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Landkonflikt zwischen Landwirtschaft und Solarstrom: löst Agri-Photovoltaik das Problem?

Speziell montierte Solarmodule überspannen eine Bio-Apfelplantage eines Agrivoltaik-Forschungsprojekts in Gelsdorf im Westen Deutschlands, 30. August 2022.
Spezielle Solarmodule überspannen die Bio-Apfelplantage eines Agriphotovoltaik-Forschungsprojekts in Gelsdorf in Westdeutschland am 30. August 2022. -  Copyright  AP Photo/Martin Meissner
Copyright AP Photo/Martin Meissner
Von Ansley Evans, Lottie Watters and Stefania D'Ignoti
Zuerst veröffentlicht am
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Agrivoltaik kann verhindern, dass Felder aufgegeben werden, schützt die Ernte und bringt zusätzliches Geld. Kritiker warnen jedoch, dass so die eigentlichen Probleme überdeckt werden.

Wenn die Sonne über Murcia im Südosten Spaniens nach Westen wandert, fangen Solarmodule ihre Strahlen ein und schützen zugleich verschiedenste Kulturen, von Paprika über Weintrauben bis zu Drachenfrüchten.

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Die Region gilt wegen ihrer Landwirtschaft und vielen Sonnentage als Gemüsegarten Spaniens. Nun prüft sie, ob Landwirtschaft und Solarstrom nicht um Fläche konkurrieren müssen, sondern gut nebeneinander bestehen können.

„Agrivoltaik bedeutet, Lebensmittelproduktion mit erneuerbarer Energieerzeugung zu verbinden“, erklärt Silvia Tomasi, Senior Researcher am Eurac Research. Photovoltaikmodule werden dafür über, zwischen oder am Rand von Ackerflächen installiert, ergänzt sie.

Eine Studie aus dem Jahr 2023 (Quelle auf Englisch) schätzt, dass Europa mit Agrivoltaik – auch Agri-PV genannt – das 25-Fache seines heutigen Strombedarfs erzeugen könnte.

Doch auch Solarstrom bringt ökologische und soziale Kosten mit sich. Er benötigt mehr Fläche (Quelle auf Englisch) als andere Energiequellen, um dieselbe Strommenge zu liefern. Das führt vor allem auf dem Land zu Konflikten um die Nutzung von Böden.

„Agrivoltaik hat enormes Potenzial – wirtschaftlich und ökologisch“, sagt Tomasi. „Entscheidend ist aber immer, wie die Technik umgesetzt wird und wer am Ende wirklich profitiert.“

Regierungen und Tech-Konzerne setzen auf Agrivoltaik

Die Idee, Südeuropa zu einem Solarzentrum zu machen, erhielt im Januar prominente Unterstützung. Elon Musk erklärte, dünn besiedelte Gebiete in Spanien und auf Sizilien könnten theoretisch genug Solarstrom für ganz Europa liefern.

Große Tech-Unternehmen reagieren bereits. In Süditalien haben Amazon (Quelle auf Englisch) und Apple (Quelle auf Englisch) Stromabnahmeverträge für große Agrivoltaik-Anlagen mit zusammen mehr als 150 Megawatt Leistung unterschrieben – genug, um den Jahresbedarf von rund 100.000 italienischen Haushalten zu decken.

Auch Europa finanziert den Ausbau. Das EU-Projekt AGRISOL (Quelle auf Englisch) will 1,9 Millionen Euro in Agrivoltaikprojekte investieren, unter anderem in Italien und Spanien. Italien allein hat zusätzlich 1,7 Milliarden Euro an staatlicher Unterstützung für die Initiative gesichert.

„Im Moment leistet [Agrivoltaik] nur einen sehr kleinen Beitrag“, sagt Angelo Gentili, nationaler Sekretär von Legambiente, der größten Umweltorganisation Italiens. „Aber wenn sie skaliert, kann sie ein wichtiger Motor für unsere Dekarbonisierungsziele werden.“

Folgen für Ernten und Böden steuern

EU-Vorgaben und nationale Regeln schreiben zunehmend vor, dass Landwirtschaft auf Flächen mit Solaranlagen eine bedeutende Rolle behält. In Frankreich müssen Projekte mindestens 90 Prozent der üblichen Erträge im Vergleich zu lokal festgelegten Referenzwerten halten. In Italien müssen mindestens 70 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt bleiben.

Fachleute betonen, dass nicht jede beliebige Kombination aus Landwirtschaft und Photovoltaik zählen sollte. „Wir brauchen weniger eine Definition als eine klare Klassifizierung“, sagt Pilar Flores, die am Murcian Institute for Agricultural and Environmental Research and Development (IMIDA) ein EU-finanziertes Agrivoltaikprojekt koordiniert. Schutz der Landwirtschaft müsse der Leitgedanke sein: „Entscheidend ist, dass so wenig Ackerland wie möglich verloren geht.“

Warum also Ackerland nutzen und nicht leere oder aufgegebene Flächen? Flores verweist auf ähnliche Anforderungen: Die Flächen müssen relativ eben liegen und in Netznähe sein. Ungenutztes Land habe zudem oft einen hohen ökologischen Wert. „Es geht nicht nur um eine einfache Rechnung, wie viel freie Fläche noch übrig ist“, sagt sie.

Wie Agrivoltaik Bäuerinnen und Bauern helfen kann

In einigen Fällen (Quelle auf Englisch) verbessert Agrivoltaik die Wassernutzung, schützt Kulturen vor Extremwetter und erhöht die Produktivität der Böden (Quelle auf Englisch). Solaranlagen können Landwirtinnen und Landwirten helfen, sich an die Klimakrise anzupassen. „Starke Regenfälle und Hitze haben Felder massiv geschädigt und viele Bauern zum Aufgeben gezwungen“, sagt Gentili. „Agrivoltaik ist ein wichtiges Instrument, um Landaufgabe und Einkommensverluste zu vermeiden.“

Die Module werfen Schatten. Das verringert Verdunstung, hilft dem Boden, Feuchtigkeit zu halten, und verschafft Feldarbeiterinnen, Feldarbeitern sowie Weidetieren Abkühlung. Die Anlagen können zudem vor Hagel schützen. Bäuerinnen und Bauern können den Strom für den eigenen Betrieb nutzen und Überschüsse ins Netz einspeisen oder die Fläche über ihren Feldern an Energieunternehmen vermieten.

Garantiert sind diese Vorteile jedoch nicht, warnt Flores. „Oft werden all diese Chancen so diskutiert, als träfen sie automatisch zu. In Wirklichkeit hängt alles vom jeweiligen Agrivoltaiksystem und vom Standort ab.“ In Murcia stellte ihr Team fest, dass Paprika unter Wasserstress besser unter Modulen wuchsen als gut bewässerte Pflanzen in der Sonne. „Man muss jeden Fall und jeden Standort genau analysieren“, sagt sie.

Speziell montierte Solarmodule stehen über einer Bio-Apfelbaumplantage in einem Agrivoltaik-Forschungsprojekt in Gelsdorf in Westdeutschland, 30. August 2022.
Speziell montierte Solarmodule stehen über einer Bio-Apfelbaumplantage in einem Agrivoltaik-Forschungsprojekt in Gelsdorf in Westdeutschland, 30. August 2022. AP Photo/Martin Meissner

Wer profitiert am meisten von Agrivoltaik?

Viele Landwirtinnen und Landwirte bleiben skeptisch. Für Fabrizio Garbarino, den Vorsitzenden der italienischen Bauernvereinigung Associazione Rurale Italiana, geht Agrivoltaik an den eigentlichen Problemen vorbei. „Agrivoltaik nutzt die Krise der Landwirtschaft in Italien aus, statt echte Lösungen gegen das Aufgeben von Flächen zu fördern“, sagt er. „Für mich wirkt das wie eine Abkürzung.“

Start-ups im Auftrag großer Unternehmen, darunter Entwickler von Rechenzentren, drängen laut Garbarino massiv auf Pachtverträge. „Selbst wenn der produzierte Strom sauber ist, entziehen wir den Bäuerinnen und Bauern ihre Flächen, um energiehungrige Geschäftsmodelle zu versorgen.“

Tech-Konzerne argumentieren, Stromabnahmeverträge für Agrivoltaikanlagen würden ihnen helfen, Netto-Null-Ziele zu erreichen. Ein PPA bedeutet jedoch nicht, dass der Strom einer bestimmten Anlage direkt in ein bestimmtes Rechenzentrum fließt. Zudem bleibt der tatsächliche CO₂-Fußabdruck von KI-Rechenzentren schwer durchschaubar.

Eine Studie aus dem Jahr 2025 (Quelle auf Englisch), an der Tomasi mitarbeitete und die auf Expertengesprächen in vier europäischen Regionen basiert, zeigt, dass Agrivoltaik häufig vor allem Großbetrieben, Grundeigentümern und Investorinnen nutzt – weniger kleineren Höfen und lokalen Gemeinschaften. Die Forschenden stellten außerdem fest, dass fehlende Mitsprache von Bewohnerinnen, Bewohnern und Naturschutzakteuren bestehende Machtungleichgewichte vertiefen kann.

Hohe Anfangskosten und lange Wartelisten für den Netzanschluss begünstigen große Projekte mit Rückhalt multinationaler Konzerne. Eine Recherche der italienischen Zeitung Today.it (Quelle auf Englisch) aus dem Jahr 2025 ergab, dass rund 86 Prozent der etwa 775 Millionen Euro staatlicher Förderung für Agrivoltaik in Großprojekte flossen, darunter Anlagen in der Hand ausländischer Konzerne.

Im September löste ein neues Agrivoltaikvorhaben eines israelischen Unternehmens in der Toskana breite Empörung aus und nährte die Sorge, wer von diesen Projekten letztlich profitiert.

Tomasi fordert, lokale Gemeinschaften müssten ein Mitspracherecht bekommen, damit die Energiewende gerecht verläuft. „Große Investorinnen und Investoren, die in Regionen gehen, die sie kaum kennen, von oben herab planen und die wirtschaftlichen Vorteile der erneuerbaren Stromerzeugung abschöpfen, sollten aus meiner Sicht nicht unter dem Etikett Agrivoltaik laufen.“

„Landwirtschaft darf keine Nebensache sein“

Flores sieht Verwaltungen in der Pflicht. Sie könnten Landwirtinnen und Landwirten gezielt Fördermittel bieten und Agrivoltaikanlagen beim Zugang zum Netz bevorzugen.

Offen bleibt außerdem, welche Form der Landwirtschaft die Einnahmen stützen. Um das ökologische Versprechen einzulösen, so eine weitere Studie (Quelle auf Englisch), dürfe „die Art der Landwirtschaft, die mit den Pachteinnahmen aus Agrivoltaik finanziert wird, keine Nebensache sein“. Stattdessen könnten diese Mieten agroökologische Methoden fördern oder den Ausstieg aus der industriellen Landwirtschaft unterstützen.

Agrivoltaik kann Landwirtschaft und erneuerbare Energien gleichermaßen stärken. Sie kann Ackerland schützen, landwirtschaftliche Betriebe im Klimawandel stützen und zu Europas Dekarbonisierungszielen beitragen. Gleichzeitig droht sie, zur grünen Imagekampagne zu werden, zur Stütze für wenig nachhaltige Praktiken oder zum Weg, den wachsenden Stromhunger von Konzernen auf fruchtbaren Böden zu stillen. Eine Patentlösung ist sie nicht. Viel hängt davon ab, wie Anlagen geplant werden, wem sie gehören und wer am Ende profitiert.

„Ziel der Agrivoltaik ist der Schutz der landwirtschaftlichen Flächen und des gesamten Ökosystems, das ist die Grundidee“, sagt Flores. „Wir müssen das klar von anderen Interessen abgrenzen.“

Diese Recherche wurde durch das Magma Environmental Reporting Fellowship ermöglicht.

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