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Steuert Europa schlafwandelnd auf schlimmste Gaskrise seit 2022 zu?

Am sechsten September 2005 brennt in Bremen die Gasflamme eines Herdes. Das Bundesumweltministerium warnt dieses Jahr vor stark steigenden Gaspreisen.
Am sechsten September zweitausendfünf brennt in Bremen die Gasflamme eines Herdes. Das Bundesumweltministerium warnt vor stark steigenden Gaspreisen. Copyright  AP Photo/Joerg Sarbach
Copyright AP Photo/Joerg Sarbach
Von Piero Cingari
Zuerst veröffentlicht am
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Die Gaspreise in Europa steigen um rund siebzig Prozent, die Speicher leeren sich. Lieferprobleme, Inflation und mögliche EZB-Zinsschritte schüren Angst vor einer neuen Energiekrise wie 2022.

Binnen weniger Wochen hat der Konflikt mit Iran Europas Energiebilanz grundlegend verändert.

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Der maßgebliche niederländische Gaspreis TTF ist seit Monatsbeginn von 38 auf 54 Euro je Megawattstunde gestiegen – ein Plus von rund 70 Prozent. Damit steuert der März 2026 auf den stärksten Monatsanstieg der europäischen Gaspreise seit September 2021 zu.

Diese Zahl hat weit über die Energiemärkte hinaus Gewicht.

Europas Gasverwundbarkeit ist ungleich verteilt

Europa ist mit einer ohnehin angespannten Ausgangslage in diese Krise gerutscht.

Die unterirdischen Gasspeicher waren zum 24. März nur zu 28,4 Prozent gefüllt, das entspricht 325 Terawattstunden. Das sind fünf Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr und klar unter dem saisonalen Fünf-Jahres-Durchschnitt, meldet Kyos European Gas Analytics.

Deutschland gehört zu den am stärksten exponierten Ländern: Die Speicher sind nur zu 22,3 Prozent gefüllt, fast sieben Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr.

Ähnlich sieht es in Frankreich aus mit 22,1 Prozent.

Am kritischsten ist die Lage in den Niederlanden. Dort liegen die Füllstände nur bei rund sechs Prozent bzw. neun Terawattstunden – weniger als ein Drittel des Vorjahresniveaus und deutlich unter dem historischen Minimum für diese Jahreszeit.

Der Kontrast zur Iberischen Halbinsel könnte kaum größer sein.

Portugal geht mit zu 85,3 Prozent gefüllten Speichern in die Krise, Spanien liegt bei 55,5 Prozent. Beide Länder profitieren von einer stärkeren LNG-Importinfrastruktur, einem geringeren Gasanteil im Strommix und einem Ausbau der Erneuerbaren, der ihre Anfälligkeit für Schwankungen der Großhandelsgaspreise strukturell verringert hat.

Wie weit können die europäischen Gaspreise steigen?

Der Angebotsschock an der Quelle ist strukturell, nicht vorübergehend.

Katar, mit jährlich 84 Milliarden Kubikmetern zweitgrößter LNG-Exporteur der Welt und wichtiger Lieferant für EU-Staaten wie Italien, Belgien und Spanien, kann seine Lieferverträge vorerst nicht mehr erfüllen. Das Land bestätigte dies nach den iranischen Angriffen Anfang des Monats auf die Industriestadt Ras Laffan.

Die Reparaturen an der beschädigten Anlage könnten bis zu fünf Jahre dauern.

In einer Analyse vom 22. März hat Goldman Sachs seine Prognose für den TTF-Preis im zweiten Quartal 2026 von 63 auf 72 Euro je Megawattstunde angehoben. Die Bank warnt, Europa müsse genügend LNG-Ladungen vom asiatischen Markt abziehen, um die Speicher vor dem nächsten Winter ausreichend zu füllen.

In einem ungünstigen Szenario, in dem die Energieexporte durch die Straße von Hormus nicht sechs, sondern zehn Wochen lang gedrosselt bleiben, könnte der durchschnittliche TTF-Preis für den Sommer 2026 auf über 89 Euro je Megawattstunde steigen, so Goldman Sachs.

In einem deutlich schlimmeren Szenario mit langfristigeren Schäden an der Infrastruktur Katars läge der TTF den ganzen Sommer über bei mehr als 100 Euro je Megawattstunde.

Eine Umfrage von Montel News unter Energieanalysten zeichnet ein noch schärferes Bild der Risiken.

Bleibt Hormus drei Monate lang blockiert, könnte der vorderste TTF-Kontrakt auf etwa 90 Euro je Megawattstunde steigen, schätzen Wood Mackenzie und Montel Analytics.

Am oberen Ende der Spanne warnt Ole Hvalbye, Rohstoffanalyst bei der schwedischen SEB-Bank, vor Preisen zwischen 115 und 155 Euro je Megawattstunde in diesem Szenario. Dann würden rund 28,6 Milliarden Kubikmeter LNG vom Weltmarkt verschwinden.

Bei einer sechsmonatigen Schließung, so die Umfrage, kletterte der durchschnittliche TTF-Preis auf fast 160 Euro je Megawattstunde. Hvalbye spricht von einer „Verknappung wie 2022 oder schlimmer“, mit möglichen Preisen zwischen 145 und 240 Euro je Megawattstunde und nahezu unmöglichen Speicherfüllungen für den nächsten Winter.

Zum Vergleich: Im August 2022, nach Russlands Angriff auf die Ukraine, erreichte der TTF seinen Höchststand von 345 Euro je Megawattstunde.

Folgen für die Energierechnungen der Haushalte

Für Europas Haushalte ist der Schock real, er schlägt sich aber nicht überall gleich stark in den Energierechnungen nieder.

Im Exklusivinterview mit Euronews erläuterte Giuseppe Moles, Chef von Acquirente Unico, dem italienischen Staatsunternehmen für die Versorgung von regulierten Kunden, die Übertragungsmechanismen.

Bei Gasrechnungen erfolgt die Weitergabe direkt. Die Regulierungsbehörde ARERA hatte den reinen Energiepreis für geschützte Kunden im Februar auf 35,21 Euro je Megawattstunde festgelegt, warnte aber, dass dieser Wert den Preissprung nach der Eskalation noch nicht abbildet.

Auch die Strompreise steigen, weil teureres Gas die Großhandelsmärkte belastet. Beim Endkunden fällt der Effekt jedoch weniger stark aus.

„Der Strommarkt verarbeitet bereits einen Teil des Gasschocks“, sagte Moles. Er schätzt die Mehrbelastung für Haushalte auf einige Prozentpunkte – spürbar, aber weit entfernt von dem Anstieg um 60 bis 70 Prozent im Großhandel mit Gas.

Bei Kraftstoffen geht der Druck über den Rohölpreis hinaus. Höhere Frachtraten, Versicherungsprämien und Engpässe in den Raffinerien treiben die Kosten entlang der gesamten Lieferkette.

„Der eigentliche Flaschenhals ist die Raffinerie-Kapazität“, so Moles.

Italien stockt Gasimporte aus Algerien auf: Reicht das?

Auch wenn Italien im EU-Vergleich relativ gut dasteht – die Gasspeicher sind zu 43,9 Prozent gefüllt –, warnt Moles vor allem vor Preissprüngen, nicht vor einem akuten Versorgungsengpass.

Vor diesem Hintergrund sucht Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verstärkt den Schulterschluss mit Algerien, schon jetzt Italiens größtem Pipeline-Lieferanten von Gas.

Moles nennt diesen Schritt „eine rationale und wichtige Entscheidung“ und verweist auf Algeriens Rolle für die Versorgungssicherheit.

Zugleich warnt er vor überzogenen Erwartungen. „Algerien kann die Folgen für Italien abmildern, aber eine systemische Krise im Golf nicht allein neutralisieren“, sagte er. Die Störungen rund um die Straße von Hormus bestimmten weiterhin die globalen Energiepreise – weit über jede einzelne bilaterale Beziehung hinaus.

„Ich rechne nicht mit einer Wiederholung des Jahres 2022, sondern eher mit einer Phase erhöhter Volatilität und wiederkehrender Preisspitzen. Viel wird davon abhängen, wie robust das Angebot bleibt und wie sich die weltweite Nachfrage in den kommenden Monaten entwickelt“, so Moles.

Welche Folgen hat das für die Inflation?

Der disinflationäre Trend der vergangenen drei Jahre in Europa ist vorerst vorbei.

Goldman Sachs erwartet, dass die Gesamtinflation im Euroraum im März auf knapp drei Prozent gegenüber dem Vorjahr steigt, nach knapp zwei Prozent im Februar. Der Sprung geht fast vollständig auf Energie zurück, deren Teuerungsrate sich binnen eines Monats von minus 3,1 auf plus 5,9 Prozent drehen dürfte.

Auch die mittelfristige Perspektive hat sich abrupt verändert: Für das Jahr 2026 rechnet Goldman Sachs nun mit einer durchschnittlichen Gesamtinflation von rund drei Prozent und einem Zwischenhoch von gut drei Prozent im zweiten Quartal – ein Szenario, das zu Jahresbeginn noch als Randrisiko galt.

Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel dürfte ebenfalls anziehen und im dritten Quartal etwa zweieinhalb Prozent erreichen, wenn sich die höheren Energiekosten zunehmend in Dienstleistungs- und Transportpreisen niederschlagen.

Die Überwälzung verläuft jedoch nicht überall gleich. Deutschland steht Ende März vor einem Dieselschock von rund 25 Prozent gegenüber dem Vormonat, während Spanien den Anstieg durch eine Halbierung der Mehrwertsteuer auf die meisten Energieformen teilweise abfedert.

„Wir erwarten, dass die deutsche HVPI-Gesamtinflation im März auf drei Prozent von zuvor zwei Prozent steigt“, schrieb Goldman-Sachs-Volkswirtin Katya Vashkinskaya diese Woche.

Aber die Richtung ist überall dieselbe.

Das Zeitfenster, in dem die EZB glaubhaft machen konnte, sie sei klar auf Kurs zu ihrem Zwei-Prozent-Ziel, ist zu.

Was höhere Inflation für Zinsen und Wachstum bedeutet

Für die Europäische Zentralbank hat sich die Lage binnen weniger Wochen komplett gedreht.

Vor Beginn des Kriegs in Iran rechneten die Märkte bis 2026 mit weiteren Zinssenkungen. Diese Diskussion ist vorbei.

Goldman Sachs und ABN AMRO gehen nun davon aus, dass der EZB-Rat auf seiner Sitzung am 30. April und erneut im Juni den Leitzins jeweils um 25 Basispunkte anhebt. Der Einlagensatz würde damit einen Höchststand von 2,5 Prozent erreichen.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hatte bereits öffentlich für eine Zinserhöhung im April plädiert, falls der Druck von den Energiepreisen nicht nachlässt.

Laut Prognosemärkten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB die Zinsen dieses Jahr anhebt, bei 77 Prozent.

In einem ungünstigen Szenario schätzt Goldman Sachs den notwendigen Straffungsbedarf auf insgesamt 75 bis 100 Basispunkte. In einer deutlich schlechteren Variante wären es bis zu 150 bis 200 Basispunkte.

Der Zeitpunkt ist äußerst ungünstig.

Goldman Sachs hat seine Prognose für das Wirtschaftswachstum im Euroraum für das Gesamtjahr auf knapp ein Prozent gesenkt – fast nur noch halb so viel wie vor Ausbruch des Konflikts erwartet. Strengere Finanzierungsbedingungen verstärken den Nachfrageschock durch höhere Energierechnungen.

Der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex für die Eurozone lag im März nur knapp über der Stagnationsschwelle, während die Vorleistungskosten so schnell stiegen wie seit drei Jahren nicht.

„Die EZB ist nicht länger in einer komfortablen Position“, kommentierte Chris Williamson, Chefvolkswirt von S&P Global, die Schnellschätzung des Einkaufsmanagerindex für März 2026.

Ist die Lage so schlimm wie 2022?

Noch nicht – und womöglich gar nicht, meint Bill Diviney, Leiter der Makroforschung bei ABN AMRO.

„Der Schock dürfte deutlich kleiner ausfallen als während der Energiekrise 2022/23 nach Russlands Angriff auf die Ukraine und die Volkswirtschaften der Eurozone nicht so einheitlich treffen wie damals“, schrieb er in einer aktuellen Analyse.

Am deutlichsten zeigt sich das an den Strommärkten: Zwar sind die Gaspreise seit Jahresbeginn um 80 Prozent gestiegen, doch die durchschnittlichen Großhandelspreise für Strom in den fünf größten Volkswirtschaften der Eurozone haben sich seit Ausbruch des Konflikts kaum verändert und liegen im Jahresverlauf noch immer rund 14 Prozent niedriger.

Diese Entkopplung spiegelt den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien seit 2022 und die Rückkehr des französischen Atomparks zur Volllast wider – ein struktureller Wandel, der inzwischen als Teilpuffer wirkt.

Auch die fiskalische Antwort dürfte begrenzter ausfallen: Die Spielräume der Regierungen sind kleiner, die Anleihemärkte weniger nachsichtig, und die Politik ist sich der inflationsfördernden Risiken breit angelegter Energiehilfen stärker bewusst als 2022.

Die Krise von 2022 war ein systemischer Schock, der alle Schwachstellen freilegte, die Europa in Jahrzehnten billigen russischen Gases aufgebaut hatte. Die jetzige Krise trifft gezielter, verläuft ungleichmäßiger – und ist vorerst besser beherrschbar.

Die Frage ist, wie lange das so bleibt.

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