitzung am Mittag mit Vivas, dem Regierungsdelegierten und der Polizeileitung. Die oppositionelle rechte Partei Vox fordert zudem, dass Innenminister Grande-Marlaska, Verteidigungsministerin Margarita Robles und die Direktorin für nationale Sicherheit im Parlament erscheinen.
Meloni droht mit Schengen-Aussetzung
Die Krise hat zudem eine unerwartete Front mit Rom eröffnet. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni brachte eine Aussetzung der Freizügigkeit gegenüber Spanien ins Spiel. Sie verband die Massenankünfte mit der von der spanischen Regierung beschlossenen Regularisierung von 500.000 Menschen.
Italiens Außenminister Antonio Tajani ging noch weiter und forderte offen eine Schließung des Schengen-Raums gegenüber Spanien. Spaniens Außenminister José Manuel Albares reagierte, indem er den italienischen – nicht aber den marokkanischen – Botschafter einbestellte. Die Äußerungen aus Rom bezeichnete er als eines "Partner- und Freundeslandes unwürdig" und warf der Regierung Meloni "parteipolitische Demagogie" vor.
Aus Madrid heißt es, die Krise sei eine Folge des Urteils des Obersten Gerichtshofs und habe nichts mit der Regularisierung zu tun.
Die Krise begann zu Wochenbeginn, wenige Tage nachdem Spanien Fortschritte bei der Anerkennung der Staatsangehörigkeit von Sahrauis - den Bewohnern der Westsahara - erzielt hatte, die während der spanischen Verwaltung des Gebiets geboren wurden. Sie fiel zudem mit dem Besuch des spanischen Regierungschefs in Algerien zusammen – einem Land, mit dem Marokko 2021 wegen tiefgreifender Differenzen über die Westsahara die diplomatischen Beziehungen abbrach.