Der 21 Staaten umfassende Euroraum rutscht erstmals seit über einem Jahr wieder ins Minus; ein heftiger Einbruch in Irland überlagert die gemischte Lage in den großen Volkswirtschaften.
Die Wirtschaft der Eurozone ist in den ersten drei Monaten 2026 um 0,2 Prozent geschrumpft. Das geht aus der endgültigen Schätzung von Eurostat hervor, die das Statistikamt der EU am Freitag veröffentlicht hat.
Damit hat sich das Bild deutlich eingetrübt: Vorläufige Schnellschätzungen hatten noch ein Plus von 0,1 Prozent ausgewiesen. Im Schlussquartal 2025 war die Wirtschaftsleistung sogar um 0,2 Prozent gestiegen.
Im Jahresvergleich legte die Wirtschaft der Eurozone im ersten Quartal nur um 0,3 Prozent zu, nach 1,2 Prozent im Vorjahr. Der deutliche Dämpfer zeigt den wachsenden Druck des Iran-Kriegs, der Europas Energieversorgung sowie die Zuversicht von Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbrauchern stark belastet.
Irland verzerrt Statistik, erklärt Trend aber nur teilweise
Am stärksten fällt in der Eurostat-Mitteilung Irland auf: Dort brach die Wirtschaftsleistung zum Vorquartal um 12,1 Prozent ein, im Vergleich zum Vorjahr sogar um 16,8 Prozent.
Für die meisten Volkswirtschaften wären solche Zahlen eine Katastrophe. In Irland gilt das Bruttoinlandsprodukt jedoch seit Langem als stark verzerrt, vor allem durch die Aktivitäten großer multinationaler Konzerne aus der Pharmabranche.
Das Central Statistics Office in Dublin verweist seit Jahren darauf, dass solche Ausschläge meist aus der von Konzernen dominierten Industrie kommen und weniger aus der Binnenwirtschaft. Ökonominnen und Ökonomen warnen daher regelmäßig davor, die irischen BIP-Zahlen eins zu eins zu interpretieren.
Der Einbruch im ersten Quartal spiegelt zum großen Teil einen außergewöhnlichen Boom in den Vorquartalen wider. Pharmaexporteure hatten ihre Lieferungen in die USA offenbar vorgezogen, um Zölle zu umgehen. Das trieb die irische Produktion und damit auch die Zahlen für die gesamte Eurozone nach oben.
Ohne Irland wirkt die Entwicklung in der Eurozone weniger dramatisch.
Deutschland, die größte Volkswirtschaft des Währungsraums, wuchs im ersten Quartal um 0,3 Prozent nach zwei Jahren schwacher Entwicklung. Italien legte ebenfalls um 0,3 Prozent zu. Spanien blieb mit einem Plus von 0,6 Prozent Wachstumsspitzenreiter unter den großen Ländern.
Frankreich verzeichnete dagegen ein Minus von 0,1 Prozent. Damit setzt sich ein Schwächemuster fort, das schon vor der aktuellen Energiekrise eingesetzt hat.
Nach der Detailauswertung von Eurostat bremste vor allem der Außenhandel: Der Beitrag des Nettosexports drückte die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozentpunkte. Schwächere Investitionen nahmen dem Wachstum weitere 0,1 Prozentpunkte.
Iran-Krieg belastet Europas Energiemärkte
Der Iran-Krieg, der im Februar 2026 nach gemeinsamen Angriffen der USA und Israels in der Region ausbrach, spielt eine zentrale Rolle für den Abschwung in der Eurozone.
Nach Angaben im Wirtschaftsbericht der Europäischen Zentralbank kletterten die Ölpreise unmittelbar nach den Angriffen auf rund 104 US-Dollar je Barrel. Seit den iranischen Vergeltungsaktionen hielten sie sich in dieser Größenordnung. Ein zentraler Treiber ist die Blockade der Straße von Hormus, über die etwa 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung laufen.
Angriffe auf Förderanlagen am Golf, auch in Katar, haben außerdem die Lieferungen von Flüssiggas stark beeinträchtigt, auf die Europas Importeure in hohem Maß angewiesen sind.
Mehrere Ökonominnen und Ökonomen warnen seit Längerem, dass die Kombination aus Störungen in Hormus, US-Zolldruck und chinesischer Exportkonkurrenz Europas Volkswirtschaften schwer zusetzt. Die Gefahr einer Stagflation, also stagnierenden Wachstums bei gleichzeitig steigenden Preisen, gilt vielen inzwischen als zentrales Risikoszenario für den Währungsraum.
EZB vor Weichenstellung im Juni
Die Verbraucherpreisinflation in der Eurozone zog an: von 1,9 Prozent im Februar auf 2,5 Prozent im März und auf 3 Prozent im April. Haupttreiber waren die Energiepreise.
Auf ihrer Sitzung im April beließ die EZB die Zinsen unverändert und betonte zugleich, sie beobachte den Inflationsdruck sehr genau.
Vor der nächsten Zinsentscheidung am 11. Juni rechnen die Finanzmärkte inzwischen fast fest mit einer Anhebung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent. Das zeigen aus Marktdaten abgeleitete Wahrscheinlichkeitsmodelle.
Eine im Mai veröffentlichte Umfrage von Bloomberg unter Ökonominnen und Ökonomen hatte noch zwei Zinsschritte in diesem Jahr nahegelegt, im Juni und im September. Die neuen Daten zur schrumpfenden Wirtschaftsleistung machen diese Aussicht nun unsicherer.
Am Arbeitsmarkt stieg die Zahl der Beschäftigten im ersten Quartal um 0,1 Prozent. Die geleisteten Arbeitsstunden gingen jedoch um 0,2 Prozent zurück.
Die Arbeitslosenquote kletterte im April leicht auf 6,3 Prozent, nach 6,2 Prozent im März. Der kleine, aber aussagekräftige Anstieg passt zu einer nachlassenden Arbeitskräftenachfrage und einem Arbeitsmarkt, der zwar robust bleibt, aber zunehmend unter Druck gerät.