Die deutsche Industrie muss im großen Stil Stellen streichen, die maritime Wirtschaft bleibt davon allerdings verschont. Im Gegenteil, hier ist die Zahl der Arbeitsplätze um 6,9 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung will die Branche weiter stärken – auch für die deutsche Sicherheit.
Während die deutsche Wirtschaft zunächst zwei Jahre lang stagnierte und dann dank Staatsinvestitionen im Jahr 2025 ein minimales Wachstum von 0,2 Prozent erklettert hat, gibt es eine Branche, die Wachstum verspricht: die maritime Wirtschaft.
In der maritimen Industrie ist die Zahl der Beschäftigten im vergangenen Jahr um 6,9 Prozent gestiegen, während in der deutschen Industrie gesamt 2,3 Prozent der Stellen im Vergleich zum Vorjahr gestrichen worden sind.
Der Stellenabbau in der Industrie fiel fast doppelt so hoch aus wie 2024, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft EY zeigt. In der Autobranche sind dagegen 50.000 Jobs verloren gegangen, die Umsätze der Industrie sind binnen zwei Jahren um fast fünf Prozent geschrumpft.
Warum aber funktioniert die maritime Industrie derzeit so gut und wird als "Branche der Zukunft" gehandelt? 800 Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik treffen sich derzeit auf der 14. Nationalen Konferenz in Emden, um über den Zustand der maritimen Wirtschaft und über mögliche Entwicklungen zu sprechen. Dort hat die Bundesregierung einen 15-Punkte-Plan vorgestellt.
Kein Export ohne maritime Wirtschaft
Deutschland gilt als Exportnation, innerhalb der EU ist das Land der größte Exporteur. Wichtigster Außenhandelspartner dafür sind an erster Stelle die USA. Es folgen Frankreich, Niederlande, Polen und Italien, China steht auf dem sechsten Platz, das Vereinigte Königreich auf dem achten, wie der Statistische Bericht über die Außenhandelsrangfolge aus dem Februar 2026 zeigt.
Drei dieser wichtigsten Exportpartner sind allerdings insbesondere auf dem Seeweg zu erreichen, insbesondere die USA, an die Deutschland im Jahr 2025 Waren im Wert von 147,06 Milliarden Euro.
"Die maritime Wirtschaft ist nicht nur enorm wichtig für uns als Exportnation Deutschland", erklärt Christoph Ploß (CDU), der für die Bundesregierung die maritime Wirtschaft koordiniert im Podcast Table.Today von Table.Briefings. Die maritime Wirtschaft sorge auch dafür, dass Deutschland ausreichend Rohstoffe bekommen und mit ausreichend Energie versorgt werde, fügt Ploß hinzu.
Die maritime Industrie sei - im Gegenteil zu vielen anderen Industrien derzeit in Deutschland - "eine echte Wachstumsbranche". Innerhalb dieses Sektors ist die Zahl der Beschäftigten Ploß zufolge im vergangenen Jahr um 6,9 Prozent gestiegen. "Wir können damit rechnen, dass alleine nur in den Werften an den norddeutschen Küstenregionen 9.000 neue Jobs entstehen werden", stellt Ploß im Podcast außerdem in Aussicht.
Da sich die maritime Industrie auf eine große Anzahl an Zulieferern stütze, würden wiederum viele weitere Arbeitsplätze davon abhängen. "Man kann grob sagen, für einen Arbeitsplatz, der in einer Werft an der Küste entsteht, entstehen mindestens fünf oder sechs neue Arbeitsplätze", so Ploß weiter.
Die Bundesregierung hat das Potenzial erkannt und will die Häfen und Schifffahrt mit einem 400-Millionen-Euro Programm stärken. Die Mittel dafür kommen aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz. Bei einer aktuellen Stunde im Bundestag am 23. April 2026 zur maritimen Wirtschaft kritisierten die Oppositionsparteien AfD und die Linke das.
Die AfD ist hingegen überzeugt, dass die finanziellen Mittel nicht bei den Seehäfen ankommen würden. Leif-Erik Holm kritisierte, dass mit dem Sondervermögen "nur Haushaltslöcher gestopft werden". Auch die Linke findet, dass die Regierung die Häfen trotz Sondervermögen alleine lasse, wie Jörg Cezanne im Bundestag sagte. Dabei bestehe in den Häfen "dringender Handlungsbedarf, um sie fit zu machen für die Herausforderungen der Zukunft".
"Hier werden Exportschlager produziert"
Die Bundesregierung hat jedoch die Werften in das Großbürgschaftsprogramm des Bundes aufgenommen. Milliardenschwere Projekte würden damit zukünftig auch durch den Bund abgesichert, das schafft mehr Planungssicherheit.
"In den vergangenen Jahren sind solche Projekte häufig nach Asien gegangen.Und damit sind aber auch die Arbeitsplätze und die Wertschöpfung nach Asien gegangen", so Ploß gegenüber Table.Briefings. Mit der neuen Grundlage soll Wachstum wieder in der heimischen Maritimindustrie gefördert werden.
Projekte, die in den vergangenen Jahren nach Asien gegangen sind, sollen jetzt auch wieder nach Deutschland zurückgeholt werden. Laut SPD-Politikerin Dunja Kreiser würden immer mehr europäische Reeder ihre Schiffe in chinesischen Werften bauen lassen. Seit 2021 gingen demnach Aufträge in Höhe von rund 310 Milliarden Euro nach China, 60 Prozent der Schiffsneubauten gesamt werden dort erarbeitet, wie sie im Bundestag sagte.
Sie sehe es als Aufgabe der Regierung an, die Schiffsproduktion wieder zurück nach Deutschland zu verlagern. "Die maritime Industrie ist wirtschaftlich stark aufgestellt. Der Gesamtumsatz ist zuletzt um mehr als 15 Prozent gestiegen. Im zivilen Schiffsbau haben die Ablieferungen um über 20 Prozent zugelegt", sagte Dunja Kreiser. Auch die Zahl der Beschäftigten wachse.
Laut Ploß liegen die deutschen Stärken der maritimen Industrie in der Marine, beim U-Boot-Bau, bei Yachten, Kreuzfahrtschiffen und auch bei spezialisierten Forschungsschiffen. So würden Ploß zufolge beispielsweise Eisbrecher immer beliebter und erfreuen sich großer Nachfrage.
"Das heißt, hier werden Exportschlager produziert", sagte Ploß. Während der Containerschiffbau sich größtenteils nach Asien verlegt hat, will die deutsche Regierung den deutschen Reederei-Standort weiter ausbauen.
Im Krisenfall auf deutsche Handelsflotte zurückgreifen
"Wir können im Krisen- oder gar Kriegsfall auf die deutsche Handelsflotte zurückgreifen", so Ploß. Das Ziel der Regierung sei, die Handelsflotte langfristig von 1.700 Schiffen auf über 2.000 Schiffe zu steigern.
Mit einem Ausbau der Reedereien würde Deutschland souverän und resilient bleiben. Die maritime Wirtschaft gilt hier als systemrelevante Branche im Krisenfall. Denn die Wertschöpfungsketten bestehen bereits und wurden über Jahrzehnte aufgebaut. Im Krisenfall kann hier heimische Produktion stattfinden.
"Ohne eine starke maritime Wirtschaft könnten wir die Sicherheit Deutschlands nicht garantieren. Das gilt für die Häfen, das gilt für die maritime Industrie und es gilt natürlich auch für die Schifffahrt", macht Ploß deutlich.
Im Bundestag hat die Union gemeinsam mit der SPD im Vorfeld der Nationalen Maritimen Konferenz einen Antrag vorgelegt, um die Verknüpfung der Sicherheit und Resilienz mit der maritimen Wirtschaft zu stärken. Der Antrag wurde mit der Mehrheit der Koalition angenommen, die Grünen und die Linken hatten dagegen gestimmt, die AfD enthielt sich.
Der Antrag sieht unter anderem Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur zur Abwehr vor Cyberangriffen vor. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, den Schutz kritischer Infrastrukturen wie Häfen, Seekabel, Windparks in der Nord- und Ostsee zu stärken und Maßnahmen gegen die sogenannte Schattenflotte Russlands zu intensivieren.
Auch die Grünen hatten einen Antrag gestellt, der zur Beratung an die Ausschüsse weitergegeben. Hierbei ging es darum, den Ausbau der maritimen Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Grünen-Politikerin Claudia Müller warnte im Bundestag außerdem vor einem deutschen Alleingang und forderte ein "abgestimmtes, europäisches Vorgehen bei Schiffbau", nur so werde man "Weltmarktführer beim Schiffsspezialbau" bleiben.
Was ist die Nationale Maritime Konferenz?
Unter Schirmherrschaft von Bundeskanzler Merz trifft sich die maritime Branche alle zwei Jahre, um Wirtschaftsfragen anzugehen. In diesem Jahr findet sie in Emden im äußersten Nordwesten Deutschlands statt - wie die erste Konferenz im Jahr 2000. Die Nationale Maritime Konferenz kerhrt "an den Ort ihres Ursprungs" zurück, wie Ploß zum Auftakt sagte.
"Wir werden dort die Wettbewerbsfähigkeit und die herausragende Bedeutung der maritimen Wirtschaft für die Sicherheit Deutschlands in den Mittelpunkt stellen", erklärt der maritime Koordinator der Regierung. Den innovativen Kern würden die Bereiche Schiffbau, Schiffbauzulieferindustrie, Schifffahrt, Häfen, Meeres- und Offshore-Technik bilden.
Gerade in Niedersachsen ist sie ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. "Leistungsfähige Häfen sind eine zentrale Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes", erklärt Niedersachsens Landeswirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne. Denn in Zeiten weltweiter Krisen zeige sich, wie wichtig leistungsfähige Häfen für die Versorgungssicherheit seien.
Die Nationale Maritimie Konferenz versteht sich als Impulsgeber und Austauschplattform für die gesamte Branche. Des Weiteren soll damit unterstrichen werden, dass die maritime Wirtschaft als nationaler Faktor wahrgenommen wird.