Konflikt im Nahen Osten sollte Edelmetalle treiben, doch hohe Ölpreise und Zinsangst drücken die Kurse: Silber bricht um vierzig Prozent ein, auch Gold gerät unter Druck.
Der Ruf von Gold als bevorzugter Krisenschutz leidet massiv. Im Nahen Osten tobt Krieg und könnte sich ausweiten, gleichzeitig geraten die Finanzmärkte ins Wanken.
Der Spotpreis fiel am Montag im frühen Handel auf ein Tief seit 2026 von knapp 4.100 Dollar. Dann drehte der Markt: Nachdem US-Präsident Donald Trump ankündigte, geplante Angriffe auf iranische Kraftwerke nach „sehr guten und produktiven Gesprächen“ mit Teheran um fünf Tage zu verschieben, stieg Gold wieder deutlich über 4.400 Dollar. Binnen weniger Stunden lag die Preisspanne damit bei rund 300 Dollar.
Seit dem Rekordhoch von 5.594,82 Dollar je Feinunze am 29. Januar hat das Metall dennoch mehr als zwanzig Prozent verloren.
Auch Silber steht heftig unter Druck. Seit dem Rekordstand von 121,67 Dollar im Januar hat das Metall fast die Hälfte seines Werts eingebüßt – einer der heftigsten Einbrüche in der neueren Geschichte des Edelmetallmarkts.
Der Spotpreis fiel zuletzt um 8,9 Prozent auf 61,76 Dollar – ein Jahrestief und fast nur noch die Hälfte der 117 Dollar vom 28. Februar, als der Iran-Krieg begann.
Der für viele unlogische Ausverkauf verunsichert Anleger, die in Edelmetalle geflüchtet waren und mit stabilen Preisen gerechnet hatten.
Nach Trumps Äußerungen gab der Dollar zum Euro nach und notierte am Montagnachmittag bei rund 1,1572 Dollar je Euro, während das Pfund auf 1,3341 Dollar zulegte. Gegen den Yen kostete ein Dollar etwa 159,47 Yen.
Ölpreisschock belastet weiter
Auslöser ist vor allem der Ölpreisschock. Rohöl kostet inzwischen deutlich über 100 Dollar je Barrel. Die Renditen am Anleihemarkt steigen, der US-Dollar legt zu. Für Anleger, die mit weiter steigenden Zinsen rechnen, verlieren Edelmetalle damit an Reiz.
Der Dollar zählt derzeit zu den klaren Gewinnern unter den sicheren Häfen und hat seit Monatsbeginn mehr als zwei Prozent zugelegt.
Für Gold als Anlage ohne laufende Erträge ist das ein doppelter Rückschlag.
Die Aussicht auf höhere Leitzinsen infolge des Kriegs macht Staatsanleihen zusätzlich attraktiver – zulasten von Gold und Silber.
Erfahrene Marktbeobachter warnen jedoch davor, Gold bereits abzuschreiben.
Russ Mould, Investmentdirektor beim Broker AJ Bell, erinnert daran, dass Gold erst die dritte große Hausse seit 1971 erlebt und dass schon die beiden vorherigen Phasen von heftigen Rückschlägen geprägt waren.
„Weder dauerhaft höhere Zinsen noch ein festerer Dollar stützen eigentlich die Anlageargumente für Edelmetalle, doch sowohl die Hausse von 1971 bis 1980 als auch jene von 2001 bis 2010 waren von mehreren Rücksetzern begleitet, die die langfristigen Gewinne letztlich nicht verhindert haben“, sagte Mould.
„Es könnte also noch zu früh sein, Gold schon aufzugeben“, fügte er hinzu.
In der ersten großen Hausse, ausgelöst durch Richard Nixons Entscheidung, 1971 die Bindung des Dollars an den Goldstandard zu lösen, stieg der Preis von 35 auf bis zu 835 Dollar je Unze im Januar 1980. Dazwischen lagen allerdings drei kleinere Bärenmärkte und fünf Korrekturen von jeweils mindestens zehn Prozent.
Die zweite Aufwärtsphase begann 2001 nach dem Platzen der Dotcom-Blase und nahm mit der Finanzkrise 2008 Fahrt auf. Sie verlief ähnlich nervös: Zwei Bärenmärkte und fünf weitere zweistellige Rückgänge prägten den Trend, bevor Gold 2011 nahe 1.900 Dollar seinen Höhepunkt erreichte.
Auch die aktuelle dritte Rally verläuft alles andere als geradlinig.
„Ein Einbruch von mehr als zwanzig Prozent im Jahr 2022, als die Welt aus den Lockdowns zurückkehrte, traf viele Optimisten unvorbereitet, und Korrekturen von jeweils mehr als zehn Prozent in den Jahren 2016, 2018, 2020, 2021 und 2023 warnten immer wieder davor, dass die Volatilität beim Goldpreis nie weit entfernt ist“, merkte Mould an.
Die Dividendenfrage
Im Zentrum des aktuelle Ausverkaufs steht ein Paradox: Ausgerechnet die Krise, die Anleger früher in Gold getrieben hätte, spricht nun eher gegen das Metall.
Steigende Ölpreise schüren Inflationsängste. Diese Erwartungen nähren die Sorge vor weiter steigenden Zinsen. Höhere Zinsen machen Gold, das keine Dividende zahlt und Lagerkosten verursacht, weniger attraktiv.
„In den Augen mancher Anleger hat Gold seinen Ruf als sicherer Hafen angekratzt“, sagte Mould, „denn der Preis fällt, obwohl der Krieg den Nahen Osten erschüttert und die Finanzmärkte ins Wanken geraten.“
Doch längst nicht alle Expertinnen und Experten glauben, dass die große Zeit des Metalls vorbei ist.
Die Inflation und Stagflation der siebziger Jahre, die unter anderem durch die Ölkrisen von 1973 und 1979 ausgelöst wurden, machten Gold am Ende zur auffälligsten Depotbeimischung dieses Jahrzehnts.
Ein langwieriger Konflikt, der die Staatsfinanzen zunehmend belastet – mit steigenden Sozialausgaben, sinkenden Steuereinnahmen und gleichzeitig explodierenden Verteidigungsetats –, könnte ein ähnliches Muster hervorrufen.
Reagieren die Zentralbanken auf eine Rezession mit neuen Zinssenkungen und frischen Anleihekaufprogrammen, dürfte Gold als Wertspeicher schnell wieder an Attraktivität gewinnen.
„Der Krieg im Iran und seine Folgen für die Öl- und Gaspreise schüren die Angst vor Inflation und davor, dass die Notenbanken zu weiteren Zinserhöhungen gezwungen sein könnten“, schloss er.