In viralen Posts wird behauptet, dass in Europa Unterwäsche verkauft wird, die Frauen vor sexuellen Übergriffen schützen soll. The Cube checkt die Fakten hinter diesen Beiträgen in den sozialen Netzwerken.
Rechtsextreme und andere Nutzer sozialer Medien verbreiten ein Video, in dem vermeintlich eine in Europa entwickelte Marke von "Anti-Rape"-Underwear, also "Anti-Vergewaltigungs"-Unterwäsche, gezeigt wird.
Die Posts auf X - einst Twitter -, wie der des britischen Rechtsextremisten Tommy Robinson, versuchen, fremdenfeindliche Gefühle anzuheizen. Denn sie suggerieren, dass diese Unterwäsche in Europa genutzt würde, um Frauen vor Einwanderern zu schützen, anstatt die Grenzen zu schließen oder die Migration aus der "Dritten Welt" zu stoppen.
In dem Video mit spanischen Untertiteln wird behauptet, dass die Unterwäsche die Trägerin vor Vergewaltigungen schützt, weil sie nicht reißt, nicht zerschnitten werden kann und einen speziellen Verschluss hat, der sich nur in einer bestimmten Position öffnet.
Außerdem heißt es, dass die Unterwäsche in den USA entwickelt wurde und dass ein deutsches Unternehmen ähnliche Produkte auf den Markt gebracht habe.
Crowdfunding 2013, aber offenbar keine Produktion
In der Ecke des Videos ist ein Logo von "AR Wear" zu sehen. Eine Google-Suche nach dem Unternehmen führt uns zu einer Seite auf der US-amerikanischen Crowdfunding-Website Indiegogo.
Wir sehen, dass AR Wear im Jahr 2013 eine Kampagne gestartet hat, um die Unterwäsche zu produzieren, und dabei knapp 55.000 Dollar (48.000 Euro) an Spenden gesammelt hatte, aber die Kampagne ist inzwischen beendet.
AR Wear erklärte, sein Ziel sei es, einen "tragbaren Schutz für den Fall, dass etwas schiefgeht" anzubieten, und zwar in einer breiten Palette verschiedener Stile und in einer Form, die sich nur schwer gewaltsam oder heimlich entfernen lässt.
Das Unternehmen veröffentlichte zuletzt 2016 ein Update, in dem es auf Schwierigkeiten im Herstellungsprozess hinwies.
"Viele der Hindernisse, die unserem Fortschritt im Wege stehen, hängen mit der Schwierigkeit zusammen, die hohe Qualität aufrechtzuerhalten, die erforderlich ist, damit das Kleidungsstück die defensiven Eigenschaften der Prototypen beibehält, und gleichzeitig zu einer realistischen Methode der Massenproduktion innerhalb einer erschwinglichen Preisklasse für das Endprodukt überzugehen", schrieb AR Wear im März 2016. "Wir werden Sie auf dem Laufenden halten, sobald wir echte Fortschritte zu vermelden haben, und danken Ihnen für Ihre anhaltende Unterstützung."
"Hi, irgendwelche Updates seit 3 Jahren?"
Internetnutzer haben in den vegangenen Jahren auch immer wieder unbeantwortete Kommentare gepostet, die darauf hindeuten, dass das Produkt nie für die Öffentlichkeit freigegeben wurde.
"Hi, irgendwelche Updates seit 3 Jahren?", heißt es in einem Kommentar aus dem Jahr 2019. "Sooooo, ihr seid einfach mit unserem Geld abgehauen?", fragt ein anderer aus dem Jahr 2018.
Auf der Crowdfunding-Seite finden wir auch die vollständige Originalversion des Clips, der jetzt auf X verbreitet wird.
Die spanischen Untertitel in dem kleineren Clip scheinen von dem spanischsprachigen Videodienst Vix zu stammen, denn in der oberen rechten Ecke des Videos ist eine ältere Version des Logos der Marke zu sehen.
Was das im Clip erwähnte deutsche Unternehmen betrifft, so taucht in der unteren rechten Ecke des Clips ein anderes Logo für "Safe Shorts" auf, wenn das Unternehmen erwähnt wird.
Eine weitere Google-Suche führt uns zu verschiedenen Artikeln, die 2017 und 2018 über Safe Shorts geschrieben wurden. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine Marke von Anti-Vergewaltigungs-Shorts handelt, die von Sandra Seilz, einer Frau in Deutschland, die Opfer einer versuchten Vergewaltigung war, entwickelt wurde.
Die Bilder des Produkts stimmen mit denen des deutschen Unternehmens aus dem Clip überein, aber The Cube konnte keine Website oder Kontaktdaten des Unternehmens ausfindig machen, was darauf hindeutet, dass sie nicht mehr erhältlich sind.
Die Google-Suche zeigt uns auch, dass dies nicht das erste Mal ist, dass das Video als Teil einer irreführenden Erzählung in Europa verbreitet wurde. So gibt es einen früheren Faktencheck des spanischen Senders RTVE aus dem Jahr 2024.
Berichte über zunehmende sexuelle Gewalt in der EU
Die Daten zeigen, dass Berichte über sexuelle Gewalt in der EU zunehmen. Im April konstatiert Eurostat, dass die Zahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, einschließlich Vergewaltigung, im Jahr 2023 im Vergleich zu 2013 um 79,2 Prozent gestiegen war.
Vergewaltigungsdelikte als Teil der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung haben sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt, was einem Anstieg von 141 Prozent entspricht.
Eurostat stellt fest, dass die höhere Zahl der polizeilich registrierten Straftaten von sexueller Gewalt eng mit der Sensibilisierung der Gesellschaft zusammenhängt. Dadurch werden möglicherweise die Melderaten erhöht.
Ein separater Eurostat-Datensatz, der 2024 veröffentlicht wurde, ergab, dass etwa eine von drei Frauen in der EU nach ihrer Volljährigkeit körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren hat.
Aus demselben Bericht geht hervor, dass 13 Prozent der Frauen angaben, Vergewaltigung oder andere erniedrigende oder demütigende sexuelle Handlungen erlebt zu haben.