Forscher schlagen Alarm: Gängige Wirtschaftsmodelle unterschätzen massiv, wie stark die Klimakrise Wachstum, Jobs und Wohlstand weltweit kostet.
Regierungen, Zentralbanken und Anleger verlassen sich auf ökonomische Modelle, die die Risiken der Erderhitzung inzwischen immer stärker unterschätzen.
Ein neuer Bericht unter Leitung des Teams Green Futures Solutions der University of Exeter, gemeinsam mit dem Finanz-Thinktank Carbon Tracker, warnt: Die fehlerhaften Schadensmodelle wiegen die Weltwirtschaft in einer falschen Sicherheit.
Der Bericht fordert, dass Klimaforschende, Ökonomen, Aufsichtsbehörden und Investoren enger zusammenarbeiten, bevor die Temperaturen um zwei Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau steigen. Ab dieser Schwelle erwarten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrere katastrophale Kipppunkte, etwa einen massiven Verlust an Biodiversität und eine weitere Versauerung der Ozeane.
„Die gängigen Wirtschaftsmodelle unterschätzen Klimaschäden systematisch, weil sie das Entscheidende nicht abbilden können: kaskadenartige Ausfälle, Schwellenwerteffekte und sich verstärkende Schocks, die das Klimarisiko in einer wärmeren Welt prägen und die Grundlagen des Wirtschaftswachstums erschüttern könnten“, sagt Hauptautor Dr. Jesse Abrams.
Finanzprognosen blenden Extremwetter aus
Bisher haben viele ökonomische Modelle Schäden vor allem mit Veränderungen der globalen Durchschnittstemperatur verknüpft. Die Folgen klimabedingter Extremereignisse wie Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren bleiben oft außen vor.
Im vergangenen Sommer verursachte Extremwetter in Europa kurzfristige wirtschaftliche Schäden von mindestens 43 Milliarden Euro. Bis 2029 könnten die Gesamtkosten auf 126 Milliarden Euro steigen.
Eine im September 2025 veröffentlichte Studie unter Leitung von Dr. Sehrish Usman von der Universität Mannheim, in Zusammenarbeit mit Ökonominnen und Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB), ergab, dass Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen in diesem Zeitraum ein Viertel aller EU-Regionen trafen.
Die unmittelbaren Verluste entsprechen 0,26 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung im Jahr 2024. Die Autorinnen und Autoren betonen jedoch, dass diese Schätzung eher vorsichtig ist, weil kombinierte Effekte gleichzeitiger Extremereignisse – etwa von Hitzewellen und Dürren – nicht eingerechnet sind.
Ebenfalls außen vor bleiben Kosten durch Gefahren wie Waldbrände, die im vergangenen Jahr europaweit neue Rekorde verzeichneten, oder durch Hagel- und Sturmschäden.
In Teilen Süd- und Südostasiens lösten Monsunfluten allein in Thailand wirtschaftliche Schäden von 500 Milliarden Baht aus, umgerechnet rund 133 Milliarden Euro.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnten, dass sich tropische Stürme in der Region zunehmend überlagern – eine Entwicklung, die vermutlich durch Klimaschäden angeheizt wird und deren zerstörerische Wirkung durch Abholzung noch zunimmt.
„Klimaschäden sind kein Randphänomen“
Eine zentrale Botschaft des Berichts ist, dass die meisten gängigen ökonomischen Modelle den Klimawandel implizit als „marginalen Schock“ in einem ansonsten stabilen System behandeln.
Die Forschenden halten diese Annahme inzwischen für überholt, weil der Klimawandel immer häufiger mehrere Sektoren gleichzeitig durcheinanderbringt.
„Der Klimawandel wird die Wirtschaftsstrukturen voraussichtlich nicht nur dämpfen, sondern grundlegend verändern: Er beeinflusst, wo Menschen leben können, was sich produzieren lässt, wie Infrastrukturen funktionieren und welche Regionen wirtschaftlich überlebensfähig bleiben“, heißt es in dem Bericht.
„Diese Unterscheidung ist für politische Entscheidungsträger und Finanzinstitute entscheidend: Risiken, die die Struktur eines Systems verändern, lassen sich nicht mit Modellen erfassen, die für kleine, umkehrbare Schocks entwickelt wurden.“
Ereignisse wie Extremwetter lösen außerdem Wechselwirkungen aus, die häufig untergehen. Trifft ein Gebiet ein Klimaschock, kann das über Ernährungssysteme, Lieferketten und Finanzmärkte weltweit Wellen schlagen. Viele Modelle behandeln Klimaschäden dennoch wie ein isoliertes Ereignis.
„Tatsächlich sammeln sich Risiken an, verstärken sich gegenseitig und können Systeme in Richtung Instabilität treiben“, warnt der Bericht.
Das Problem mit dem BIP
Viele Menschen missverstehen Zahlen zu klimabedingten BIP-Schäden. Ein prognostizierter Verlust von zum Beispiel 20 Prozent wirkt oft so, als ginge es um einen direkten Einbruch der heutigen Wirtschaftsleistung.
Der Bericht hält dagegen: In vielen Modellen entwerfen Ökonominnen und Ökonomen eine „magische Wirtschaft“, in der das Bruttoinlandsprodukt Jahr für Jahr um drei Prozent wächst – unbegrenzt, unabhängig von der Schwere der Klimafolgen.
„Erst anschließend werden von diesem aufgeblähten, fiktiven Kuchen der Zukunft 20 Prozent abgezogen – so, als wäre es gleichgültig, ob es Klimawandel gibt oder nicht“, heißt es.
„Die Möglichkeit, dass die Wirtschaftsleistung strukturell schrumpft, taucht in diesen Modellen praktisch nicht auf.“
Ein zentrales Problem: Aus Sicht der Forschenden ist das BIP ein zu „enger“ Maßstab für Klimaschäden. Schätzungen bilden das tatsächliche wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Ausmaß daher deutlich zu niedrig ab.
Im Bruttoinlandsprodukt schlagen sich Faktoren wie Todesfälle, wachsende Ungleichheit, der Verlust von Kultur und Heimat, die Zerstörung von Ökosystemen oder der Bruch sozialer Strukturen kaum nieder.
„Mancherorts steigt das BIP nach Katastrophen sogar, weil umfangreiche Wiederaufbauarbeiten anstehen – die tatsächlichen Wohlfahrtsverluste verschwinden dann vollständig aus der Statistik“, heißt es weiter.
„BIP-zentrierte Bewertungen vermitteln Politik und Finanzsektor deshalb leicht ein falsches Bild von Widerstandsfähigkeit, obwohl die Verwundbarkeit im Hintergrund wächst.“
Der Bericht reiht sich in die Forderung ein, das BIP durch zusätzliche Kennziffern zu ergänzen, die die wirtschaftliche Realität der Menschen und die langfristige Stabilität genauer abbilden.