Diesel ist in Deutschland so teuer wie nie zuvor. Der Krieg im Iran treibt den Rohölpreis nach oben, während das neue Tankgesetz den Preisdruck bislang nicht bremst.
Deutschlands Autofahrer erleben an der Zapfsäule einen neuen Preisschock. Am 2. April erreichte der Dieselpreis in Deutschland mit 2,346 Euro je Liter im bundesweiten Tagesdurchschnitt ein neues Allzeithoch – bereits der zweite Rekordtag in Folge. Das geht aus Daten des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) hervor. Gegenüber dem Vortag stieg der Preis um 1,9 Cent; der bisherige Höchstwert aus dem Frühjahr 2022 wurde damit um 2,5 Cent übertroffen. Auch Super E10 verteuerte sich weiter und lag mit 2,141 Euro je Liter auf dem höchsten Stand des laufenden Jahres.
Auffällig ist der Zeitpunkt: Beide Rekordtage fallen auf die ersten Tage nach Einführung des sogenannten Österreich-Modells, das Preiserhöhungen an Tankstellen eigentlich bremsen sollte. Der Automobilclub sieht einen Zusammenhang: Die neue Regelung habe die Preisentwicklung eher befördert als begrenzt. Der gestiegene Rohölpreis erkläre die Aufschläge nur zum Teil – offenbar kalkulierten die Mineralölkonzerne künftige Preisrisiken von vornherein in den Tagespreis ein.
Blockierte Meerenge treibt die Preise nach oben
Der strukturelle Auslöser liegt im Iran-Krieg: Der Konflikt gefährdet den freien Durchfluss durch die Straße von Hormus, über die rund ein Fünftel des weltweiten Rohöls transportiert wird. Innerhalb weniger Wochen kletterte der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent von rund 72 US-Dollar auf zeitweise über 120 US-Dollar. Noch vor Kriegsbeginn Ende Februar lagen die Literpreise an deutschen Zapfsäulen gut 50 bis 60 Cent niedriger.
Als Gegenmaßnahme spricht sich der Club für eine vorübergehende Absenkung der Energiesteuer auf den EU-Mindeststeuersatz aus – ein Schritt, der Diesel und Benzin um rund 15 Cent pro Liter vergünstigen würde. Gleichzeitig solle das Bundeskartellamt seine erweiterten Befugnisse nutzen, um ungerechtfertigte Preisaufschläge zu unterbinden. Seit dem 1. April sind Mineralölkonzerne verpflichtet, überhöhte Preise aktiv zu begründen.
Das neue Tankgesetz – und seine Tücken
Seit Anfang des Monats gilt in Deutschland: Tankstellen dürfen ihre Preise nur noch einmal täglich – um 12 Uhr mittags – anheben, Senkungen sind hingegen jederzeit möglich. Diese Maßnahme soll Verbraucher vor willkürlichen Preissprüngen schützen. Verstöße können mit Bußgeldern von bis zu 100.000 Euro geahndet werden.
Einen direkten Entlastungseffekt hat die Regelung bislang nicht gebracht. Dem Automobilclub zufolge neigen die Konzerne dazu, Preisrisiken vorsorglich einzupreisen, da sie tagsüber nicht mehr nachjustieren können.
Polen als Vorbild – und als Magnet
Während Deutschland auf Regulierung setzt, hat Polen einen anderen Kurs gewählt. Seit dem 31. März 2026 legt die Regierung in Warschau Preisobergrenzen für Kraftstoffe fest. Zugleich wurde die Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe von 23 auf 8 Prozent gesenkt, auch die Energiesteuer wurde reduziert. Zum Start lagen die Obergrenzen bei umgerechnet rund 1,58 Euro für Super und 1,77 Euro für Diesel – gut 60 Cent weniger als in Deutschland.
Der Preisunterschied zieht massenhaft deutsche Autofahrer über die Grenze. An den grenznahen Tankstellen bildeten sich bereits am ersten Tag lange Schlangen, der Betrieb lief im Dauermodus. Die polnische Regierung beobachtet die Entwicklung: Energieminister Miłosz Motyka schloss nicht aus, den Kraftstoffverkauf an Ausländer zu begrenzen, sollte die Versorgung der eigenen Bevölkerung in Gefahr geraten.
Uneinigkeit über den richtigen Kurs
In Berlin wächst der Druck, weitere Maßnahmen zu ergreifen – doch über den richtigen Weg herrscht Uneinigkeit. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) plädiert für einen Preisdeckel nach polnischem Vorbild sowie die Aussetzung der CO₂-Abgabe. SPD-Chef Lars Klingbeil drängt das Kanzleramt zu einem flexiblen Preisdeckel, der sich am Rohölpreis orientiert, um die Inflation zu dämpfen.
Die Grünen setzen auf Verbrauchsreduzierung: Bundesvorsitzender Felix Banaszak spricht sich unter anderem für ein befristetes Tempolimit auf Autobahnen aus.
Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen wird zunehmend diskutiert. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zeigte sich einem Tempolimit gegenüber offen. Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen gilt. Die CDU lehnt ein generelles Tempolimit auf Autobahnen jedoch bislang ab.