Die Katalanin Alicia Esteve gab sich sechs Jahre lang als 11.-September-Überlebende Tania Head und Präsidentin eines Opferverbands aus. Regisseur Kike Maíllo rollt in „La superviviente“ den Betrug auf, den „The New York Times“ 2007 entlarvte.
Tania Head war nach eigener Darstellung eine von 18 Personen, die in der 78. Etage des Südturms des World Trade Center überlebten. Dieser Bereich lag über der Einschlagstelle des zweiten Flugzeugs am elften September 2001.
Sie erzählte, ein sterbender Mann habe ihr seinen Ehering gegeben, damit sie ihn seiner Witwe zurückbringe. Ein Freiwilliger mit brennender Kleidung habe ihr beim Abstieg über die Treppen geholfen. Ihren Verlobten David habe sie im Nordturm verloren. Mit dieser Geschichte rückte sie an die Spitze der Vereinigung der Überlebenden des World Trade Center und traf sich mit Rudy Giuliani, damals Bürgermeister von New York.
Nichts davon stimmte. Tania Head hieß in Wahrheit Alicia Esteve, eine junge Frau aus Barcelona, die am Tag der Anschläge in der Stadt ein Masterstudium absolvierte und die Zwillingstürme nie betreten hatte.
Auch die angebliche Verlobung mit David Scott Suárez, einem Mitarbeiter von Deloitte, der bei dem Anschlag ums Leben kam, hat es nie gegeben. Weder seine Familie noch das Unternehmen, für das sie angeblich arbeitete, bestätigten diese Verbindung.
Die Lüge hielt bis 2007, als die „New York Times“-Journalisten David W. Dunlap und Serge F. Kovaleski stutzig wurden und ihre Geschichte überprüften. Sie deckten den Schwindel auf. Kurz darauf kursierte in den Foren der Überlebenden die Nachricht, Alicia Esteve habe sich das Leben genommen. Bestätigen ließ sich das nie.
Dokumentarfilm von Kike Maíllo: „La superviviente“
Gut 25 Jahre nach den Anschlägen widmet sich der Regisseur aus Barcelona, Kike Maíllo, bekannt durch „Eva“ und „Toro“, dieser Geschichte mit „La superviviente“. Der Dokumentarfilm knüpft an „Oswald. El falsificador“ an, sein vorheriges Werk über den Kunstfälscher Oswald Aulestia.
Da Alicia Esteve nicht mitwirken und nicht vor die Kamera treten wollte, lässt Maíllo die Schauspielerin und Komikerin Hannah Becker ihre Rolle übernehmen. Auf Basis von Originalquellen wie Texten und Therapieaufnahmen rekonstruiert sie, was nie gefilmt und in keinem echten Interview beantwortet wurde.
Für den Film reist Maíllo in die USA und spricht mit Menschen, die Tania Head gut kannten: Überlebende der Vereinigung, der frühere Vorsitzende, den sie verdrängte, und Sam Kedem, der Psychologe, der sie als Anschlagsopfer behandelte und in ihrer Erzählung nie Widersprüche bemerkte. Die Meinungen über sie gehen auseinander.
Einige erinnern sich an sie als Person, die nach Aufmerksamkeit verlangte. Andere betonen, dass die Vereinigung ohne ihren Einsatz nur einen Bruchteil der Öffentlichkeit erreicht und ihrer Ziele geschafft hätte, und heben hervor, dass sie aus dem Betrug nie Geld zog.
Der 88-minütige Dokumentarfilm zeichnet das Porträt einer Katalanin, die jahrelang daraus Kapital schlug, sich als weiteres Opfer auszugeben.
Warum flog ihr Schwindel so lange nicht auf?
Der Film will weniger den aktuellen Aufenthaltsort von Alicia Esteve ausfindig machen, sondern verstehen, wie sie sechs Jahre lang eine komplett erfundene Identität und ein ebenso erfundenes Trauma aufrechterhalten konnte, ohne Verdacht zu erregen.
Der Fall erinnert an Enric Marco, den Katalanen, der sich als Überlebender des Konzentrationslagers Flossenbürg ausgab und es bis an die Spitze der Amical de Mauthausen schaffte, bevor er enttarnt wurde (Quelle auf Spanisch). In beiden Fällen traf ein mit emotionalen Details angereicherter Bericht einen Nerv beim Publikum, wie es die nüchterneren Zeugnisse wirklicher Überlebender nicht schafften.
Die Frage, die der Dokumentarfilm aufwirft, lautet nicht nur, wie Alicia Esteve so viele Menschen täuschen konnte. Er stellt auch die Frage, welches kollektive Bedürfnis dazu führte, dass diese Lüge so lange funktionierte, ohne dass irgendjemand, nicht einmal ein Psychologe, ihre Geschichte infrage stellte.