Europas größter Energiekonzern hat seinen Gewinn im ersten Quartal deutlich gesteigert. Der Krieg mit Iran und die faktische Schließung der Straße von Hormus trieben Öl- und Gaspreise in die Höhe.
Shell plc hat im ersten Quartal deutlich besser verdient als erwartet. Der Iran-Krieg trieb die Öl- und Gaspreise in die Höhe und bescherte dem Handel kräftige Zusatzgewinne, die konfliktbedingte Rückgänge in der Förderung weitgehend ausglichen.
„Shell hat starke Ergebnisse vorgelegt. Möglich wurde das durch unseren konsequenten Fokus auf operative Leistungsfähigkeit in einem Quartal mit beispiellosen Verwerfungen an den globalen Energiemärkten“, erklärte Vorstandschef Wael Sawan.
Der bereinigte Gewinn stieg im ersten Quartal 2026 auf 6,9 Milliarden Dollar (5,86 Milliarden Euro). Das sind 24 Prozent mehr als die 5,6 Milliarden Dollar (4,75 Milliarden Euro) im Vorjahreszeitraum. Shell kündigte außerdem eine Dividendenerhöhung um fünf Prozent an sowie ein Aktienrückkaufprogramm über 3 Milliarden Dollar in den kommenden drei Monaten.
„Ein zentraler Gewinntreiber war der Konflikt im Nahen Osten. Er ließ die Ölpreise nach oben schießen, sodass Shell seine Produkte zu deutlich höheren Preisen verkaufen konnte“, sagte Dan Coatsworth, Marktstratege bei AJ Bell. „Seit Beginn des Konflikts ist der Ölpreis wegen immer wieder aufflammender Hoffnungen auf eine Lösung sehr volatil. Diese Schwankungen schufen Chancen für die Handelsabteilung von Shell.“
Bevor der Krieg ausbrach, lag der internationale Ölpreis bei rund 70 Dollar je Barrel. Der angebotsbedingte Schock trieb die Nordseesorte Brent später auf einen Höchststand von etwa 126 Dollar je Barrel und damit auf das höchste Niveau seit mehr als vier Jahren. Am Donnerstagmorgen fielen die Brent-Futures zur Lieferung im kommenden Monat unter 100 Dollar, gestützt von Hoffnungen auf einen diplomatischen Durchbruch zwischen den Vereinigten Staaten und Iran.
Ausblick und Folgen für die Produktion im Nahen Osten
Höhere Rohölpreise und bessere Raffineriemargen stützten die Gewinne in der gesamten Branche. Coatsworth verwies jedoch auch auf operative Rückschläge bei Shell, darunter Schäden an einer Anlage in Katar während des Konflikts sowie zyklonbedingte Stillstände an einem Standort für verflüssigtes Erdgas in Australien.
Rund zwanzig Prozent der Öl- und Gasförderung von Shell stammen aus dem Nahen Osten. Längere Störungen in der Region treffen den Konzern daher besonders empfindlich.
Shell stellte in Aussicht, dass die Gasproduktion in Katar im zweiten Quartal im Vergleich zu den ersten drei Monaten 2026 um mindestens 30 Prozent zurückgehen dürfte. Die Vermögenswerte im Oman blieben dagegen in Betrieb, die Förderung im Upstream-Bereich sei nicht beeinträchtigt, hieß es.
„Strategisch bleibt langfristig die Frage des Ersatzes von Reserven und des Produktionswachstums entscheidend“, sagte Maurizio Carulli, globaler Energieanalyst bei Quilter Cheviot, mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen. „Die jüngste Übernahme von ARC Resources ist dabei ein wichtiger Schritt. Sie hebt den Produktionsausblick von Shell von Stagnation auf ein moderates, aber klar erkennbares Wachstum.“
Der Konzern hatte kürzlich die Übernahme von ARC Resources Ltd. bekannt gegeben, einem Produzenten mit Schwerpunkt auf dem Montney-Schieferbecken in Kanada. Analysten zufolge stärkt das Geschäft Shells Förderung von Schiefergas und Flüssigkeiten in Kanada.
Debatte über Ausweitung der Übergewinnsteuer
Im Vereinigten Königreich hat der starke Gewinnanstieg von Shell die Diskussion über eine Ausweitung der Übergewinnsteuer auf Energieerträge neu entfacht.
„Erneut streichen die fossilen Energieriesen monströse Profite ein, während Autofahrerinnen und Autofahrer an der Zapfsäule unter Druck geraten und die Haushalte mit höheren Energierechnungen rechnen müssen“, sagte Danny Gross, Klimaaktivist bei Friends of the Earth, der BBC. Er sprach sich für eine Verschärfung der Übergewinnsteuer auf die Profite von Unternehmen mit fossilen Energieträgern aus.
Energieunternehmen, die im Vereinigten Königreich aktiv sind, unterliegen bereits einer Übergewinnsteuer. Die Abgabe gilt jedoch nur für Gewinne aus der Öl- und Gasförderung in Großbritannien. Auf das Land entfallen weniger als fünf Prozent von Shells weltweiter Öl- und Gasproduktion.
„Die Rufe nach einer Übergewinnsteuer auf Ölprofite werden jetzt nur noch lauter, da sowohl Shell als auch BP plc als direkte Folge des Kriegs im Nahen Osten üppige Gewinne melden“, sagte Coatsworth. „Je länger die Ölpreise hoch bleiben, desto schwerer wird es für die Unternehmen, Vorschläge für eine solche Steuer abzuwehren.“
Die Shell-Aktie verlor nach der Zahlenvorlage rund zwei Prozent. Analysten erklärten, die Schwäche spiegele eher die breitere Markterwartung wider, dass der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus bald wieder anlaufen könnte, als spezifische Sorgen um das Unternehmen.
„Die Zahlen von Shell für das erste Quartal waren eindeutig besser als erwartet“, sagte Carulli. „Die anfängliche Kursschwäche wirkt vollständig makrogetrieben und nicht unternehmensspezifisch. Ölwerte insgesamt stehen unter Druck, weil der Markt auf eine rasche Lösung der Störung in der Straße von Hormus setzt.“