Euronews-Reporterinnen unterwegs mit der Bundeswehr beim Manöver in Litauen: Wie bereiten sich die Soldaten auf einen Ernstfall an der NATO-Ostflanke vor? Wir begleiten eine Panzerbesatzung der Brigade Litauen und Einheiten der Elektronischen Kampfführung direkt an der belarussischen Grenze.
Wenige Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt konzentrieren sich mehrere tausend NATO-Soldaten auf ein Ziel: die Verteidigung des Bündnisgebiets auf litauischem Boden. Rund sechs Wochen lang haben fast 3.000 Soldaten – die meisten davon von der Bundeswehr – auf dem Truppenübungsplatz Pabradė mit Drohnen, elektronischer Kampfführung, schwerem Gerät, Artillerie, Infanterie, Hubschrauber und Kampfjets die Verteidigung des NATO-Gebiets gegen einen "konventionellen Angreifer" geübt.
Großer Bestandteil der Übung "Freedom Shield I" ist die Panzerbrigade 45 – auch bekannt als Brigade "Litauen". Vor über drei Jahren fiel die Entscheidung, dass bis Ende 2027 rund 4.800 Soldaten dauerhaft nach Litauen verlegt werden sollen. Die Brigade wird auf zwei Standorte verteilt und umfasst fünf Bataillone.
Ihr Ziel: Abschreckung gegenüber Russland.
Aber wer sind die Menschen, die sich entschieden haben, Deutschland zu verlassen und die NATO-Ostflanke zu schützen?
Euronews hat zwei Soldaten des Panzerbataillon 203 aus Augustdorf begleitet, die bis Ende 2027 mit ihrem Bataillon nach Litauen verlegt werden. Kraftfahrer Korporal Kevin, Spitzname "Rogi", hat sich voraussichtlich bis Ende 2029 verpflichtet, Kommandant Oberfeldwebel Kevin für sechs Jahre – beide freiwillig.
Warum Kevin und Rogi sich entschieden haben, nach Litauen zu gehen, sehen Sie in der TV-Reportage "Deutsche Soldaten in Litauen: Panzer, Drohnen, Abschreckung" bei Euronews.
Deutsche Kampfbrigade: 4.800 Mann zum Schutz Litauens
Auf einer Plakette am Rathaus in Vilnius – zur Zeit versteckt unter einer Gerüstplane – befindet sich ein Zitat des deutschen Bundeskanzlers. "Die Sicherheit Litauens ist auch unsere Sicherheit. Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin", wird Friedrich Merz zitiert.
Bereits seit 2017 beteiligt sich die Bundeswehr im Rahmen der NATO-Mission "enhanced Forward Presence" (eFP) an einem multinationalen Gefechtsverband im Baltikum. Hintergrund war damals bereits die zunehmende Bedrohung durch Russland. Die beteiligten Truppen waren dabei nicht dauerhaft stationiert, in regelmäßigen Abständen wurden Personal, Material und Ausrüstung gewechselt.
Mit dem flächendeckenden Angriffskrieg wünschten die Litauer sich jedoch mehr Schutz, der ihnen vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz mit der Brigade zugesagt wurde. "Und ich habe unseren Freunden in Litauen zugesagt: Deutschland wird eine robuste Bundeswehrbrigade führen, die auch vor Ort in Litauen präsent ist und im Krisenfall unverzüglich mit Kräften aus Deutschland verstärkt wird. Das ist gelebte Solidarität unter Freunden und Verbündeten", so Scholz im Juni 2022 im Bundestag.
"Es ist unser Auftrag, die Ostflanke maßgeblich zu schützen"
Zwar war zunächst keine dauerhaft voll besetzte Brigade geplant, es sollte lediglich ein Brigadekommando stationiert werden. Die eigentlichen Kampftruppen sollten weiterhin aus Deutschland zu Übungen oder im Bedarfsfall verlegt werden – nach dem bisherigen Rotationsprinzip. Einen Kurswechsel gab es laut dem Bundeswehrverband dann im Sommer 2023, nachdem der Chef der russischen Söldnergruppe Wagner, Jewgenij Prigoschin, mit seiner Rebellion gegen die russische Militärführung gescheitert war und zahlreiche Wagner-Kämpfer nach Belarus verlegt wurden.
Der Wagner-Aufstand und die Verlegung der Söldner nach Belarus waren nach Darstellung der Bundesregierung nicht der alleinige Grund für die dauerhafte Stationierung. Berlin räumte jedoch ein, dass die Ereignisse "eine weitere Dynamik" für die Entscheidung erzeugt hätten.
Deutschland änderte seinen Kurs und Verteidigungsminister Boris Pistorius und Generalinspekteur Carsten Breuer kündigten bei einem Truppenbesuch in Litauen an, erstmals in der Geschichte der Bundeswehr dauerhaft eine kampffähige Brigade außerhalb Deutschlands zu stationieren. Im Herbst 2023 bekräftigte Pistorius: "Es ist unser Auftrag, die Ostflanke maßgeblich zu schützen."
Dieses Ziel will der Minister mit Freiwilligkeit erreichen, doch so wie geplant, scheint das aktuell nicht überall zu funktionieren.
"Möchte Soldaten an meiner Seite haben, die von dem Auftrag überzeugt sind"
Laut Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Oliver Kaufmann, gebe es in dem Panzerbataillon "tatsächlich eine sehr hohe Freiwilligen-Quote". Kaufmann erklärte im Gespräch mit Euronews, dass man die Zahlen, die kursieren würden, einordnen müsse.
"Ich kann für mein Bataillon sprechen und die Masse der Soldaten ist bereit, freiwillig mit nach Litauen zu gehen und das ist auch genau das, was ich möchte: ich möchte Soldaten an meiner Seite haben, die von dem Auftrag überzeugt sind und die gemeinsam in dem Team Panzerbataillon 203 diesen verantwortungsvollen Auftrag übernehmen", so Kaufmann.
Bislang konnten rund 60 Prozent der geplanten Brigade mit Freiwilligen besetzt werden, heißt es laut der Bild-Zeitung. Damit fehlen noch etwa 2.000 Soldaten. Bei den bereits in Litauen stationierten Kräften liegt die Besetzungsquote zwar bei 92 Prozent. Dazu gehört vor allem die bereits seit 2017 bestehende multinationale Battlegroup. Das Panzerbataillon 203 und das Panzergrenadierbataillon 122 sollen erst 2027 nach Litauen verlegt werden. Dort würden laut der Recherche derzeit noch rund 40 Prozent des Personals fehlen.
"Das sind alles Freiwillige. Natürlich gibt es gelegentlich Engpässe, insbesondere bei Fachkräften, zum Beispiel bei IT- und Logistikpersonal, aber nicht nur in diesem Bereich. Das ist genau wie zu Hause. Wir setzen weiterhin auf Freiwilligkeit und bieten den Familienangehörigen die bestmöglichen Bedingungen. Sobald wir alle verfügbaren Mittel ausgeschöpft haben, werden wir uns nach alternativen Optionen umsehen", so der Minister.
Er ergänzte jedoch, dass eine Versetzung für Bundeswehrsoldaten jedoch "nichts Ungewohntes" sei, sollte das Prinzip der Freiwilligkeit nicht ausreichen.
Euronews hat Soldaten begleitet, die freiwillig nach Litauen gehen
Euronews hat eine Woche mit verschiedenen Einheiten der Bundeswehr in Litauen verbracht und darauf gemischte Reaktionen gehört: manche stimmten Pistorius zu, andere sagten, dass ihrer Meinung nach manche Soldaten mit Familien dem nicht zustimmen würden.
Zwar gebe es die Möglichkeit, regelmäßig von Vilnius nach Deutschland zu fliegen, jedoch unterscheidet sich "der Dienst in Litauen grundsätzlich nicht vom allgemeinen Dienstbetrieb in Deutschland". Das bedeutet: Übungen, Wachdienst, Bereitschaften oder andere militärische Aufgaben können auch an Wochenenden stattfinden.
Hinter den politischen Entscheidungen und den Debatten über Personal und Abschreckung stehen Menschen, die diesen Auftrag erfüllen sollen.
Euronews hat zwei Soldaten der Brigade begleitet und mit ihnen darüber gesprochen, warum sie freiwillig nach Litauen gehen, welche Erwartungen sie an ihren neuen Auftrag haben – und welche persönlichen Herausforderungen die dauerhafte Stationierung mit sich bringt.
Mehr dazu in der Reportage "Deutsche Soldaten in Litauen: Panzer, Drohnen, Abschreckung".