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Solar- und Windkraft überholen in der EU erstmals fossile Brennstoffe: Hält das Netz mit?

Die Sonne geht hinter Windrädern bei Pokrent in Norddeutschland unter. Freitag, 17. November 2017.
Die Sonne geht hinter Windrädern bei Pokrent in Norddeutschland unter. Freitag, 17. November 2017. Copyright  AP Photo.
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Von Liam Gilliver
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Die EU steuert rasant auf eine saubere Energiezukunft zu. Fachleute warnen jedoch: Ein veraltetes Stromnetz bremst den Fortschritt.

Wind und Sonne haben 2025 in der EU erstmals mehr Strom erzeugt als fossile Brennstoffe. Das gilt als ein „wichtiger Meilenstein“ auf dem Weg zu sauberer Energie.

Ein neuer Bericht des Energie-Thinktanks Ember zeigt: Erneuerbare erzeugten im vergangenen Jahr fast die Hälfte des EU-Stroms, trotz eines Rückgangs der Wasserkraft und höherem Gaseinsatz. Wind und Sonne trieben den Boom an, kamen auf einen Rekordanteil von 30 Prozent und überholten fossile Brennstoffe um nur ein Prozent.

Fachleute loben den schnellen Umstieg auf Erneuerbare. Zugleich warnen sie: Das „veraltete“ Netz bremst den Fortschritt.

Wie sauber ist der Strom in der EU?

Der Bericht sieht die Kohle fast auf dem Rückzug: Die Stromerzeugung fiel auf einen historischen Tiefstand von 9,2 Prozent. In 19 EU-Ländern liegt Kohlestrom inzwischen bei weniger als fünf Prozent der gesamten Erzeugung.

In den vergangenen zehn Jahren wurden sinkende Kohleanteile nicht eins zu eins durch Gas oder andere fossile Energieträger ersetzt. 2025 stieg die Gasverstromung gegenüber 2024 jedoch um acht Prozent. Hauptgrund war eine um zwölf Prozent geringere Wasserkrafterzeugung wegen viel Sonne und wenig Regen.

Das trieb die Gasimportrechnung des EU-Stromsektors auf 32 Milliarden Euro, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Analysen zeigen zudem: Preisspitzen zu Spitzenzeiten des Gasverbrauchs ließen die Großhandelspreise für Strom in 21 Mitgliedstaaten im Jahresvergleich steigen.

Windenergie ging ebenfalls um zwei Prozent zurück, bleibt aber die zweitgrößte erneuerbare Erzeugungsform. Grund war erneut: Anfang 2025 wehte weniger Wind als Anfang 2024.

In den vergangenen fünf Jahren sank der Anteil fossiler Stromerzeugung von 36,7 auf 29 Prozent.

Welche europäischen Länder führen beim Ausbau der Erneuerbaren?

EU-weit erzeugten Wind und Sonne mehr Strom als fossile Brennstoffe. Auf Ebene der Einzelstaaten traf das jedoch nur auf 14 der 27 Mitgliedstaaten zu. Erstmals dabei: die Niederlande und Kroatien.

Estland, Bulgarien, Griechenland, Irland, Slowenien, Lettland, Rumänien, die Slowakei, Italien, Tschechien, Polen, Zypern und Malta erzeugten jeweils mehr Strom aus fossilen Brennstoffen als aus Wind und Sonne. Der Bericht sieht Griechenland, Bulgarien und Slowenien dank kräftiger Zuwächse bei der Solarstromerzeugung „sehr nah“ am Kipppunkt.

Schweden liegt seit Langem vorn: Seit 2010 erzeugt das Land mit Wind und Sonne mehr Strom als mit fossilen Energieträgern. Luxemburg erreichte diese Marke 2017, Finnland und Litauen zogen 2022 nach.

Portugal, Spanien, Österreich, Frankreich und Belgien schafften den Schritt 2023, Ungarn und Deutschland überschritten die Schwelle 2024.

„Dieser Meilenstein zeigt, wie schnell die EU zu einem Stromsystem getragen von Wind und Sonne übergeht“, sagt die Autorin des Berichts, Dr. Beatrice Petrovich.

„Da Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen weltweit Instabilität nähren, ist der Umstieg auf saubere Energie so wichtig wie nie.“

Warum Solar die Energiewende anführt

Der Boom der Erneuerbaren im vergangenen Jahr ging vor allem auf einen „enormen“ Zuwachs bei der Solarenergie zurück: Die Erzeugung sprang im vierten Jahr in Folge um mehr als 20 Prozent. Die EU erzeugte 2025 369 TWh Solarstrom. Das entspricht dem Zuwachs der weltweiten Stromnachfrage im ersten Halbjahr.

Seit Langem gilt Solarenergie als „Schlüsseltriebkraft“ beim Abschied von fossilen Brennstoffen, denn sie ist die weltweit günstigste Stromquelle. Eine Studie der Universität Surrey ergab, dass in den sonnigsten Ländern die Erzeugung einer Einheit Strom mit Solar nur 0,023 Euro kostet.

Sogar im Vereinigten Königreich, rund 50 Grad nördlich des Äquators und für trübes Wetter bekannt, ist Solar nach Einschätzung der Forschenden die günstigste Option für „großskalige Stromerzeugung“.

Ist die EU bereit für Ökostrom?

Der Boom ist entscheidend, um Emissionen zu senken und Klimaziele zu erreichen. Doch Fachleute fürchten, dass das Stromnetz der EU unzureichend und veraltet ist.

Das Netz bringt Strom in Haushalte und Betriebe. Es wurde jedoch nie für Solar- und Windparks ausgelegt, die oft in abgelegenen Regionen entstehen. Historisch wuchs es um Kohlekraftwerke herum. Diese Standorte wurden später zu gasbefeuerten Kraftwerken umgebaut, die zentraler liegen.

Einfach gesagt: Die EU hat kein Problem, grünen Strom zu erzeugen. Sie hat aber eines, ihn zu transportieren. So fehlte Polen im vergangenen Jahr mehrfach die Kapazität, Strom aus Solaranlagen aufzunehmen. Energie ging verloren.

Das ist nicht nur ein EU-Thema. Im Vereinigten Königreich überschritten die gesamten Kosten durch abgeregelten Windstrom inzwischen drei Milliarden Pfund (3,44 Milliarden Euro). Das entspricht 24.643 MWh grünen Stroms. Das reicht, um Schottland einen Tag lang zu versorgen.

Im vergangenen Jahr warnte EU-Energiekommissarin Kadri Simpson, dass die Ziele für 2030 verfehlt werden, wenn die Netzinfrastruktur nicht „sehr schnell“ aufgerüstet wird. Laut Europäischer Kommission sind bis 2030 jährliche Netzinvestitionen von 584 Milliarden Euro nötig, um die Ziele zu erreichen.

Ein Bericht des Energieberatungsunternehmens Aurora aus 2025 warnte zudem, Europas Stromnetz werde zunehmend zum „Flaschenhals“ auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Demnach näherten sich die Kosten für Engpassmanagement in Europa 2024 neun Milliarden Euro, während 72 TWh, vor allem erneuerbare Energie, wegen Engpässen abgeregelt wurden. Das entspricht in etwa dem jährlichen Stromverbrauch Österreichs.

„Mit der Integration und Vernetzung müssen wir Kapazitäts- und Komplexitätsfragen ernst nehmen, um ein sicheres, bezahlbares und nachhaltiges Netz zu gewährleisten“, sagt Gerhard Salge von Hitachi Energy.

„Die Technologien sind vorhanden. Jetzt müssen wir sie schnell und im großen Maßstab ausrollen.“

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