Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Rettet Agri-PV Bayerns Hopfengärten? Innovative Solarmodul-Hüte helfen im Kampf gegen Klimakrise

Solarmodule in sieben Meter Höhe spenden den Hopfenpflanzen Schatten
Solarmodule in sieben Meter Höhe spenden den Hopfenpflanzen Schatten Copyright  Hans von der Brelie
Copyright Hans von der Brelie
Von Hans von der Brelie
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Ohne Hopfen kein Bier. Ohne Regen kein Hopfen. So einfach ist das. Oder anders formuliert: Klimawandel, steigende Temperaturen und Austrocknung landwirtschaftlicher Böden machen auch vor Bayerns Kultpflanze, dem Hopfen, nicht halt. Können Solarmodule in sieben Meter Höhe den Hopfenpflanzern helfen?

Es ist ein schleichender Tod, der sich auf Wanderschaft begeben hat durch das augenscheinlich so grüne, scheinbar so florierende Paradies der deutschen Hopfenanbaugebiete. Der Name der existenzbedrohenden Krankheit? Höfesterben! Heute, Stand 2026, gibt es in Deutschland noch 904 landwirtschaftliche Betriebe, die sich auf die Sonderkultur Hopfen spezialisiert haben. Das ist eine dramatische Zahl, wenn man sie mit der Lage 2006 vergleicht. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten haben 40 Prozent aller Hopfenbauern entweder auf andere Kulturen umgestellt oder gleich ganz aufgegeben.

WERBUNG
WERBUNG

Sicher, die Gründe sind vielfältig. Wer mit Hopfenbauern vor Ort redet, frühmorgens draußen auf dem Feld oder abends am Stammtisch im Wirtshaus, bekommt schon seit Jahren Klagen über weltweiten Preisverfall und rückgehenden Bierkonsum zu hören. Aber immer häufiger ist auch unter bodenverhafteten bayerischen Landwirten mittlerweile ganz offen die Rede von Klimawandel, Temperaturanstieg, Wassermangel und Ertragseinbußen aufgrund austrocknender Böden.

Die Hallertau ist das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. Die landwirtschaftlich geprägte Hügellandschaft liegt im Herzen Bayerns, dem Bundesland ganz im Süden von Deutschland. 722 der 904 deutschen Hopfenanbaubetriebe befinden sich hier. Einen von ihnen leitet Josef Wimmer: „Die Jahre werden immer heißer und trockener“, warnt der Landwirt im Gespräch mit Euronews Earth.

"Die Jahre werden immer heißer und trockener", hat Hopfenbauer Josef Wimmer aus Neuhub bei Osseltshausen festgestellt.
"Die Jahre werden immer heißer und trockener", hat Hopfenbauer Josef Wimmer aus Neuhub bei Osseltshausen festgestellt. Hans von der Brelie

Hopfenbauer Wimmer will, dass sein Hof überlebt

Josef Wimmer bestätigt auch den Rückgang der Hopfenanbaubetriebe: „Als ich vor 30 Jahren meine Ausbildung gemacht habe, gab es in der Hallertau noch über 2000 Hopfenpflanzer, heute sind es weit unter 1000.“ Um den Fortbestand seines Bauernhofs zu sichern, habe er etwas unternehmen müssen, sagt Wimmer, ein energischer Mann, dem man sofort anmerkt, dass er Problemen nicht ausweicht.

Als ich vor 30 Jahren meine Ausbildung gemacht habe, gab es in der Hallertau noch über 2000 Hopfenpflanzer, heute sind es weit unter 1000.
Josef Wimmer
Hopfenbauer in vierter Generation

Von seinem imposanten Viereckhof in Neuhub bei Osseltshausen, einem kleinen Dorf im Zentrum der Hallertau gelegen, sind es nur wenige Meter bis an den Rand der Hopfenpflanzungen. Soweit das Auge reicht, schmiegen sich Hopfengärten an die sanft gewellte Landschaft. In regelmäßigen Abständen stehen sieben Meter hohe Stangen, an denen sich die im Gegenlicht goldgrün leuchtenden Hopfenpflanzen emporranken. Im Spätsommer werden die Dolden geerntet, das daraus gewonnene Hopfenextrakt verleiht dem Bier seinen typischen, leicht bitteren Geschmack.

Wimmer zeigt nach oben. In luftiger Höhe, knapp über den Hopfenstangen, hat er Photovoltaik-Module installiert. Das satte Grün der Hopfenpflanzen mischt sich im Landschaftsbild mit dem sanften Blau der Solarpaneele. Es geht darum, die Folgen des Klimawandels abzumildern, erläutert Wimmer: „Wir wollten dem Hopfen Beschattung geben, denn der Hopfen ist ja ein Schattengewächs.“

Hopfen ist ein Schattengewächs. Die Pflanzen ranken sich an sieben Meter hohen Stangen nach oben.
Hopfen ist ein Schattengewächs. Die Pflanzen ranken sich an sieben Meter hohen Stangen nach oben. Hans von der Brelie

Vom Flugzeugbau zur Agri-PV

Heute hat Landwirt Wimmer Besuch bekommen von Bernhard Gruber, einem ehemaligen Airbus-Ingenieur, der beruflich umgesattelt hat. Statt Flugzeuge baut Gruber nun Agri-PV-Anlagen, forscht und verbessert, entwirft und experimentiert, berechnet und prüft. Wimmers Hopfen-PV ist ein bisschen auch Grubers Baby. Der leitende Ingenieur mit vielen Jahrzehnten Berufserfahrung hat auf dem Papier die gesamte Agri-PV-Anlage entworfen, sich den Kopf zerbrochen über Statik und Sonnenstand, riskante Windangriffsflächen und ideale Neigungswinkel der PV-Paneele in sieben bis acht Meter Höhe über dem Boden.

„In einem ersten Schritt haben wir zunächst fünf Hektar Hopfen mit PV überbaut“, berichtet Wimmer. „Das erbringt eine Leistung von zwei Megawatt Peak.“ Von den Ergebnissen der Pilot-Anlage war Wimmer derart positiv überrascht, dass er nun auch seine anderen Hopfengärten mit Agri-PV-Modulen überdachen will: „In den kommenden zwei, drei Jahren bauen wir das auf 20 Hektar aus, damit haben wir dann acht Megawatt Peak PV-Leistung; hinzu kommt ein Stromspeicher mit einem Megawatt Kapazität.“ – Megawatt Peak (MWp) ist die Einheit, mit der die Spitzenleistung einer Solaranlage gemessen wird.

Ingenieur Gruber lässt einen zufriedenen Blick durch das dichte, gesund-grüne Dickicht der Hopfenblätter wandern. „Sind die Stromtrasse und der Anschluss an das Umspannwerk mittlerweile gesichert?“, fragt er nach. Hopfenbauer Wimmer bestätigt: „Ja. Wir müssen jetzt eine fünf Kilometer lange Leitung legen, allerdings auf unsere eigenen Kosten.“

„Und die Baugenehmigung“, will Gruber wissen, „wie lange hat es gedauert, die Baugenehmigung zu erhalten?“ Landwirt Wimmer seufzt leicht: „Knapp zwei Jahre!“ – Bernhard Gruber findet das nicht gut: „Zwei Jahre, das ist eine lange Zeit, wenn man bedenkt, dass man schnell die erneuerbaren Energien ausbauen möchte!“

Ingenieur Bernhard Gruber im Gespräch mit Hopfenbauer Josef Wimmer.
Ingenieur Bernhard Gruber im Gespräch mit Hopfenbauer Josef Wimmer. Hans von der Brelie

In Bayern, Deutschland, der Europäischen Union: überall wird über Bürokratie-Abbau geredet. Am Beispiel der Agri-PV über Wimmers Hopfengärten sieht man ganz konkret, wie das aussehen könnte. Ingenieur Gruber bringt es auf den Punkt: „Die langen Genehmigungsfristen sind ein Problem. Das schreckt manche Landwirte davon ab, sich für Agri-PV in größerem Maßstab zu entscheiden, denn der verwaltungstechnische Aufwand ist vielen Bauern zu hoch“, so Gruber.

Lange Genehmigungsfristen schrecken Landwirte ab.
Bernhard Gruber
Leitender Ingenieur, AgrarEnergie & feld.energy

Letztlich sei hier die Politik gefragt. „Gerade beim Hopfenanbau, aber auch bei anderen landwirtschaftlichen Sonderkulturen, könnte man leicht entscheiden und genehmigen. Warum das nicht schneller vorangeht, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel“, meint Ingenieur Gruber. Im grünen Schattendunkel der riesigen Hopfenranken nickt Bauer Wimmer zustimmend.

Agri-PV hält Böden feucht - das mag der Hopfen

Wimmer und Gruber wandern im Schatten der weit in den blau-weißen bayerischen Himmel ragenden Hopfenanlage zu einem Feuchtigkeitsmesser. „Wir haben festgestellt, dass es seit der Installation der Agri-PV-Module auf der Fläche feuchter geworden ist“, zeigt Wimmer auf die Erde zwischen den Pflanzen. „Die Verdunstung ist geringer, wir können das Wasser nach Niederschlägen länger im Boden halten – und das ist gut für den Hopfen, insbesondere in den Monaten Juni, Juli und August. Da braucht der Hopfen Wasser.“

Die Idee, über seinen Hopfenpflanzen eine Art „Solar-Hut“ aus PV-Modulen anzubringen, kam Landwirt Wimmer bereits vor über zehn Jahren. Doch wie es bei echten Pionieren oft der Fall ist, mussten zunächst etliche Widerstände überwunden werden. Es war nicht einfach, ein PV-Unternehmen davon zu überzeugen, zusammen mit Bauer Wimmer völliges Neuland zu betreten. Immerhin handelt es sich bei Wimmers Agri-PV-Anlage über Hopfengärten um eine Welt-Neuheit.

Innovation im Hopfengarten: In der Hallertau wird Agri-PV weiterentwickelt.
Innovation im Hopfengarten: In der Hallertau wird Agri-PV weiterentwickelt. Hans von der Brelie

Josef Wimmer kann sich noch gut an die Anfänge erinnern: „Mein Vater, von dem ich den landwirtschaftlichen Betrieb übernommen hatte, hat das positiv aufgenommen. Aber in der Bevölkerung gab es schon Stimmen, die gesagt haben: ‘Jetzt spinnt der Wimmer, das funktioniert nie!‘ – Als wir dann mit dem Aufbau angefangen hatten, waren wir der Hotspot in der Hallertau. Da ist jeder vorbeigekommen und hat sich das angesehen. Und dann auch nach jedem großen Sturm… alle wollten wissen, ob die Anlage noch steht oder weggeweht wurde“, lacht Josef Wimmer. Dann fügt er mit Stolz in der Stimme hinzu: „Aber alles steht noch, auch nach den Stürmen.“

Alles steht noch, auch nach dem Sturm.
Josef Wimmer
Hopfenbauer in vierter Generation

Nach den neugierigen Nachbarn kamen die Hopfenbauern aus den weiter entfernt liegenden Dörfern zur Besichtigung. Gefolgt von Lokalpolitikern und Landräten, bis hin zu Ministern aus der bayerischen Landeshauptstadt München. Dank seiner innovativen Hopfen-PV ist Bauer Wimmer in der Hallertau bekannt wie ein bunter Hund.

Josef Wimmers Hopfenanbaubetrieb ist in der gesamten Region bekannt: Die hochmoderne Agri-PV-Anlage lockt Besucher aus ganz Bayern an.
Josef Wimmers Hopfenanbaubetrieb ist in der gesamten Region bekannt: Die hochmoderne Agri-PV-Anlage lockt Besucher aus ganz Bayern an. Hans von der Brelie

Jetzt kommt Prototyp 2

Auch Ingenieur Gruber ist stolz auf „seine“ Anlagen. Mittlerweile ist das Wimmer-Gruber-Tandem bereits bei Prototyp 2 angelangt. Bei der ersten Agri-PV-Versuchsanlage aus dem Jahr 2023 hatte Gruber die Solarmodule in einem 20-Grad-Winkel über den Hopfenpflanzen installiert, „das bedeutet, dass mehr Sonne in Energie umgewandelt werden kann – aber im Umkehrschluss auch mehr Schatten für den Hopfen“, erläutert Gruber.

Etwas mehr Schatten ist zwar gut für den Anbau (wegen der höheren Bodenfeuchtigkeit), doch es ist eine landwirtschaftliche Gradwanderung. Denn zu viel Schatten bringt Probleme mit sich, wie Bauer Wimmer in der ersten Versuchsphase herausfand. Sobald sich der Hopfen bis in sieben Meter Höhe emporgerankt hatte und unter dem PV-Dach angekommen war, bildete die Pflanze in der oberen Schattenzone buschige Triebe aus – und weniger Dolden. Der Gesamtertrag sank, es wurde weniger Hopfenextrakt produziert.

Ingenieur Gruber war gefragt. „Zwei Jahre lang habe ich nachgedacht und das Modell verbessert“, erinnert der sich. Dabei musste er gleichermaßen landwirtschaftliche, betriebswirtschaftliche und jahreszeitliche Faktoren mit einbeziehen: Von wo nach wo wandert die Sonne im Sommer? Und im Winter? Wie ist die typische Preiskurve an der Strombörse morgens, mittags und abends? Wieviel Schatten ist gut für den Hopfen und die Böden? Wo liegt die Grenze zwischen zu wenig und zu viel? Wie genau verändert der Neigungswinkel der PV-Module die Schattenmuster im Verlauf des Tages? Eine mathematische Gleichung mit vielen Faktoren. Ingenieur Gruber löste sie. Dann stand er erneut bei Bauer Wimmer auf dem Hof, mit Plänen für seinen Prototyp 2.

Agri-PV-Pioniere Bernhard Gruber und Josef Wimmer auf Ortsbesichtigung im Hopfengarten.
Agri-PV-Pioniere Bernhard Gruber und Josef Wimmer auf Ortsbesichtigung im Hopfengarten. Hans von der Brelie

Geniestreich: PV-Paneele im 45-Grad-Winkel

Bei diesem Prototyp Nummer 2, der 2025 auf dem Wimmer-Gelände installiert wurde, stehen die PV-Module steiler, im 45-Grad-Winkel. Die Photovoltaik-Paneele bekommen etwas weniger Sonne ab, dafür bildet der Hopfen mehr Dolden aus. Betriebswirtschaftlich gesehen, rechnet sich das letztendlich doppelt. Denn wenn die Module flach stehen (so wie im ersten Prototyp), erzeugt die PV-Anlage vor allem in der Mittagszeit viel Strom, also zu einem Zeitpunkt, zu dem bereits zu viel Strom im Netz ist – und die Erzeugerpreise entsprechend niedrig sind.

Die 45-Grad-Lösung (Prototyp 2) ist hingegen eine Art Geniestreich: Jetzt beginnt die Solaranlage bereits in den frühen Morgenstunden effizient zu arbeiten, sobald die Sonne aufgeht, beziehungsweise, je nach Ausrichtung, in den späten Nachmittags- und frühen Abendstunden, also dann, wenn die Strompreise hoch sind. Bauer Wimmer produziert mit Prototyp 2 also eine geringere Menge Strom, verdient aber mehr Geld damit! Und kann sich zudem über zahlreiche Dolden an seinen Hopfenpflanzen freuen.

Auch über die Jahreszeiten verteilt gerechnet ist die 45-Grad-Lösung sehr viel besser. Denn im Winter steht die Sonne lange Stunden tief am Horizont, die Energiestrahlen können also im 45-Grad-Winkel besser eingefangen und in Strom verwandelt werden. „Und insbesondere im Winter braucht man jede Kilowattstunde“, wie es Ingenieur Gruber formuliert.

Mit Agri-PV ist beides zugleich möglich: Hopfenanbau und die Erzeugung von Solarenergie.
Mit Agri-PV ist beides zugleich möglich: Hopfenanbau und die Erzeugung von Solarenergie. Hans von der Brelie

Spitzenforschung im Hopfengarten

Wimmer und Gruber stehen nicht allein auf weiter Flur. Ihr Pilotprojekt ist solide in gleich mehrere Forschungsprojekte eingebettet. Als Kooperations- und Förderpartner stehen die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, das auch international renommierte Fraunhofer-Institut für Solarforschung in Freiburg und die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hinter der möglicherweise bahnbrechenden Innovation. Auch die Technische Universität München mit ihrer landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Dürnast und die Hopfenforschungsanstalt Hüll begleiten das Agri-PV-Projekt wissenschaftlich. Und nicht zu vergessen: Das Landwirtschaftsministerium fördert die dreijährige Versuchsphase mit 1.4 Millionen Euro Forschungsgeldern.

Auch international läuft die Forschung mit Agri-PV langsam an. „Die Japaner haben ebenfalls bereits Daten und gute Ergebnisse“, sagt Gruber anerkennend. Anderswo in Asien und Amerika wird ebenfalls fleißig geforscht, doch derzeit gilt die Agri-PV-Forschung „Made in Germany“, und weiter gefasst „Made in Europe“, noch als weltweit führend.

Ingenieur Gruber geht ins Detail: „Wir haben bei Herrn Wimmer im Hopfengarten Feuchtigkeitssensoren im Boden installiert.“ Gemessen wird die Bodenfeuchte an der Oberfläche aber auch tiefer im Boden. Zudem messen Wimmer und sein wissenschaftliches Begleitteam kontinuierlich Temperatur und Luftfeuchtigkeit zwischen den Hopfenranken in verschiedenen Höhenlagen. Damit die Daten wissenschaftlich aussagekräftig sind, werden sämtliche Messungen verdoppelt: einmal im Hopfengarten mit schattiger Agri-PV-Anlage und einmal auf dem Vergleichsfeld ohne PV-Module über den Pflanzen.

Auch die Bodenfeuchte wird genau gemessen.
Auch die Bodenfeuchte wird genau gemessen. Hans von der Brelie

Die ersten Auswertungen liegen nun vor und sind eindeutig, zumindest für den Prototyp 1: Die leichte Zusatz-Verschattung, die durch die Agri-PV-Anlagen über dem Hopfen entstehen, haben die Bodengesundheit signifikant verbessert. Die Forschungsergebnisse der Hochschule Weihenstephan und des Fraunhofer-Instituts Freiburg stimmen in diesem Punkt überein. Ob und wie weit der Prototyp 2 besser ist, muss sich erst noch zeigen, der Feldversuch hierzu ist noch am Laufen.

Vegetationszonen verschieben sich nach Norden

Wimmers spannender Feldversuch im Hopfengarten ist Gesprächsthema nicht nur in der Hallertau, sondern mittlerweile in ganz Deutschland und Europa. Denn ein Gespenst geht um in Europa: Verlagern sich aufgrund der Klimaerwärmung sämtliche Vegetationszonen nach Norden?

Müssen traditionelle, über Jahrhunderte gewachsene Anbaugebiete aufgegeben und geographisch in kühlere Breitengrade verschoben werden? Sterben damit ländliche Gebräuche, Überlieferungen und bäuerliche Kulturlandschaften? Gibt es bald „französischen“ Wein aus England, „deutschen“ Hopfen aus Skandinavien?

Unter den bayerischen Hopfenbauern rumort es gewaltig. Scherzhaft witzeln die Landwirte untereinander, dass der Hopfen für das gute Bier aus Bayern in 30 Jahren vielleicht aus Norwegen importiert werden müsse. Noch ist das als Witz gemeint – aber wie lange noch? Irgendwann könnte daraus bitterer Ernst werden, befürchtet der eine oder andere Hallertauer Hopfenbauer.

Die weltweit erste urkundlich belegte Erwähnung von Hopfenanbau findet sich in Bayern.
Die weltweit erste urkundlich belegte Erwähnung von Hopfenanbau findet sich in Bayern. Hans von der Brelie

Agri-PV auch über Wein, Obst & Spargel

Es geht nicht nur um die Sonderkultur Hopfen. „Erste Winzer probieren ähnliche Systeme über ihren Weinstöcken“, erwähnt Ingenieur Gruber. Denn auch die Weinbauern und ihre Pflanzen leiden unter Klimawandel und trockenen Böden. Während in der bayerischen Hallertau mit Hopfen-PV experimentiert wird, laufen in anderen Regionen Deutschlands ähnliche Feldversuche: Agri-PV-Anlagen über Beeren-Kulturen, Agri-PV über Obstplantagen, Agri-PV über Spargelfeldern.

Hier ist etwas in Bewegung gekommen, das schon bald zu etwas Großem anwachsen könnte. In wenigen Jahren wird Agri-PV wohl zum Alltagsbild in der europäischen Landwirtschaft gehören, lässt sich anhand der vielversprechenden Forschungsergebnisse prognostizieren.

Ein Drittel der Weltproduktion

Doch zurück zum Hopfen. Auch wenn 86 Prozent des deutschen Hopfens aus der Hallertau kommt und die bayerische Region rund ein Drittel (!) des weltweiten Hopfens produziert, so gibt es in Europa doch auch noch weitere Anbaugebiete, die teilweise mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Frankreichs Hopfenbauern kämpfen mit versandenden Böden und ebenfalls mit Trockenheit. Tschechei, Slowenien, Slowakei, Polen, Österreich bauen ebenfalls Hopfen an. „Unser Ding könnte ein Modell für ganz Europa werden“, ist Ingenieur Gruber überzeugt.

Es ist Zeit, etwas zu tun, darin sind sich Gruber und Wimmer einig. Nach einigen wenigen Dürrejahren im Mittelalter (1302-1307 und 1540) multiplizieren sich heute die extremen Trockenperioden in Deutschland. Der „Dürremonitor“ des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt Extremdürren 1976, 2003 und dann ab 2018 fast durchgehend bis heute: 2019, 2020, 2022, 2023, 2025…

Das spüren auch die Hopfenbauern in Deutschland. Die Hitze bremst die Produktion von Alphasäure, also dem Stoff, der dem Bier seine angenehm aromatisch-bittere Geschmacksnote verleiht. Doch was noch viel schwerer wiegt als der geringere Gehalt an Alphasäure im Hopfenextrakt: Die Landwirte melden teils dramatische Ertragseinbußen. Die Dürre schadet der Qualität des Hopfens, aber vor allem auch der Quantität. Es werden weniger Hopfendolden geerntet.

Händeringend wird nach Lösungen gesucht. Für viel Geld werden Bewässerungssysteme installiert, auch in der Hallertau. Doch das kann sich nicht jeder Bauer leisten und ist zudem politisch umstritten. Andere Hopfenbauern experimentieren mit Grünpflanzungen zwischen den Hopfenreihen, das reduziert die Verdunstung. Hopfenforscher entwickeln Pflanzen, die besser mit Trockenheit umgehen können, doch nicht alle Bierbrauer akzeptieren die neu gezüchteten Sorten bereitwillig.

Angesichts der sich über die Jahre verschärfenden Krise greifen etliche Bauern zum Pflug, kappen die mehrjährigen Wurzeln ihrer Hopfenpflanzen, roden die „Wälder“ ihrer sieben Meter hohen Hopfenstangen – und sagen der Hopfenwirtschaft schweren Herzens Adieu. Dabei gehört der Hopfenanbau zu Bayern und Deutschland wie der Weinanbau zu Frankreich oder die Olivenhaine zu Griechenland und Italien.

Die fünfte Generation steht in den Startlöchern

Der weltweit erste urkundliche Nachweis von Hopfenanbau ist aus dem Raum Freising, am Rande der heutigen Hallertau, belegt und stammt aus dem Jahr 860 nach Christus. Die bayerische Region ist also mit eine der ältesten Hopfenanbaugebiete der Welt. Das zählt, auch heute noch. Viele Hopfenbauern führen ihren Betrieb seit mehreren Generationen, auch Josef Wimmer. Er ist Hopfenbauer in vierter Generation.

„Und die fünfte Generation steht schon in den Startlöchern“, schmunzelt Wimmer. „Mein Sohn ist jetzt 17 Jahre alt und macht derzeit seine Ausbildung zum Landwirt. Er ist im zweiten Lehrjahr und wird den Betrieb später übernehmen. Eigentlich mache ich die Investition in die Agri-PV-Anlagen über dem Hopfen für meinen Sohn, denn bis das alles abbezahlt ist, dann gehe ich wohl bereits in Rente“, lacht Wimmer. „Mein Sohn wird das dann weiterführen.“

Lohnt sich der ganze Aufwand? Oder anders formuliert: Rechnet sich die Investition in Agri-PV auch betriebswirtschaftlich? Ingenieur Gruber ist fest davon überzeugt, dass Agri-PV ein neues Geschäftsmodell für viele Landwirte werden könnte: „Wir sind derzeit ungefähr bei 14 Jahren Amortisationszeit und die PV-Anlage steht 30 Jahre, mindestens“, rechnet Gruber vor, „da kann man sich vorstellen, wieviel damit verdient wird.“

Win-Win-Situation

Aber an dieser Stelle fragen viele Landwirte doch sehr genau nach. Denn allen Beteiligten ist klar, dass es sich hier um ein sorgsam auszutarierendes Gleichgewicht handelt: Den (leichten) Ertragseinbußen bei der landwirtschaftlichen Produktion stehen (schwankende) Zusatzeinnahmen durch den erzeugten Sonnenstrom gegenüber.

Nachfrage also bei Landwirt Josef Wimmer, ob und wie bei ihm die Rechnung aufgeht. „Die Hochschule Weihenstephan hat die Ertragsrückgänge beim Hopfen präzise untersucht; wir haben Rückgänge zwischen 10 und 20 Prozent. Wenn wir bei uns mit Ertragseinbußen zwischen 10 und 15 Prozent herauskommen, dann rechnet sich die ganze Geschichte für mich, denn andererseits ist der Gewinn aus der Stromerzeugung top, der ist wirklich sehr gut! Mit dem guten Stromertrag gleichen wir also den Minder-Ertrag beim Hopfen wieder aus.“

Also ein Nullsummenspiel? Kein Gewinn, kein Verlust? Wimmer präzisiert: „Beim Hopfen verliere ich ein wenig Geld, mit der PV-Anlage darüber mache ich gutes Geld.“ Er lacht zufrieden und fügt hinzu: „Es lohnt sich! Es lohnt sich!“ – Ingenieur Gruber pflichtet Wimmer bei: „Letztendlich ist das eine Win-Win-Situation: Du erntest nicht nur Strom-Geld, sondern auch noch sicheres Geld aus der Hopfenernte.“

Es lohnt sich! Es lohnt sich!
Josef Wimmer
Hopfenbauer in vierter Generation

Es geht auch um Kontinuität und Fortbestand über die Jahre hinweg, denn, so Gruber: „Auch in der Jahreszeit, in der kein Hopfen wächst, bleibt der Boden ja teilweise beschattet, durch die PV-Module. Dadurch bleibt insgesamt die Feuchtigkeitsstruktur im Boden homogener – und der Boden ist somit besser für das kommende Pflanzjahr vorbereitet.“

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr knapp 19.000 Hektar Hopfen angebaut. Nach den USA ist Deutschland also mengenmäßig das zweitwichtigste Hopfenland der Welt. Die deutsche Jahresernte 2025 lag bei etwas über 43.000 Tonnen (38 Prozent der Welthopfenproduktion), davon wurden mehr als 37.000 Tonnen in der Hallertau produziert.

Hopfenanbau ist Teil der kulturellen Identität in Bayern

Die Menschen in Bayern sind stolz auf diese Leistung. Hopfen und Bier, das ist in der Hallertau keine Folklore, sondern gelebter Alltag. Alljährlich wird eine „Hopfen-Königin“ gewählt. Das Hopfenzupfen, also die Ernte der reifen Dolden im Spätsommer, ist ein Großereignis. Der Kalender der bayerischen Schulferien richtet sich seit Jahrhunderten nach den Erntezeiten der Hopfenbauern, die jede helfende Hand dringend benötigen. Die zahlreichen Bierfeste in bayerischen Dörfern und Städten, ob sie nun Oktoberfest heißen oder anders, sind im historischen Kern Erntedank-Feste.

Kulturelle Identität einer ganzen Region und finanzielle Interessen zahlreicher Bauern sind in der Hallertau oft deckungsgleich. So klingt es auch bei Josef Wimmer an, wenn er sagt: „Einer der Hauptgründe, warum ich die Agri-PV-Anlage über dem Hopfen installiert habe, war natürlich finanzieller Natur. Es ging darum, den Betrieb auf die Zukunft auszurichten und ein gesichertes Einkommen zu erzielen, weniger Schwankungen zu haben. Wir haben bereits seit 2009 Photovoltaik auf unseren Dächern, da haben wir gesehen: Das läuft gut. Also haben wir uns gesagt, dass wir das ab jetzt im großen Stil auch über dem Hopfen machen wollen.“

Anderswo geben Landwirte ihre Landwirtschaft auf und stellen flächendeckend Boden-Solaranlagen auf ihre ehemaligen Felder. Damit verdienen sie Geld, aber der Widerstand bei Nachbarn, im Dorf, in der Bevölkerung wächst. Die Menschen wollen nicht, dass ihre traditionsreiche Landschaft „zugepflastert“ wird mit sogenannten Freiflächen-PV-Anlagen. Bei Agri-PV ist es hingegen anders, denn das Konzept ermöglicht beides zugleich: Der Bauer kann seinen Boden weiterhin bewirtschaften – und gleichzeitig „Sonne ernten“.

Auch Josef Wimmer hat sich darüber Gedanken gemacht: „Ich hätte auch sagen können, ok, jetzt mache ich meinen Hopfen platt und installiere anstelle der Hopfengärten überall Freiflächen-Photovoltaik direkt auf dem Boden. Aber dann wäre ich kein Landwirt mehr, sondern nur noch ein PV-Unternehmer. Und das wollte und will ich nicht.“

Denn Wimmer will eben beides: „Es geht darum, den Hopfenanbau zu erhalten auf meinem Grund und Boden. Ich will den Betrieb so an die nächste Generation weitergeben, dass er Bestand und Zukunft hat. Aber mit einem Zusatzeinkommen durch die Photovoltaik.“

Es geht darum, den Hopfenanbau zu erhalten.
Josef Wimmer
Hopfenbauer in vierter Generation

Pionier im Hopfengarten

Ingenieur Gruber und Bauer Wimmer haben während ihres Gesprächs eines der Hopfenfelder durchquert, machen sich auf den Rückweg zum imposanten Bauernhof auf der Anhöhe. Am Horizont zieht eine Gewitterfront auf, tintenblaue Wolkengebirge türmen sich hoch über Wimmers Anwesen und seine Hopfengärten. Noch ist das Unwetter nicht über Neuhub bei Osseltshausen angelangt, Sonnenstrahlen lassen den zwiebelförmigen Kirchturm im Nachbardorf aufleuchten, wandern weiter zu Wimmers Agri-PV-Modulen.

Gruber und Wimmer wissen, der Klimawandel lässt sich nicht von heute auf morgen aufhalten, so wenig wie das heraufziehende Gewitter. Aber sie wissen auch, dass sie vorbeugen können, ein Stück weit. Ingenieur Gruber nickt seinem Geschäftspartner und Freund anerkennend zu: „Ich finde es super, dass Du so ein Pionier bist. Ich finde es auch super, dass Du nach unseren ersten Versuchen, die sich bewährt haben, weitermachst und nun auch Deine restlichen Hopfenfelder mit PV überdachen wirst. Ich sehe das genauso wie Du: Agri-PV ist eine große Chance für den Hopfenanbau, damit der in Bayern bleibt und nicht irgendwohin nach Norden wandern muss.“

Agri-PV macht den Hallertauer Hopfenanbau widerstandsfähiger gegen Klimawandel und Erderwärmung.
Agri-PV macht den Hallertauer Hopfenanbau widerstandsfähiger gegen Klimawandel und Erderwärmung. Hans von der Brelie

Ein Fünftel Kernkraftwerk

Zum Abschied präsentiert Gruber noch ein kleines Zahlenspiel: „Von den etwa 17.000 Hektar Gesamt-Anbaufläche Hopfen sind gut 20 Prozent gut geeignet für eine Verschattung, also für Agri-PV über den Hopfengärten. Wenn man das tatsächlich umsetzen würde in großem Maßstab, über diesen 20 Prozent, dann hätte man die Leistung von einem Fünftel Kernkraftwerk installiert!“

Gut, zuvor müsste noch „die Stromleitungs-Situation“ verbessert werden, wie Gruber es vorsichtig formuliert und damit fehlende Anschlüsse und ein unterdimensioniertes Leitungsnetz meint. Man müsse den über dem Hopfen erzeugten Strom auch ableiten und ins Netz einspeisen können, „auch in das Mittelspannungs- und Hochspannungsnetz.“

Gewinn für alle

Sobald dieses Infrastruktur-Hindernis überwunden sei, habe man – so Gruber – alles erreicht: „Für den Hopfenbauern bedeutet das einen Gewinn. Für die Hopfenpflanze ist es ein Gewinn. Für den Boden ist es ein Gewinn.“

Nach einer kurzen Denkpause sagt Ingenieur Gruber noch: „Agri-PV, das ist ein riesengroßer Schritt, den wir da in Richtung erneuerbare Energien machen.“ Ein Modell, dass auch dafür sorgen würde, dass die Koexistenz von Landwirtschaft und Stromerzeugung ermöglicht wird. „Denn Energie“, so Gruber abschließend, „darf nie in Konkurrenz treten zur Nahrungsmittelproduktion. Wenn man das erreichen will, muss man den Weg dahin ebnen.“

Energieproduktion darf nie in Konkurrenz treten zur Nahrungsmittelproduktion.
Bernhard Gruber
Leitender Ingenieur, AgrarEnergie & feld.energy

Und hier noch ein kleiner Hopfen-Nachtrag für Wissbegierige: Wussten Sie schon, dass man zum Brauen von einem Liter Bier nur zwei Gramm Hopfenextrakt benötigt? Aus einem Kilo Hopfen können also 500 Liter Bier gebraut werden.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

100 Schafe arbeiten für Volkswagen: Was hinter dem Projekt in Polen steckt

Saubere Energie spart der EU 2025 51 Milliarden Euro: Solarenergie führt

Agri-Photovoltaik könnte 68 % des Energiebedarfs Mitteleuropas decken