In einem Exklusivinterview mit Euronews in Neu-Delhi begrüßt der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, den Handelspakt zwischen der EU und Indien als eine große wirtschaftliche Chance und einen strategischen Sieg in einer "unsicheren Welt".
Das Handelsabkommen zwischen der EU und Indien, das am Dienstag in Neu-Delhi geschlossen wurde, ist eine "Botschaft an die internationale Gemeinschaft", dass "verlässliche Partner sich für das Gute in der Welt einsetzen können". Das sagte der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, in der Morgensendung von Euronews, Europe Today.
"Das Handelsabkommen ist aus wirtschaftlicher Sicht von großem Wert. Aber vielleicht noch wichtiger ist die Botschaft, die die beiden größten Demokratien der Welt an die internationale Gemeinschaft senden", erklärte Costa im Gespräch mit der Euronews-EU-Redakteurin, Maria Tadeo.
"Es ist wichtig und unerlässlich, Vorhersehbarkeit zu schaffen, um sich für Kooperation statt Konfrontation zu engagieren, und dass verlässliche Partner für das Gute in der Welt arbeiten können."
Das wegweisende Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, das im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in Neu-Delhi unterzeichnet wurde, sieht eine Senkung der Zölle auf eine breite Palette von EU-Waren vor - von Wein bis hin zu Autos - und erspart den Unternehmen in der EU schätzungsweise 4 Milliarden Euro pro Jahr an Zöllen.
Auch für indische Unternehmen wird es Zollerleichterungen geben, insbesondere bei Dienstleistungen und Arzneimitteln. Indien, die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt, war wie fast alle Staaten der Welt von Strafzöllen der USA betroffen. Zudem hatte US-Präsident Donald Trump im August vergangenen Jahres Indien mit einer zusätzlichen Abgabe von 25 % für den Kauf von russischem Rohöl belegt.
Das Abkommen folgt auf die Unterzeichnung eines weiteren wichtigen EU-Handelsabkommens mit dem lateinamerikanischen Mercosur-Block, mit dem sich Brüssel gegen eskalierende globale Spannungen und die protektionistische Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump absichern will.
Abkommen bietet "Vorhersehbarkeit in unsicherer Welt"
Auf die Frage, ob Trumps jüngste Drohungen mit einem totalen Handelskrieg wegen Grönland der endgültige Auslöser für den Abschluss des Abkommens mit Indien gewesen seien, sagte Costa: "Wir haben diese Verhandlungen schon vor vielen Jahren begonnen, aber wenn man in einer unberechenbaren Welt lebt, muss man den Unternehmen Berechenbarkeit bieten (...) und den Bürgern Hoffnung und Sicherheit."
Costa erklärte, "in dieser sehr unsicheren Welt" zeige das Abkommen, dass es möglich sei, "Berechenbarkeit zu schaffen", wenn "zuverlässige Partner sich über Handel, Sicherheit, Verteidigung und zwischenmenschliche Kontakte einigen".
"Wir leben nicht in einer Welt der Blöcke, sondern in einer multipolaren Welt", so Costa weiter. Die EU müsse das multilaterale System durch die Einhaltung des Völkerrechts und die bilaterale Zusammenarbeit mit den Partnern in der Welt "untermauern".
Während der Zeremonie am Dienstag sagte Ratspräsident António Costa, das Abkommen habe für ihn eine tiefe persönliche Symbolik habe, denn er habe seine eigene indische Staatsbürgerschaftsurkunde wiedergefunden. Die Familie von Costas Vater, einem portugiesischen Schriftsteller, stammt aus dem indischen Bundesstaat Goa.
Das EU-Indien-Abkommen wird nun juristisch überarbeitet und in alle EU-Amtssprachen übersetzt.
Die Europäische Kommission wird es dann dem Rat und dem Europäischen Parlament vorlegen. Parallel dazu muss Indien das Abkommen ratifizieren.
Nach der Ratifizierung durch beide Seiten wird das Abkommen in Kraft treten, wobei die Zollsenkungen und regulatorischen Bestimmungen schrittweise über einen Zeitraum von bis zu 10 Jahren eingeführt werden.