Europa eignet sich hervorragend für eine fundierte Ausbildung im Bereich KI. Doch KI-Fachleute wandern oftmals ins Ausland ab. Grund dafür sind höhere Löhne und größere KI-Modelle. Warum Europa seine KI-Fachleute nicht halten kann
Europa bringt hervorragende KI-Talente hervor, aber es gibt ein Problem: Sie bleiben nicht in der EU. Viele der besten Forscher, Ingenieure und Gründer wandern in andere Länder ab. Die meisten gehen in die USA, das Vereinigte Königreich oder die Golfstaaten, denn dort locken bessere Chancen.
Diese Dynamik schafft ein vertrautes europäisches Paradoxon. Trotz starker Universitäten, erstklassiger Forschung und hochqualifizierter Arbeitskräfte tut sich Europa schwer damit, diese Stärken in globale KI-Champions zu verwandeln.
Jüngste Daten zeigen, wie groß die Herausforderung ist. Eine Bestandsaufnahme der weltweiten KI-Fachleute ergab, dass Europa pro Kopf etwa 30 Prozent mehr KI-Talente hat als die USA und fast dreimal so viele wie China. Dennoch gibt es in Europa eine beträchtliche Nettoabwanderung von gut ausgebildeten KI-Fachkräften und -Führungskräften.
In einem Bericht der Forschungsorganisation Interface aus dem Jahr 2024 heißt es, dass die europäischen Länder "erhebliche nationale und internationale KI-Talente an die Vereinigten Staaten verlieren". Deutschland schickt eine große Zahl von KI-Fachleuten ins Ausland, vor allem in die USA und das Vereinigte Königreich. Auch Frankreich verliert mehr KI-Fachleute als es hinzugewinnt. Die Schweiz und Deutschland ziehen einige regionale Talente an, müssen aber auch Abwanderungen in die USA und das Vereinigte Königreich hinnehmen.
Die Daten von Atomico zum Stand der europäischen Technologie im Jahr 2025 zeichnen ein ähnliches Bild: Europa verliert weiterhin mehr Tech-Talente an Länder wie die USA, Kanada und Australien, als es gewinnt. Die Nettozuwanderung von Talenten nach Europa ist stark zurückgegangen, von rund 52.000 im Jahr 2022 auf nur 26.000 im Jahr 2024.
KI-Fachkräfte: Hochqualifiziert und hochmobil
Der Verlust ist besonders kostspielig, wenn man bedenkt, wer abwandert. Die europäischen KI-Fachkräfte sind hochqualifiziert und stark internationalisiert. Im Durchschnitt haben 57 Prozent der KI-Fachkräfte in Europa ihr Studium außerhalb Europas abgeschlossen, während es in den USA nur 38 Prozent sind.
In Irland beispielsweise haben etwa 28 Prozent der KI-Fachkräfte einen indischen Hochschulabschluss, im Vereinigten Königreich sind es etwa 14 Prozent. Viele dieser international mobilen Fachkräfte ziehen schließlich wieder um - häufig in die USA.
Die Vergütung ist der offensichtlichste Grund für die Abwanderung von KI-Fachkräften. Die Gehälter und Aktienpakete, die von US-Tech-Giganten, Hyperscalern und führenden KI-Labors angeboten werden, sind für europäische Unternehmen nur schwer zu erreichen.
Für vergleichbare Positionen liegen die Gehälter für KI-Ingenieure in den USA in der Regel 30 bis 70 Prozent höher als in den meisten europäischen Ländern. KI-Ingenieure auf mittlerer bis höherer Ebene verdienen in den USA oft ein Grundgehalt von 140.000 bis 210.000 US-Dollar, wobei die Gesamtvergütung aufgrund von Boni und Aktien deutlich höher ist. In West- und Nordeuropa verdienen leitende KI-Ingenieure in der Regel 90.000 bis 150.000 Dollar, während die Gehälter in Süd- und Osteuropa oft deutlich unter 100.000 Dollar liegen.
Auch das Eigenkapital ist entscheidend. Aktienoptionen und Aufstiegsmöglichkeiten für frühe Mitarbeiter sind in weiten Teilen Europas selten und weniger großzügig, selbst bei Scale-ups. Für Senior-Ingenieure und Gründer, die eine langfristige Perspektive suchen, erscheint ein Verbleib in Europa oft unhaltbar.
Wachstumkapital lockt ins Ausland
Abgesehen von der Vergütung sind viele KI-Forscher dadurch motiviert, wo sie die Grenzen sehen. In den USA konzentriert sich ein großer Teil der weltweit führenden KI-Labors, der riesigen Rechencluster und der Pioniermodellprojekte. Für Forscher, die an den größten Modellen, den umfangreichsten Datensätzen und den ressourcenintensivsten Experimenten arbeiten wollen, scheint eine Verlagerung unvermeidlich.
Die Forschungslandschaft in Europa ist nach wie vor eher fragmentiert. Der Kontinent beherbergt zwar hervorragende Universitäten und öffentliche Forschungsinstitute, aber nur wenige Einrichtungen vereinen Spitzenforschung, Großrechnertechnik und aggressive Kommerzialisierung unter einem Dach. Es gibt zwar Horizon Europe und nationale Förderprogramme, aber die Finanzierung und der Zugang zur Datenverarbeitung bleiben oft hinter dem zurück, was in führenden US-Labors verfügbar ist.
Für Gründer stellt sich das Problem oft erst in der nächsten Phase: dem Wachstum. Deep-Tech- und KI-Startups in Europa haben in der Regel kleinere und vorsichtigere Finanzierungsrunden in der Spätphase zu bewältigen als ihre US-Kollegen. Finanzierungsrunden der Serie B und später sind schwieriger zu beschaffen, werden langsamer abgeschlossen und sind mit strengeren Bedingungen verbunden.
Dies veranlasst einige Gründer dazu, ihren Hauptsitz oder ihre leitenden Teams in die USA zu verlegen, wo mehr Wachstumskapital zur Verfügung steht, die Entscheidungsfindung schneller erfolgt und das Ökosystem als toleranter gegenüber Misserfolgen gilt.
Regeln, Risiken und Fragmentierung
Zusätzlich zu den finanziellen und operativen Herausforderungen ist der europäische Regulierungsansatz in Bezug auf KI eine weitere Ebene der Komplexität. Die EU hat sich als weltweit führend in Sachen "vertrauenswürdige" und rechtebasierte KI positioniert, was im KI-Gesetz gipfelte. Für einige Unternehmen ist dies ein Wettbewerbsvorteil. Für andere ist es eine Quelle der Unsicherheit.
Unternehmer nennen immer wieder die Kosten für die Einhaltung von Vorschriften, ungewisse Umsetzungsfristen und eine schleppende öffentliche Auftragsvergabe als große Innovationshindernisse.
Die Fragmentierung zwischen den Mitgliedstaaten in Bezug auf Steuern, Arbeitsrecht und Förderprogramme macht die Skalierung eines einzelnen KI-Unternehmens in der EU weitaus komplexer als die Skalierung innerhalb des einheitlichen US-Marktes.
Mobilität und Magneten innerhalb Europas
Talente bewegen sich auch innerhalb Europas. So werden im Jahr 2023 etwa 18 Prozent der innereuropäischen KI-Fachkräfte in die Schweiz und mehrere kleinere Länder abwandern, vor allem aus Frankreich, Deutschland und Italien, und zwar aufgrund der hohen Gehälter, der renommierten Universitäten und der geografischen Nähe.
Auf die Niederlande und das Vereinigte Königreich entfielen in der Vergangenheit etwa 23 Prozent dieser Abwanderungen. Das deutet auf einen Trend zum Austausch von Fachkräften hin, der sowohl durch erhebliche Zuwanderung als auch durch eine hohe Gesamtmobilität gekennzeichnet ist.
Selbst diese Zentren verlieren immer wieder erfahrene Fachkräfte an die USA, auch wenn sie einen erheblichen Zustrom von KI-Spezialisten anziehen. Deutschland ist ein deutliches Beispiel: Es sieht sich mit einer anhaltenden Abwanderung von Führungskräften in die USA, das Vereinigte Königreich und die Schweiz konfrontiert.
Versuch, das Blatt zu wenden
Die EU-Institutionen sind sich des Problems zunehmend bewusst. Die Mitgliedstaaten haben sich auf eine Empfehlung des Rates geeinigt, um einen europäischen Rahmen für die Anwerbung und Bindung von Talenten in den Bereichen Forschung, Innovation und Unternehmertum zu schaffen. Dieser stimmt mit dem Ziel eines "ausgewogenen Talentkreislaufs" des Europäischen Forschungsraums überein.
Die Europäische Kommission hat außerdem eine Reihe gezielter Initiativen auf den Weg gebracht, darunter einen Talentpool für Nicht-EU-Beschäftigte, legale Gateway-Büros, Talentpartnerschaften und das Programm "Choose Europe" der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen. Damit soll die Einstellung internationaler Spitzenforscher im Bereich der künstlichen Intelligenz kofinanziert und Stipendien mit langfristigen Karriereaussichten verbunden werden.