Der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis sieht die EU am Scheideweg zwischen echter Föderalisierung oder Abschaffung des Euros.
Ursula von der Leyen produziere "Phrasen", die nur wie Lösungen aussähen, wirft der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis der EU-Kommissionspräsidentin vor und drängt, dass die Europäische Union sich endlich zu einer echten Föderation wandeln müsse - sonst ergäbe eine Gemeinschaftswährung oder Eurobonds gar keinen Sinn.
"Wir haben zwei Möglichkeiten - wir stehen an einer Weggabelung. Wir können uns in Richtung Föderation bewegen oder wir können den Euro abschaffen", erklärte Varoufakis an diesem Donnerstag in unserer Morgensendung Europe Today.
Der Wirtschaftswissenschaftler bemängelt, dass die politischen Führer der Europäischen Union sich für keine der beiden Optionen entschieden und in das "Vakuum dazwischen" fielen.
Varoufakis, der 2015 kurzzeitig Finanzminister war und sich damals in der Folge der griechischen Schuldenkrise mit den europäischen Partnern auseinandersetzen musste, macht für die Probleme Europas eine Währungsunion ohne klare, föderale Steuer- und Investitionsstrukturen verantwortlich und meint, der Kontinent leide deshalb seit zwei Jahrzehnten an Investitionsmangel.
"Wir haben föderales Geld, und das ist unsere Tragödie. Wir haben eine großartige Zentralbank, einen Monolithen von einer Zentralbank, und wir haben 20 Finanzministerien, die sich nicht wirklich auf sie verlassen können", kritisierte er in Europe Today.
Die Staats- und Regierungschefs der EU versäumten es auf spektakuläre Weise, über das Einzige zu sprechen, worüber sie in Bezug auf Eurobonds sprechen sollten - nämlich darüber, wer die Schuldverschreibungen herausgeben würde. Dafür sei eine echte föderale Institution nötig.
Eurobonds-Debatte intensiviert sich
Das Interview führte Euronews an dem Tag, an dem sich die Staats- und Regierungschefs der EU im belgischen Schloss Alden Biesen zu einem informellen Gipfeltreffen zum Thema Wettbewerbsfähigkeit versammelten.
Eurobonds stellen sich als eine wichtige Trennlinie heraus.
Der französische Präsident Emmanuel Macron forderte diese Woche "zukunftsorientierte Eurobonds" zur Finanzierung strategischer Projekte und erklärte, die globalen Märkte suchten nach Alternativen zum US-Dollar.
Demgegenüber stehen die Pläne, die der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und seine italienische Amtskollegin Giorgia Meloni als gemeinsames Papier ausarbeiteten, und die dem EU-Gipfel unter anderen in Sachen Deregulierung Anregungen geben sollen. Die Niederlande, die nordischen Länder und die baltischen Staaten sprechen sich wiederum gegen "Buy European"-Präferenzen aus, weil sie diese als Protektionismus betrachten.
Auch die ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi und Enrico Letta nehmen am Donnerstag an den Diskussionen teil, um ihre Ansichten über die europäische Wettbewerbsfähigkeit auszutauschen.
Ziel des informellen Gipfels ist es, Vorschläge für das formelle Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs Ende März zu erarbeiten.