Estland gründet Firmen innerhalb weniger Minuten, komplett digital und fast ohne Behördenkontakt. Der Erfolg macht das Land zum Vorbild, aber auch zum Stachel für Brüssel: Wenn es dort so einfach geht, warum scheitert die EU noch immer am wirklich grenzfreien Gründen?
In Tallinn lässt sich ein Unternehmen in wenigen Minuten gründen. Anmeldung, Steuern und sogar viele Vertragsprozesse laufen komplett online – oft ohne einen einzigen Behördengang. Der Staat hält sich Im Interesse der Gründer bewusst zurück und setzt auf digitale Abläufe statt auf Papier und Schalter.
Diese Effizienz hat Estland mit seinen rund 1,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern zu einem der unternehmensfreundlichsten Länder der EU gemacht. Gleichzeitig stellt sie Brüssel vor eine unangenehme Frage: Wenn ein kleines Land Wirtschaft so reibungslos organisiert, warum tut sich die EU noch immer schwer, ihren Binnenmarkt wirklich wie einen einheitlichen Raum funktionieren zu lassen? Und warum kommt der EU-INC-Plan – ein Vorhaben, das Unternehmensgründungen und Geschäftstätigkeit EU-weit vereinfachen soll – nur langsam voran?
Kleines Ökosystem, große Wirkung
Die estnische Start-up-Szene ist viel größer, als es die Landesgröße erwarten lässt. Mehr als 1.500 Start-ups sind aktiv. Ihr gemeinsamer Unternehmenswert lag 2023 bei rund 36,3 Milliarden Euro. Damit gehört Estland in Mittel- und Osteuropa zur Spitzengruppe.
Auch wirtschaftlich wächst der Sektor spürbar: Im ersten Quartal 2025 erzielten Start-ups einen Umsatz von über 400 Millionen Euro und zahlten 63 Millionen Euro an Beschäftigungssteuern. Beschäftigt waren knapp 19.700 Menschen. Trotz der geringen Bevölkerung landet Estland in internationalen Rankings zu Start-ups und Innovation regelmäßig weit oben.
Für viele Gründerinnen und Gründer zählen dabei vor allem Tempo und Verlässlichkeit. Genau das fehlt in anderen Teilen der EU oft, etwa wegen komplizierter Verfahren oder uneinheitlicher Regeln.
Der Digitalstaat kam nicht über Nacht
Estlands digitale Transformation ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. So sieht es auch Rainer Kattel, Professor am Institute for Innovation and Public Purpose des University College London. Der Weg, sagt er, begann schon vor der Unabhängigkeit.
"Wenn man ins Jahr 1990 zurückgeht, ist es keine Überraschung, dass Estland ein digitales Land geworden ist", sagte Kattel Euronews. Er verweist auf eine starke Forschungsbasis aus Sowjetzeiten in Cyber- und Digitaltechnologien. Hinzu kam die Nähe zu Finnland und Schweden – und damit zu den frühen Mobilfunk- und Technologiewellen rund um GSM und Nokia.
Entscheidend war außerdem die Politik. In den frühen 1990er-Jahren führte eine junge Generation das Land. Sie wusste: Estland kann nicht gleichzeitig in vielen Industrien Weltspitze werden. Also suchte man ein Feld, in dem Aufholen schnell möglich ist.
"Sie suchten nach einem Feld, in dem sie schnell aufholen konnten", so Kattel. "Der Fokus auf digitale Technologien statt auf Autos oder Schwerindustrie war fast schon der natürliche Entwicklungspfad."
Digitale ID, "Once-only" und X-Road
Heute sind in Estland fast alle öffentlichen Dienstleistungen online verfügbar. Grundlage ist eine nationale digitale ID. Das ist eine staatlich anerkannte Online-Identität, mit der man sich sicher ausweisen und digital unterschreiben kann.
Dazu kommt das "Once-only"-Prinzip: Bürgerinnen und Bürger sollen Daten dem Staat nur einmal geben. Wenn eine Behörde die Information schon hat, darf eine andere sie nicht erneut abfragen.
Technisches Herzstück ist X-Road. Das ist keine zentrale Mega-Datenbank. Stattdessen ist es eine Art sicherer Daten-Korridor: Behörden und Institutionen können Informationen austauschen, bleiben aber jeweils für ihre eigenen Daten verantwortlich. So werden Daten geteilt, ohne alles an einem Ort zu sammeln.
E-Residency: Digitale Staatsbürgerschaft für Unternehmen
International besonders bekannt ist Estlands Programm E-Residency. Es gibt seit 2014. Nichtansässige können dabei eine digitale ID erhalten und so ein estnisches Unternehmen online führen – auch wenn sie nicht in Estland leben.
Bis 2023 gründeten E-Residents rund 4.600 Unternehmen. Das waren etwa 20 Prozent aller neu registrierten Firmen in diesem Jahr. Bei Start-ups lag der Anteil sogar bei rund 38 Prozent. Für den Staat rechnet sich das Programm: Es bringt jährlich etwa 67,4 Millionen Euro durch Steuern und Gebühren ein – ungefähr das Zehnfache der öffentlichen Investitionen.
Für Selbstständige und Gründerinnen und Gründer aus Nicht-EU-Ländern ist das besonders attraktiv. Sie bekommen über Estland Zugang zum EU-Binnenmarkt, ohne umziehen zu müssen.
Steuern und Bürokratie: Wachstum statt Abschöpfung
Estland setzt außerdem auf ein spezielles Körperschaftsteuersystem. Unternehmen zahlen keine Steuer auf Gewinne, die im Betrieb bleiben und reinvestiert werden. Steuern fallen erst an, wenn Gewinne ausgeschüttet werden, also zum Beispiel als Dividende. Das hilft vor allem Start-ups, die anfangs oft alles ins Wachstum stecken.
Digitale Werkzeuge reduzieren den Aufwand zusätzlich. Ein Beispiel ist das Online-Finanzamt e-Tax Board, über das Steuerfragen weitgehend digital abgewickelt werden. So wirkt Estland attraktiv – ohne klassische "Steueroasen"-Logik.
Zwei Erfolgsgeschichten – nicht eine
Trotz des Marketings warnt Kattel davor, Digitalstaat und Start-up-Boom als eine einzige Story zu erzählen.
"Es sind zwei sehr unterschiedliche Erfolgsgeschichten", sagt er. Die eine betrifft digitale Verwaltung, Identität und sichere Infrastruktur. Die andere sei das Start-up-Umfeld – und das habe "fast nichts" mit der staatlichen Infrastruktur zu tun.
Nach seiner Einschätzung trieben vor allem frühe private Erfolge den Boom. Das wichtigste Beispiel: Skype. Der Verkauf des Unternehmens Anfang der 2000er brachte Kapital, Know-how und internationale Kontakte nach Estland. Viele spätere Gründerinnen und Gründer kamen aus diesem Umfeld – deshalb spricht man dort manchmal von der "Skype-Mafia", also einem Netzwerk ehemaliger Skype-Leute.
"Wenn man sich die ersten zwei oder drei Generationen estnischer Start-ups ansieht, führen fast alle irgendwie zu Skype zurück", sagt Kattel.
Er betont außerdem: Die großen estnischen Tech-Firmen sind für ihr Kerngeschäft nicht auf staatliche Datensysteme angewiesen. "Keines von ihnen nutzt Gesundheitsdaten oder zentrale Staatsdatenbanken", sagt er. Digitalstaat und Start-up-Welt seien infrastrukturell weitgehend getrennt.
Kann die EU Estland kopieren?
Das estnische Modell beeinflusst EU-Politik schon heute. Der seit 2024 geltende Interoperable Europe Act sowie das European Interoperability Framework sollen Datenaustausch, digitale Identitäten und grenzüberschreitende Zusammenarbeit fördern. X-Road ist Open Source, also frei verfügbar. Es läuft bereits landesweit in Finnland und Island, und auch in Deutschland gibt es Pilotprojekte.
Technisch lässt sich vieles nachbauen. Politisch ist es deutlich schwieriger.
Estland profitierte von wenigen alten IT-Systemen, einem relativ zentralisierten Staat und hohem Vertrauen in Behörden. "In kleinen nordischen und baltischen Ländern gibt es die Haltung: 'Das kriegen wir hin'", sagt Kattel. In vielen größeren EU-Staaten ist das Vertrauen niedriger.
In vielfältigeren Gesellschaften werden zentrale digitale Identitätssysteme zudem kritischer gesehen. Kattel hält diese Skepsis für berechtigt. "Aus sehr guten Gründen zögern viele EU-Länder, Identität an einer Stelle zu bündeln und dem Staat anzuvertrauen", sagt er. Im Kern geht es um Datenschutz und die Angst vor politischem Missbrauch.
Grenzen des Binnenmarkts und der EU-INC-Idee
Estlands Erfolg zeigt auch, wo die EU hakt. Trotz Jahrzehnten der Integration kämpfen Unternehmen weiterhin mit 27 unterschiedlichen Unternehmensrechten, uneinheitlichen digitalen Angeboten und nationalen Vergabesystemen.
"Man kann noch immer nicht einfach einmal ein Unternehmen gründen und dann überall geschäftlich tätig sein, so wie in den USA", sagt Kattel. Selbst bei Alltagsdiensten gibt es Brüche: Wer etwa als Italienerin oder Italiener in Belgien zum Arzt geht, kann oft nicht nahtlos identifiziert werden – und wichtige Informationen sind nicht automatisch verfügbar.
Für Kattel liegt das Problem nicht nur in Regulierung. Er sieht auch eine Schwäche auf der Nachfrageseite: "Wir konzentrieren uns darauf, Regeln zu liefern", sagt er, "aber wir schaffen keine EU-weite Nachfrage nach Diensten, Technologien oder gemeinsamer Beschaffung." Gemeint ist: Die EU setzt Standards, kauft und nutzt aber zu wenig gemeinsam, um echte Größe und Tempo zu erzeugen.
Estland zeigt, was ein durchdachtes digitales System in einem einzelnen Staat leisten kann. Die EU ist davon noch weit entfernt. Es fehlt nicht an Vorbildern oder Technik, sondern an politischen Entscheidungen, die über technische Details hinausgehen.