Viele von Kinderwunschkliniken angebotene Zusatzbehandlungen zur Steigerung der IVF-Erfolgschancen sind laut einer neuen Lancet-Studie wissenschaftlich kaum belegt.
Die Studie (Quelle auf Englisch)untersuchte 85 klinische Studien zu sogenannten IVF-„Add-ons“ – zusätzlichen Eingriffen, Tests und Medikamenten, die ergänzend zur Standardbehandlung der Kinderwunschmedizin angeboten werden und für Patientinnen und Patienten oft mit hohen Kosten verbunden sind. Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass die meisten dieser Zusätze kaum oder keinen nachgewiesenen Nutzen bringen, obwohl private Kliniken sie breit bewerben.
„Es gibt weitverbreitete Fehlinformationen über IVF-Add-ons. Webseiten privater Kliniken und Patientinnenforen in sozialen Medien – zentrale Informationsquellen für Betroffene – stellen den Nutzen häufig übertrieben dar und lassen Kosten und Risiken weg“, sagte Studienautorin Sarah Lensen von der Universität Melbourne.
Die Auswertung ergab, dass sieben von 10 weit verbreiteten Add-ons keinen messbaren Effekt auf die Fruchtbarkeits-Ergebnisse hatten oder nur durch begrenzte, wenig belastbare Daten gestützt wurden.
Dazu gehörten Akupunktur, Medikamente zur Entzündungshemmung, eine Gewebeprobe der Gebärmutterschleimhaut zur Analyse von Genexpressionsmustern, Sojaöl und Eigelb, die in die Blutbahn verabreicht werden, sowie Behandlungen mit plättchenreichem Plasma, das in die Eierstöcke oder die Gebärmutter eingebracht wird.
Zudem fanden die Forschenden keine ausreichenden Belege für den Einsatz der Präimplantationsdiagnostik auf Aneuploidie (PGT-A), eines Screeningverfahrens, das Embryonen vor dem Transfer auf chromosomale Auffälligkeiten untersucht.
Nur drei Add-ons zeigten überhaupt einen möglichen Nutzen; auch hierfür blieb die Evidenz schwach.
EmbryoGlue, ein Transfermedium mit Hyaluronsäure, das die Einnistung des Embryos in der Gebärmutter unterstützen soll, könnte die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und einer Lebendgeburt erhöhen. Die Ergebnisse zu den Lebendgeburtsraten stuften die Forschenden jedoch als wenig robust ein.
Auch das sogenannte Endometrium-Scratching, ein Eingriff, bei dem die Gebärmutterschleimhaut vor dem Embryotransfer gezielt angeraut wird, stand mit einem möglichen Anstieg von Schwangerschafts- und Lebendgeburtsraten in Verbindung.
Außerdem ergab sich für die physiologische intrazytoplasmatische Spermieninjektion (PICSI), ein Verfahren zur Auswahl reiferer Spermien, ein schwacher Hinweis darauf, dass sich das Fehlgeburtsrisiko verringern könnte.
„Unbewiesene Add-ons können falsche Hoffnungen wecken, die finanzielle Belastung erhöhen und zu unnötigen medizinischen Eingriffen führen – in einer Phase, die für Patientinnen und Patienten ohnehin schon sehr belastend ist“, sagte Lensen.
„IVF-Kliniken und behandelnde Ärztinnen und Ärzte sollten genau abwägen, ob sie unbewiesene Zusatzangebote überhaupt machen. Allein ihre Verfügbarkeit wird von vielen Betroffenen als stillschweigende Bestätigung eines Nutzens verstanden.“
Trotz der fehlenden Evidenz bleiben viele dieser Verfahren weit verbreitet. Mehr als 70 % der IVF-Patientinnen und -Patienten in Australien, Neuseeland und dem Vereinigten Königreich berichten laut der Studie, in ihrer Behandlung mindestens ein Add-on genutzt zu haben.
Die Untersuchung unterstreicht zudem, wie stark Online-Informationen Entscheidungen beeinflussen. Nahezu alle in Australien befragten IVF-Patientinnen und -Patienten gaben an, sich stark auf die Webseiten von Kinderwunschkliniken zu stützen, und mehr als 60 % nutzten Plattformen wie Facebook und Reddit, um ihre Therapieentscheidungen zu treffen.
Um dem aus Sicht der Forschenden mangelnden Angebot an verlässlichen Informationen entgegenzuwirken, hat das Team die Evidence-Based-IVF-Website (Quelle auf Englisch) gestartet. Sie soll unabhängige, wissenschaftlich fundierte Informationen zu IVF-Add-ons liefern.
Lensen sagte, die Website habe das Verständnis der Patientinnen und Patienten für die verschiedenen Therapieoptionen verbessert und die Zufriedenheit mit den verfügbaren Informationen erhöht.
„Obwohl das Angebot in Australien entwickelt wurde, ist die Evidenz weltweit für IVF-Patientinnen und -Patienten relevant“, sagte sie. „Wir hoffen, dass Fachärztinnen und Fachärzte, Kliniken und Betroffene dieses Angebot weltweit anerkennen und nutzen.“