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Indische Raffinerien fahren russisches Öl zurück: Risiko für beide Seiten?

ARCHIV: US-Präsident Donald Trump schüttelt dem indischen Premierminister Narendra Modi im Oval Office des Weißen Hauses die Hand, Washington, 13. Februar 2025.
Archiv: US-Präsident Donald Trump schüttelt im Oval Office des Weißen Hauses in Washington dem indischen Premierminister Narendra Modi am 13. Februar 2025 die Hand. Copyright  AP Photo
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Von Euronews
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Ein kompletter Verzicht auf russisches Öl? Politisch klingt das verlockend, doch technische Hürden, Kosten und Sorgen um die strategische Autonomie bremsen die Umsetzung.

Indische Raffinerieunternehmen meiden derzeit Käufe von russischem Erdöl mit Lieferung im April. Nach Angaben von Informanten aus der Ölbranche und dem Handel gegenüber Reuters wollen sie solche Geschäfte auf längere Sicht vermeiden.

Beobachter werten dies als Versuch, Neu-Delhi den Abschluss eines Handelsabkommens mit Washington zu erleichtern. Am Freitag einigten sich die USA und Indien grundsätzlich auf einen Rahmenvertrag, der bis März unterzeichnet werden soll und niedrigere Zölle sowie eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit vorsieht.

Wie Händler und Vertreter von Raffinerien Reuters erläuterten, nehmen Indian Oil, Bharat Petroleum und Reliance Industries derzeit keine Angebote mehr an, russisches Öl mit Verladung im März und April zu kaufen. Lieferungen für März haben sie allerdings bereits fest eingeplant. Die meisten anderen Raffinerien in Indien haben ihre Einkäufe von russischem Öl ebenfalls eingestellt.

Die drei Unternehmen ebenso wie das zuständige indische Fachministerium ließen Anfragen der Agentur unbeantwortet. Bekannt ist nur, dass der Handelsminister am Samstag Fragen zur russischen Ölpolitik an das Außenministerium weiterleitete. Dessen Sprecher erklärte dazu: „Die Diversifizierung unserer Energiequellen im Einklang mit objektiven Marktbedingungen und einer sich wandelnden internationalen Dynamik bildet das Kernstück unserer Strategie“ zur Sicherung der Energieversorgung.

Trump streicht zusätzliche Zölle auf indische Waren

Am Samstag unterzeichnete der US-Präsident ein Dekret, das die zusätzlichen Zölle von 25% auf Waren aus Indien aufhebt. Die Strafabgaben waren eingeführt worden, weil Indien weiterhin russisches Öl einkaufte. Stellt das US-Handelsministerium fest, dass Indien den direkten oder indirekten Import von Öl aus Russland wieder aufnimmt, können die Zölle laut Text des Dekrets erneut in Kraft treten.

Trump hatte die Zusatzabgaben wegen der russischen Ölimporte im August 2025 verhängt. Bereits im Oktober erklärte er, Indiens Premierminister Narendra Modi habe zugesagt, diese Käufe zu beenden – tatsächlich liefen sie jedoch weiter.

Seit dem Beginn des groß angelegten russischen Angriffs auf die Ukraine entwickelte sich Indien zu einem der zwei größten Abnehmer russischer Ölimporte und holte beim Volumen nahezu zu China auf. Beobachter verweisen darauf, dass Trump gegen Peking wegen der Käufe von russischem Öl keine vergleichbaren Strafzölle verhängte.

Am 7. Februar trat zudem ein Handelsabkommen in Kraft, in dem Neu-Delhi zusagt, innerhalb von fünf Jahren US-Güter im Wert von insgesamt 500 Milliarden Dollar zu beziehen – darunter Erdöl, Erdgas, Kohle, Edelmetalle, Flugzeuge und Hightech-Produkte.

Im Rahmen dieser Vereinbarung wurden die bislang geltenden Grundzölle für Indien, die unabhängig vom Bezug russischen Öls erhoben wurden, von 25% auf 18% gesenkt. Damit liegt der neue Gesamtsatz für indische Waren auf dem US-Markt nicht mehr bei 50%, sondern bei 18%.

Ausnahme von der Regel

Eine der wenigen indischen Raffinerien, die russisches Öl weiterhin regelmäßig einkauft, ist die von Russland unterstützte private Raffineriegesellschaft Nayara. Sie verarbeitet ausschließlich russisches Rohöl in einer Anlage mit einer Kapazität von 400 000 Barrel pro Tag.

Nach Angaben mehrerer Quellen könnte Nayara möglicherweise weiterhin russisches Öl importieren. Hintergrund ist, dass andere Lieferanten von Rohöl Abstand von dem Unternehmen genommen haben, seit die Europäische Union im Juli Sanktionen gegen die Raffinerie verhängt hat.

Stand 9. Februar plant Nayara allerdings ebenfalls nicht, im April russisches Öl einzuführen, da die Raffinerie für einen Monat zur Wartung stillsteht, wie eine mit den Abläufen vertraute Person berichtete. Das Unternehmen wollte sich dazu nicht äußern.

Indische Raffinerien können ihre Pläne nur auf Empfehlung der Regierung ändern und wieder russisches Öl ordern, betonen die zitierten Quellen.

Bereits im vergangenen Monat sickerte durch, dass Indien seine Importe von russischem Öl bis März auf unter eine Million Barrel pro Tag senken will. Möglich ist demnach ein Rückgang auf 500 000 bis 600 000 Barrel täglich – nach einem Durchschnitt von 1,7 Millionen Barrel pro Tag im vergangenen Jahr. Zur Jahresmitte 2025 hatte der Import russischen Öls zeitweise sogar die Marke von zwei Millionen Barrel pro Tag überschritten. Der Verbrauch russischen Öls in Indien, dem drittgrößten Ölimporteur der Welt, fiel im Dezember laut Daten aus Handels- und Industriekreisen auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren.

In den vergangenen Monaten haben indische Raffinerien ihre Beschaffung zunehmend auf Anbieter im Nahen Osten, in Afrika und in Südamerika verlagert und kaufen dort immer größere Mengen Öl ein.

Reaktion des Kreml

Der Kreml erklärte am vergangenen Dienstag, man habe bislang nichts von einem indischen Ausstieg aus russischem Öl gehört. „Bislang haben wir aus Delhi dazu keine Erklärungen vernommen“, sagte der Sprecher des russischen Präsidenten am 3. Februar bei einem Briefing.

„Natürlich verfolgen wir die Aussagen von Präsident Trump sehr aufmerksam“, ergänzte Dmitri Peskow. „Doch nicht weniger Gewicht hat für uns die Weiterentwicklung unserer fortgeschrittenen strategischen Partnerschaft mit Indien. Die Beziehungen zwischen Russland und Indien sind für uns von zentraler Bedeutung. Wir wollen unsere bilateralen Beziehungen zu Delhi in jedem Bereich weiter ausbauen.“

Anfang August 2025 hatte Trump bereits ein Dekret über zusätzliche Zölle auf Waren aus Indien unterzeichnet. Zur Begründung führte er an, dass Indien trotz des Kriegs in der Ukraine weiterhin Öl aus Russland beziehe. Im Oktober desselben Jahres erklärte der US-Präsident, Premierminister Narendra Modi habe ihm zugesichert, kein Öl mehr aus Russland zu kaufen. In der Folge reduzierten indische Firmen ihre Bestellungen zeitweise oder setzten sie aus, nahmen die Importe später jedoch wieder auf.

Wirtschaftliche Folgen für Indien

Vor diesem Hintergrund halten indische Medien einen vollständigen Stopp der russischen Ölimporte für das Land derzeit für wenig sinnvoll. Die Zeitung The Indian Express schreibt, selbst eine deutliche Verringerung der Lieferungen aus Russland bei gleichzeitigem Ausbau der Importe aus den USA und Venezuela (worauf Präsident Trump angespielt hatte – Anm. d. Red.) sei ein Ziel, das sich leichter formulieren lasse, als es in der Praxis umzusetzen.

Es gibt technische und kommerzielle Hürden, aber auch Fragen zur strategischen Autonomie Indiens in der Energiepolitik, heben Unternehmensvertreter und Branchenexperten hervor. Analysten rechnen eher mit einem schrittweisen Rückgang der Importe als mit einem abrupten Lieferstopp.

Nach Berechnungen des Wirtschaftsmagazins Fortune India könnte Indien zwischen drei Komma zwei und sechs Komma vier Millionen Dollar pro Tag verlieren, falls es – wie von Donald Trump gefordert – keine russische Rohöl mehr kauft. Derzeit importiert Neu-Delhi täglich rund 1,6 bis 1,7 Millionen Barrel russischen Öls. Das entspricht etwa 30% der gesamten Rohölimporte des Landes.

ARCHIV: Tanks des russischen staatlichen Ölkonzerns OAO „Rosneft“ im Priobskoye-Ölfeld nahe Neftejugansk in Westsibirien, 5. April 2006.
ARCHIV: Tanks des russischen staatlichen Ölkonzerns OAO „Rosneft“ im Priobskoye-Ölfeld nahe Neftejugansk in Westsibirien, 5. April 2006. AP

Indian Oil, Bharat Petroleum Corporation (BPCL) und Hindustan Petroleum (HP) sowie private Raffinerien wie Reliance Industries beziehen ihr Rohöl über russische Zwischenhändler und nicht direkt von Produzenten wie Rosneft oder Lukoil. Da die Sorte Urals üblicherweise mit Abschlag gegenüber Brent, der weltweiten Referenzsorte, gehandelt wird, bildet dieser Preisnachlass den Kern des Kostenvorteils für Indien. In jüngerer Zeit brachte russisches Öl Einsparungen von zwei bis vier Dollar pro Barrel – vor dem Hintergrund westlicher Sanktionen seit Beginn des Kriegs in der Ukraine.

Das indische Außenministerium (MEA) teilte auf Medienanfragen am Donnerstag mit, der Schutz der Interessen der indischen Verbraucher in einer volatilen Energiemarkt-Lage habe für die Regierung weiterhin höchste Priorität. Ob Indien die Käufe von russischem Öl tatsächlich einstellen wird, ließ das Ministerium offen.

Indiens gesamte Raffineriekapazität liegt bei rund 5,4 Millionen Barrel pro Tag. Die heimische Förderung – angeführt von ONGC, Oil India, Reliance Industries und Cairn India – deckt nur etwa 13 bis 14% des Bedarfs. Rund 86% muss das Land über Importe abdecken.

Vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 lag der Anteil russischen Öls an den indischen Importen noch unter 1%. In den vergangenen drei Jahren stieg dieser Anteil auf 30 bis 35%.

Wertmäßig entfallen derzeit 30,01% der indischen Rohölimporte auf Russland. Es folgen die Vereinigten Arabischen Emirate (15,21%), der Irak (13,62%), Saudi-Arabien (11,40%) und Katar (7,12%). Auf die USA sowie andere Produzenten in Westasien und Afrika entfällt zusammen der verbleibende Anteil von 22,63%.

Analysten warnen, dass ein kompletter Ausstieg Indiens aus russischem Öl und eine Rückkehr zu traditionellen Lieferanten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und dem Irak die Weltmarktpreise treiben könnte. Grund wäre eine Neuverteilung der Lieferströme, steigende regionale Nachfrage und der anhaltende Sanktionsdruck auf russisches Öl. Steigende Preise würden Indiens Importrechnung erhöhen und einen großen Teil der Einsparungen aufzehren, die das Land bislang dank der russischen Rabatte erzielen konnte.

Unterm Strich steht Neu-Delhi damit vor einer geopolitischen Zwickmühle: Während Washington auf schärfere Sanktionen drängt, sind die wirtschaftlichen Einsätze für Indien hoch. Trumps Kurs könnte das Land jeden Tag mehrere Millionen Dollar kosten und seine ohnehin stark importabhängige Energieversorgung zusätzlich belasten.

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