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Euroviews. Grönland und die Ukraine zeigen: Europa muss strategisch erwachsen werden

Donald Trump während eines Treffens mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte in Davos, Schweiz, 21.01.2026
Donald Trump während eines Treffens mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte in Davos, Schweiz, 21.01.2026 Copyright  AP Photo/Evan Vucci
Copyright AP Photo/Evan Vucci
Von Dr. Hans-Dieter Lucas, ehemaliger Ständiger Vertreter Deutschlands bei der NATO sowie früherer deutscher Botschafter in Frankreich, Monaco, Italien und San Marino
Zuerst veröffentlicht am
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Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.

Die jüngsten Risse im transatlantischen Verhältnis zeigen, dass Europas Sicherheit nicht länger auf der Annahme amerikanischer Verlässlichkeit beruhen darf, schreibt Dr. Hans-Dieter Lucas, ehemaliger Botschafter bei der NATO, in einem Gastbeitrag für Euronews.

Es bedurfte nicht Trumps Griff nach Grönland um zu verstehen, dass auch das transatlantische Verhältnis im Zeichen einer Zeitenwende steht.

Schon die Rede von JD Vance auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2025 setzte den Ton für eine neue amerikanische Europapolitik. Sie versteht Europa mitunter mehr als Gegner denn als Verbündeten mit gemeinsamen Werten und Interessen.

Die rabiate, der Logik des Nullsumenspiels folgende Zollpolitik gegen die EU, verschärft durch die implizite Verknüpfung handelspolitischer Forderungen mit der amerikanischen Sicherheitsgarantie, war Ausdruck dieser Haltung.

Gleiches galt für den sogenannten amerikanisch-russischen 28-Punkte-Friedensplan für die Ukraine. Er enthielt auch Vereinbarungen zu Lasten der Sicherheit der Europäer.

Schließlich veranschaulicht auch die neue US-Sicherheitsstrategie mit ihrem Fokus auf die westliche Hemisphäre, ihrer Sicht Europas als einem vor zivilisatorischer Auslöschung stehenden Kontinent, wo die Trump-Administration die langfristigen Interessen Amerikas sieht.

Bezeichnenderweise wird darin die NATO als Verteidigungsallianz kaum erwähnt: Russland und China erscheinen kaum mehr als sicherheitspolitische Gefahren für die USA oder Europa.

Tiefe Risse im transatlantischen Verhältnis

Wie tief die Risse im transatlantischen Verhältnis derzeit gehen, markierte nun das präzedenzlose Ansinnen von Präsident Trump, sich Grönland gegen den Willen Dänemarks und aller europäischen Verbündeten einzuverleiben.

Dass dabei zunächst auch ein militärischer Einsatz nicht ausgeschlossen und mit zollpolitischer Erpressung gearbeitet wurde, zeigt, wie man zu Geist und Buchstaben des Nordatlantik-Vertrages steht. Dieser verpflichtet alle Alliierten auf die Einhaltung internationalen Rechts, also auch zur Achtung der territorialen Integrität.

Auch wenn sich nun ein Kompromiss andeutet, der mit umfassenden Stationierungsrechten der USA bei Wahrung dänischer Souveränität vermutlich im Interesse des Bündnisses läge, so ist das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit der USA, ja in die grundsätzliche Ausrichtung der amerikanischen Bündnis- und Europapolitik schwer erschüttert.

Dieses Vertrauen war von jeher der Kitt der NATO, ihr Gravitationszentrum – und Grundlage auch einer funktionierenden Abschreckung.

Die Grönland-Krise der Allianz dürfte Putin in seiner Strategie bestätigen darauf zu setzen, dass sich die NATO aufgrund ihrer inneren Widersprüche am Ende selbst zerlegt. Er könnte sich auch ermutigt fühlen, die Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit der Allianz zu testen.

Doppelte Herausforderung für Europa

Europa steht damit in diesem Jahr vor einer doppelten Herausforderung. Es muss einerseits weiter die Ukraine unterstützten und sich der imperialistischen Politik Russlands entgegenstellen – was ohne substanzielle Unterstützung der USA extrem schwierig ist. Zugleich geht es um den Zusammenhalt und die Handlungsfähigkeit der NATO als dem Fundament europäischer Sicherheit.

Dabei werden die Debatten im Bündnis in den kommenden Monaten um drei Fragen kreisen: den Fortgang der Bemühungen um die Beendigung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine, mögliche Entscheidungen zum künftigen Umfang der militärischen Präsenz der USA in Europa und schließlich die weitere Behandlung der "Grönland-Frage".

Der für den Sommer geplante Gipfel der NATO in der Türkei wird von diesen Fragen bestimmt sein.

Mit Blick auf Grönland hat sich gezeigt, dass sich die Geschlossenheit der Europäer und ihre Bereitschaft, sich mit einer Mischung aus Diplomatie und Druck – der Androhung von Gegenzöllen - zur Wehr zu setzen, ausgezahlt hat. Dabei können die Europäer auch weiterhin darauf setzen, dass eine große Mehrheit des amerikanischen Kongresses zur NATO steht und die Grönland-Forderungen Trumps auf viel Widerspruch stoßen.

Dies gilt für viele Republikaner, nicht zuletzt auch für die amerikanische Öffentlichkeit.

Dennoch: selbst wenn die Grönland-Frage bis auf Weiteres entschärft sein sollte – der Schaden für die Glaubwürdigkeit der Allianz ist groß. Die Gefahr ihrer inneren Aushöhlung durch die Politik des amerikanischen Präsidenten ist keineswegs gebannt. Auch künftig wird mit unliebsamen Überraschungen aus Washington zu rechnen sein.

Auch künftig wird mit unliebsamen Überraschungen aus Washington zu rechnen sein
Dr. Hans-Dieter Lucas

Dies erscheint umso bedenklicher, als Europa unverändert ein vitales Interesse daran hat, dass die NATO mit der Rolle der USA als Mitgarant europäischer Sicherheit erhalten bleibt. Das gilt insbesondere für die absehbar nicht zu ersetzende erweiterte nuklearen Abschreckung. Diese zu erhalten, sollte auch weiterhin die Maxime europäischer Politik sein.

Dennoch: Europa muss die Pendelausschwünge der amerikanischen Politik und die schon seit langem erkennbaren Tendenzen zu einem schrittweisen Disengagement der USA aus Europa zu Gunsten Asiens Ernst nehmen.

Es ist damit zu rechnen, dass auch die schon seit längerem erwartete US-Verteidigungsstrategie diese Tendenz widerspiegeln wird. Mehr Tempo ist deshalb dringlich bei der Umsetzung der Ziele für die Stärkung europäischer Verteidigungsfähigkeiten zu Land, Luft, See, im Cyber- und im Weltraum.

Angesichts der mäandernden Einlassungen des amerikanischen Präsidenten zur amerikanischen Nukleargarantie muss nun auch die Frage bedacht werden, wie die französischen und britischen Nukleararsenale längerfristig einen größeren Beitrag zur nuklearen Abschreckung leisten können. Es sind dies ebenso komplizierte wie sensitive Fragen - aber die Vereinbarung zwischen Paris und London für eine verstärkte nukleare Zusammenarbeit wie auch der deutsch-französische Dialog zu Nuklearfragen markieren erste Schritte nach vorn.

Schließlich: mit Blick auf die mögliche Beendigung des Krieges gilt es, eine amerikanisch-russische Einigung zu Lasten der Ukraine und Europas zu verhindern.

Trump am 15. August 2025 mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der Joint Base Elmendorf-Richardson in Alaska.
Trump am 15. August 2025 mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der Joint Base Elmendorf-Richardson in Alaska. AP Photo/Julia Demaree Nikhinson, File

Deshalb müssen die Europäer sich weiter proaktiv in diese Gespräche einbringen, um ihre und die ukrainischen Interessen zu wahren. Dabei geht es nicht nur um die Frage, zu welchen Bedingungen der Krieg endet; es geht gleichzeitig um die Grundlagen künftiger europäischer Sicherheit.

Das verlangt ein gemeinsames Verständnis der "roten Linien" mit Blick auf die Beendigung des Konflikts, der europäischen und amerikanischen Rolle für die Sicherung eines Friedens oder Waffenstillstandes. Zugleich sollten sich die Europäer schon jetzt über die Grundlinien einer künftigen Sicherheitsordnung für Europa im Klaren werden.

Europa steht inmitten des größten Umbruchs seit dem Ende des Kalten Krieges

Anders als 1989/90 steht dieser Umbruch nicht im Zeichen der Hoffnung auf Frieden und Stabilität, sondern ist geprägt von der Wiederkehr kalter Machtpolitik.

Dennoch: Europäischer Defätismus ist fehl am Platze. Es ist nicht so, als hätten die Europäer keine "Karten".

Je geschlossener Europa auftritt und handelt und seine Stärkung zur Geltung bring, umso größer die Chance, dass seine Sicherheit und seine Zukunft nicht über seinen Kopf verhandelt und entschieden werden.

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