Eine Snapchat-Nachricht, die Schüler einem verdeckten Polizisten zuschreiben, ist zum Ruf einer Jugendbewegung geworden, die bis nach Belgien und Italien reicht.
Der Satz taucht auf Pappschildern vor blockierten Schulen auf, kursiert in Parodievideos, die Zehntausende Male geteilt werden, und Greta Thunberg hat ihn ebenfalls aufgegriffen. Innerhalb weniger Wochen ist „Bismillah, c’est les ténèbres“ zum inoffiziellen Slogan der französischen Oberschulproteste geworden.
Wörtlich genommen ergibt die Wendung wenig Sinn. Genau das macht ihren Reiz aus.
Was bedeutet „Bismillah, c’est les ténèbres“?
„Bismillah“ ist Arabisch und heißt „im Namen Gottes“. Musliminnen und Muslime sprechen den Ausdruck traditionell, bevor sie etwas beginnen; in der französischen Jugendsprache bedeutet er eher so viel wie „los geht’s“.
„C’est les ténèbres“ heißt wörtlich „es ist die Finsternis“. Unter Jugendlichen beschreibt der Ausdruck eine Lage, die katastrophal oder schlicht trostlos ist.
Zusammengefügt wirkt die Formel unsinnig – „Im Namen Gottes, es ist die Finsternis“. Genau deshalb, sagen viele Schülerinnen und Schüler, habe sie sich so schnell verbreitet. Sie machen sich über jemanden lustig, der verzweifelt versucht, so zu reden wie sie – und daran scheitert.
Woher stammt der Slogan?
Der Satz tauchte erstmals auf einem Screenshot einer Snapchat-Unterhaltung auf, der Anfang Oktober die Runde machte. Damals nutzten viele Schülerinnen und Schüler die App, um Schulblockaden zu organisieren.
In der Nachricht bittet ein Nutzer namens „Mamadou“ darum, in eine Gruppe aufgenommen zu werden: „Salut, bismillah, c’est les ténèbres. C’est quand le blocus, wallah, frérot?“ – auf Deutsch in etwa: „Hi, im Namen Gottes, es ist die Finsternis. Wann ist die Blockade, Bruder, ich schwöre?“
Daneben standen Emojis mit der algerischen Flagge.
Andere Screenshots zeigten ähnliche Accounts, die Schülerinnen und Schüler fragten, wo Blockaden geplant seien und wer Feuerwerkskörper oder Rauchgranaten verkaufe.
Für viele Jugendliche verriet die holprige Mischung aus Arabisch, Straßenslang und Nationalflaggen sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie kamen zu dem Schluss, dass Polizistinnen und Polizisten sich als Teenager ausgaben, um private Protestchats zu unterwandern.
Hat die Polizei Schülergruppen auf Snapchat wirklich infiltriert?
Bewiesen ist das nicht. Weder die Polizei noch das Innenministerium in Frankreich haben sich zu den Screenshots geäußert, und niemand hat unabhängig geprüft, wer hinter den Accounts steckt.
Einige Internetnutzer wollen die Accounts in der Nähe von Polizeiwachen geortet haben, doch auch das ist nicht belegt. Zugleich könnten manche der kursierenden Screenshots selbst Fälschungen oder Parodien sein.
Warum protestieren die französischen Schülerinnen und Schüler?
Die Bewegung begann am 18. September in Créteil südöstlich von Paris und erfasste rasch das ganze Land. Hinter ihr stehen viele Beschwerden von Schülerinnen und Schülern: extrem lange Schultage, überfüllte Klassen, marode Gebäude und fehlende Lehrkräfte.
Viele argumentieren, dass diese Probleme besonders die Arbeiterviertel und Minderheiten treffen. Allein am 2. Oktober blieben rund 400 Schulen wegen Blockaden geschlossen.
Die Schülerproteste mündeten am Samstag, dem 17. Oktober, in die landesweiten Demonstrationen gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Deren Ende markierten einige der heftigsten Ausschreitungen und Plünderungen, die Frankreich seit Jahren erlebt hat.
Verbreitet sich der Slogan über Frankreich hinaus?
Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg benutzte den Spruch am 13. Oktober bei einem Besuch streikender Schülerinnen und Schüler in Seine-Saint-Denis nördlich von Paris, wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtet.
Bereits am 9. Oktober war der Slogan auf Plakaten einer von Gewerkschaften organisierten Demonstration in Brüssel gegen Sparpläne der belgischen Regierung zu sehen. Dort diente er vor allem als Zeichen der Solidarität mit den französischen Schülerinnen und Schülern, nicht als Anspielung auf die mutmaßliche Polizeiinfiltration.
In Italien meldete ANSA, dass der Spruch am 15. Oktober bei Schülerprotesten in Bologna auftauchte. Am Wochenende des 17. und 18. Oktober war er erneut in Mailand zu hören, wo Demonstrationen auf der Piazza del Duomo ebenfalls in Plünderungen übergingen. Außerdem fotografierten Reporter Schülerinnen und Schüler einer französischen Schule in Berlin, die ein Banner mit dem Slogan hochhielten.