Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, ist jetzt Realität: In einer Fabrik in Erlangen arbeiten erstmals humanoide Roboter. Euronews hat mit zwei wichtigen Akteuren der Branche gesprochen: Siemens und Agile Robots, dem Liebling von Kanzler Merz auf der Hannover Messe.
Sie sollen künftig Waren einsortieren, Strecken zurücklegen und mit äußerster Präzision Teile einsetzen. Laut Fachleuten könnten sie beispielsweise körperlich besonders schwere Arbeit übernehmen und fehlende Fachkräfte in der Fertigung ersetzen. Sind humanoide Roboter also die Zukunft der industriellen Fertigung?
Mehr als nur ein Unternehmen stellt auf der diesjährigen Hannover Messe humanoide Roboter vor. Diese Maschinen, ausgestattet mit Künstlicher Intelligenz, könnten die Industrie der Zukunft reformieren.
Euronews hat mit dem größten Aussteller und der Firma, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) besonders imponiert hat, gesprochen.
Siemens testet KI-Roboter für Zusammenarbeit mit Menschen
Sie können sehen, hören und tasten: Wenn Patrick Lunz, Pressesprecher von Siemens Digital Industries, über humanoide Roboter spricht, gesteht er ihnen sogar eine Art von "Gehirn" zu. Ein humanoider Roboter zeichne sich gerade dadurch aus, denn er sei "eine intelligente Maschine, die ihre Umgebung wahrnimmt und die entsprechend auch Entscheidungen treffen kann", so Lunz im Gespräch mit Euronews.
In einem Siemens-Werk in Erlangen ist erstmals ein humanoider Roboter in der Fertigung eingesetzt worden. In dem Elektronikwerk in Erlangen führte der Roboter HMND 01 Alpha Logistikarbeiten aus.
Er entstand aus einer Kooperation von Siemens mit Chiphersteller Nvidia und dem britischen Unternehmen Humanoid.
Der Roboter erledigte Transportaufgaben: Greifen, Transportieren und Platzieren von Behältern für menschliche Bediener. Pro Stunde bewegte der HMND 01 Alpha etwa 60 Behälterbewegungen, der Roboter war rund acht Stunden in Betrieb und erzielte eine autonome Pick-and-Place-Erfolgsrate von über 90 Prozent.
Der deutsche Technologiekonzern arbeitet gemeinsam mit dem Chip-Hersteller Nvidia und dem britischen Unternehmen Humanoid an der vollständigen Produktion durch KI-gesteuerte Maschinen. Das hatten die Unternehmen bereits im Januar angekündigt. Um die KI in die Welt der industriellen Fertigung zu bringen, sieht Siemens noch weitere notwendige Schritte.
"Erlangen soll zu einem der modernsten Werke weltweit werden", erklärt Siemens-Sprecher Lunz. "Eines der ersten Werke, das wirklich komplett von KI-Anwendungen getrieben und unterstützt wird." Den erfolgreichen Test in der Fabrik bezeichnete er als "sehr ermutigend".
Für Lunz ist klar: "Ich glaube, in wenigen Jahren werden wir solche Dinge nicht nur im Test sehen, sondern wirklich im ganz täglichen Leben in einer Fabrik, dass dort eben Menschen mit humanoiden Robotern Hand in Hand arbeiten." Über einen genauen Zeitpunkt, an dem die humanoiden Roboter im großen Stil einsatzbereit sind, wollte der Sprecher keine Vermutungen anstellen. Denn die Technologie entwickle sich in Schüben.
Künstliche Intelligenz als "Wachstumsmotor"
"Man überschätzt oftmals die Wirkung von Technologie, was die Kurzfristigkeit betrifft und unterschätzt die Revolution, was es auf die Langfristigkeit bedeutet", so Lunz zu Euronews. Er ist positiv gestimmt, dass mit humanoiden Robotern ein Hebel gefunden sei, um Deutschland im europäischen und insbesondere internationalen Markt wettbewerbsfähig zu halten.
Insbesondere mittelständische Unternehmen würden davon in ganz besonderer Weise profitieren. "Denn genau diese Unternehmen haben ja auch heute schon ganz wesentliche Probleme darin, auch Nachwuchskräfte, Fachkräfte zu finden", erklärt Lunz. Automatisierung und Künstliche Intelligenz in der Industrie sei demnach ein elementarer Baustein in der älter werdenden Gesellschaft Deutschlands.
"Künstliche Intelligenz kann wirklich zu einem neuen Wachstumsmotor für Deutschland und Europa werden", so Lunz. Doch er warnt, dass diese Chance nun auch genutzt werden müsse. Man dürfe insbesondere nicht anfangen, Künstliche Intelligenz "tot zu regulieren". Auf der Hannover Messe, der weltweit größten Industrieschau, merke Lunz eine Aufbruchstimmung. Dort gehört Siemens zu den größten Ausstellern.
Nach seinem Rundgang über die Messe erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz am Montag, dass ihm ein weiteres Unternehmen, das humanoide Roboter herstellt, besonders imponiert habe. Dabei handelt es sich um Agile Robots, "einem Unternehmen, das im Bereich humanoider Roboter wirklich überzeugen kann", wie Merz sagte.
Merz: "Was China kann, kann Deutschland auch"
Das Automationsunternehmen aus München ist noch keine zehn Jahre alt und beschäftigt trotzdem weltweit bereits mehr als 2.500 Mitarbeiter. Es wurde 2018 von Robotik-Forschern und -Forscherinnen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in München gegründet und verzeichnet seitdem ein rasantes globales Wachstum.
Ziel des Unternehmens: Robotik gepaart mit Künstlicher Intelligenz. Von dieser Kombination verspricht sich Agile Robots, Industrien intelligenter, flexibler und effizienter zu machen. Automatisierung anhand von KI-Robotern könnte sich schneller und autonomer weiterentwickeln.
"Im Zentrum unseres Standes auf der Hannover Messe steht unser humanoider Roboter Agile ONE", wie das Unternehmen Euronews sagte. Dieser Roboter ist demnach für den Einsatz in der Industrie konzipiert: Materialtransport, Pick-and-Place-Vorgänge, Maschinenbedienung, Werkzeugnutzung sowie präzise Manipulationsaufgaben.
Die Roboter sollen Mitarbeiter in der Produktion so unterstützen, dass diese "ihren Fokus auf andere Dinge, wie bspw. Qualitätssicherung und operative Planungsarbeiten" legen können. Anwendungsbereiche sieht Agile Robots in der Fertigungs- und Montagebranche, in der Logistik und der Elektronikproduktion.
In der eigenen Produktion kommt ihr Roboter Agile ONE bereits in diesem Jahr zum Einsatz. "Danach folgt der Rollout bei strategischen Partnern", so das Unternehmen.
"Der eine oder andere von Ihnen wird es gesehen haben, dass ich vor einigen Wochen in China war und mir dort eine entsprechende Produktion angeschaut habe", sagte Bundeskanzler Merz. "Aber was China kann, kann Deutschland auch", so Merz weiter. Im Bereich der humanoiden Roboter seien auch Unternehmen aus Deutschland an der Weltspitze.
Agile Robots stimmt dieser Ansicht zu: "Deutschland hat die Chance, die nächste industrielle Revolution ganz vorne mitzugestalten. Kaum ein anderes Land hat so gute Voraussetzungen", sagt das Unternehmen. "Maschinenbaukompetenz, Spitzenforschung, Fachkräfte und echte Daten aus der Industrie. Physical AI braucht genau das – Hardware, Software und reale Industriedaten. Wer alle drei hat, kann liefern."
"Ich kann Ihnen aus meiner Sicht sagen: Die Bundesregierung wird mit ihrer Politik alles tun, damit Deutschland ein erfolgreicher, innovativer Wirtschaftsstandort bleibt", sagte Merz abschließend.
Prämiert für Schnelligkeit und Effizienz
Auf einer Forschungsveranstaltung hat das Unternehmen den Award für Wirtschaftlichkeit gewonnen. Denn in einer Robotik Challenge war das Unternhemen am schnellsten. Binnen 2:25 Minuten hat Agile Robots verschieden große Leitungen an dafür vorhergesehene Stecker angeschlossen – so schnell wie kein anderes Team.
"Das Ergebnis verdeutlicht nicht nur unsere herausragende technische Expertise, sondern auch den Erfolg unseres ganzheitlichen Automatisierungskonzepts", sagte Stefan Profanter, Tech Lead bei Agile Robots zu der Challenge.
Der holistische Ansatz bedeute für das Unternehmen, dass Prozesse ganzheitlich betrachtet werden, komplette Produktionslinien automatisiert und gezielt das Zusammenspiel modernster Technologien genutzt werden, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
"Nicht bloß smarte Roboter, sondern vollständig vernetzte, KI-gesteuerte Produktionssysteme, in denen jedes Element intelligent ist, miteinander kommuniziert und kontinuierlich lernt", wie Agile Robots Euronews erklärt. "So machen wir ganze Industrien intelligenter, flexibler und effizienter."
So kombinierte beispielsweise der für die Challenge genutzte Roboter zwei 2D-Kamerasysteme mit Ringlicht, mit Sensoren, einem Kabelbinder-Werkzeug und mehreren Magnetschließern.
Physical AI: Roboter sollen wie Menschen sehen, hören und tasten
Die Paarung von KI und Robotern nennt das Unternehmen Physical AI. Darunter verstehen Fachleute Maschinen, die fähig sind, die physische Welt wahrzunehmen, zu interpretieren und aktiv mit ihr zu interagieren. KI mache Maschinen anpassungsfähig.
Physical AI orientiere sich dabei an den Sinnesempfindungen von Menschen: Sehen, Hören, Tasten. Mit diesen Prinzipien würden Maschinen ihre Umgebung wahrnehmen, Informationen interpretieren und präzise Bewegungen auszuführen. "Dafür werden Kameras zum Sehen, Mikrofone zum Hören und taktile Sensoren zum Tasten eingesetzt, die hochauflösende Daten in Echtzeit erfassen und an vernetzte KI-Systeme übermitteln", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Damit können Roboter ein Verständnis für die Umgebung aufbauen.
"Unsere Robotics Foundation Models gehen noch einen Schritt weiter. Sie sind speziell darauf ausgelegt, multimodale Eingaben – wie Kamerabilder, Sprachkommandos oder taktile Messwerte – gemeinsam zu verarbeiten", so das Unternehmen weiter. So könnten Modelle komplexe Aufgaben analysieren und Bewegungen und Interaktionen in der realen Welt planen. Dem Unternehmen zufolge könnten diese Roboter dann beispielsweise Waren in einem Lager sortieren oder Festplatten in Laufwerke einsetzen.
Bundeskanzler Friedrich Merz spricht von einer ganzen Reihe von weiteren Technologien, die überzeugen. "Es freut mich also zu sehen, wie die deutsche Wirtschaft im internationalen Wettbewerb bestehen kann." Mit der Hightech-Agenda will er die Industrie weiter fördern. Laut Haushaltsangaben der Bundesregierung sind rund 18 Milliarden Euro für die Hightech-Agenda eingeplant.