Eine neue Studie zeigt: Die Tragflächen-Elektrofähre in Schwedens Hauptstadt senkt ihre Emissionen um bis zu 94 Prozent.
Ende 2024 erhielten Pendlerinnen und Pendler in Stockholm eine neue Möglichkeit, die schwedische Hauptstadt zu überqueren: eine „fliegende“ Elektrofähre.
Etwas mehr als ein Jahr später zieht die schwedische Verkehrsbehörde nach der Auswertung der Pilotstrecke Bilanz: Das Projekt gilt als großer Erfolg.
Stockholm erstreckt sich über 14 Inseln und eignet sich daher besonders für den Verkehr auf dem Wasser. Dennoch entscheiden sich viele Menschen wegen der relativ langsamen Fahrten und seltener Abfahrten für die mehr als 50 Brücken der Stadt.
Trotzdem verursachen dieselbetriebene Fähren fast die Hälfte der gesamten Emissionen des öffentlichen Verkehrs in der Region.
Die neue Tragflächenfähre Candela P‑12 Shuttle, die ihr Hersteller als das derzeit schnellste elektrische Fahrgastschiff der Welt beschreibt, soll das ändern.
Kürzere Fahrzeiten, deutlich weniger Emissionen
Die Fähre verkehrt zwischen dem Vorort Ekerö und der Stockholmer Innenstadt in der Nähe des Rathauses. Die Fahrzeit sinkt damit von etwa 55 auf rund 30 Minuten.
Laut den Versuchsdaten sanken auch die Kohlendioxid-Emissionen – um rund 94 Prozent im Vergleich zu ähnlichen Dieselschiffen.
Kommunalpolitiker sprechen von einem möglichen „Paradigmenwechsel“ bei der Nutzung der innerstädtischen Wasserwege.
Wie funktioniert Stockholms „fliegende“ Fähre?
Nach Angaben des Herstellers Candela ist die P‑12 die erste computergesteuerte elektrische Tragflächenfähre, die in Serie gebaut wird.
Unter dem Rumpf angebrachte Tragflächen aus Kohlefaser erzeugen bei zunehmender Geschwindigkeit Auftrieb und heben das Boot aus dem Wasser. Der Kontakt mit dem Wasser nimmt deutlich ab, der Widerstand sinkt stark. So erreicht das Schiff hohe Geschwindigkeiten, fährt ruhiger und verbraucht deutlich weniger Energie. Damit sind große Reichweiten bei hohem Tempo allein mit Batterien möglich.
Ein bordeigenes Computersystem stellt den Winkel der Tragflächen in Echtzeit ständig nach. Sensoren halten das Schiff stabil, während es scheinbar über das Wasser „fliegt“.
Die Elektrofähre verursacht zudem deutlich kleinere Wellen als herkömmliche Fähren. Laut Bericht sind sie mit denen eines kleinen Motorboots mit Außenborder vergleichbar. Die geringere Wellenbildung sorgt nicht nur für eine schnellere und angenehmere Fahrt. Sie verringert auch die Ufererosion und stört die Umwelt weniger.
Auch der Lärmpegel sinkt. Messungen zeigen, dass die Fähre in etwa so leise ist wie ein Auto mit 45 km/h und aus 25 Metern Entfernung kaum zu hören.
Wie geht es weiter mit Stockholms fliegenden Fähren?
Wegen ihrer kaum vorhandenen Heckwelle darf die aktuelle Elektrofähre auf Stockholms Wasserstraßen mit einer Sondergenehmigung schneller fahren. Sie nutzt diese Freiheit mit einer Dienstgeschwindigkeit von rund 25 Knoten – deutlich mehr als die sonst erlaubten zwölf Knoten.
In ihrer Bewertung empfiehlt die schwedische Verkehrsbehörde, ähnliche Ausnahmen auch auf weiteren Linien zuzulassen. So könnte das Angebot ausgebaut werden.
Auf der Strecke nach Ekerö stieg die Zahl der Fahrgäste im Testzeitraum demnach um 22,5 Prozent. Das deutet auf eine starke Nachfrage sowohl von Pendlerinnen und Pendlern als auch von Touristinnen und Touristen hin.
Der Bericht hält fest, dass das Schiff im Vergleich zu herkömmlichen Elektrofähren nur vergleichsweise geringe Investitionen in die Ladeinfrastruktur an den Anlegern erfordert. Zusammen mit den geringeren Kraftstoff- und Wartungskosten im Vergleich zu Dieselfähren ergibt sich daraus ein überzeugendes Gesamtpaket.
Ersetzt man laut Bericht zwei Diesel-fähren durch sechs P‑12‑Schiffe, könnten die Abfahrten statt stündlich alle 15 Minuten erfolgen. Die Kapazität würde um etwa 150 Prozent steigen. Gleichzeitig entstünden geschätzte sozioökonomische Vorteile von 119 Millionen schwedischen Kronen (12 Millionen Euro), bei sinkenden Kosten pro Fahrt.
„Die Candela P‑12 kann innerstädtische Wasserwege verändern“, sagt Gustav Hasselskog, Gründer und CEO von Candela. Das Unternehmen baut die P‑12‑Fähren in seinem Werk im Stockholmer Stadtteil Rotebro. „Durch die Kombination aus hoher Geschwindigkeit, sehr geringem Energieverbrauch und nahezu null Emissionen können wir weltweit in Städten schnellere, sauberere und kostengünstigere Verbindungen auf dem Wasser ermöglichen.“
Städte wie Berlin und Mumbai sowie Reiseziele auf den Malediven und in Thailand haben für 2026 bereits ähnliche Schiffe bestellt oder entsprechende Pläne angekündigt.