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EU-Kommission: Wettlauf um kritische Rohstoffe dreht sich um Macht

Arbeiter heben mit schwerem Gerät in einer Seltenmetallmine im Baiyunebo-Bergbaugebiet bei Baotou in der Inneren Mongolei in Nordchina, 2010.
Arbeiter baggern mit schweren Maschinen in einer Seltenenerz-Mine im Bergbaurevier Baiyunebo bei Baotou in der Inneren Mongolei, Aufnahme von 2010. Copyright  AP2012 / CHINATOPIX
Copyright AP2012 / CHINATOPIX
Von Marta Pacheco
Zuerst veröffentlicht am
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Kritische Rohstoffe werden für Europa zur Machtfrage: Die EU will unabhängiger von China werden und ihre Wirtschaft besser gegen künftige Versorgungsschocks absichern.

Im weltweiten Wettlauf um kritische Rohstoffe geht es nach Ansicht von Koen Doens, Leiter der Generaldirektion Internationale Partnerschaften der EU-Kommission, längst nicht mehr nur um den Zugang zu Mineralien – sondern um Macht. Doens äußerte sich am Mittwoch vor dem Hintergrund der großen Abhängigkeit der EU von China.

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Der hochrangige Kommissionsbeamte sprach zu einem Zeitpunkt, an dem die Europäische Union versucht, ihre Bezugsquellen für kritische Rohstoffe zu verbreitern. Diese gelten als entscheidend für den Ausbau sauberer Technologien. Der Europäische Rechnungshof hatte kürzlich gewarnt, die EU riskiere, ihre Energiewende zu gefährden und zugleich stark von China abhängig zu bleiben.

"Macht liegt in den Händen derjenigen, die Förderung, Raffinierung, Verarbeitung, Transportstandards, Finanzierung und letztlich industrielle Kapazitäten kontrollieren", sagte Doens beim EIT Raw Materials Summit in Brüssel.

Der Belgier betonte, im Rennen um Klimaneutralität hätten Mineralien wie Lithium, Kobalt und Graphit heute denselben strategischen Stellenwert wie Öl und Gas im 20. Jahrhundert. Das zeige auch das wachsende geopolitische Interesse an Seltenen Erden. Strategische Autonomie sei kein defensiver Kostenposten, sondern eine zentrale Investition in die langfristige Widerstandskraft der europäischen Wirtschaft.

"Wenn wir heute für Sicherheit einen Aufpreis zahlen, verhindern wir, dass wir morgen von Lieferengpässen als Geiseln genommen werden", sagte Doens. Die eigentliche Herausforderung bestehe darin, Lieferketten von der Mine bis zum Markt aufzubauen – und so echte strategische Autonomie für die EU zu sichern.

Kritische Rohstoffe: EU setzt auf eigene Ziele und Partnerschaften

Die EU will die Produktion von Solarmodulen, Batterien und Windrädern deutlich ausbauen. Deshalb hat sie sich bis 2030 eigene Ziele gesetzt, um mehr kritische Rohstoffe verfügbar zu machen: zehn Prozent bei der Förderung, 40 Prozent bei der Raffinierung und 15 Prozent beim Recycling. Die entsprechenden Regeln traten 2024 in Kraft.

Einige Schlüsselrohstoffe wie Seltene Erden kommen in Europa jedoch kaum oder gar nicht vor. Deshalb hat die EU bislang 16 Partnerschaften mit Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo, Südafrika, den Vereinigten Staaten und Sambia geschlossen.

Diese Abkommen laufen über die Global-Gateway-Initiative der EU. Mit dem strategischen Programm investiert Brüssel in Infrastruktur in Partnerländern und will damit der chinesischen "Belt and Road"-Initiative Konkurrenz machen – allerdings mit deutlich kleineren Budgets.

"Wir können es uns nicht mehr leisten, Risiken zu exportieren, Abhängigkeiten zu importieren und darauf zu vertrauen, dass der Markt allein für Versorgungssicherheit sorgt", sagte Doens. Damit spielte er indirekt auf die dominante Rolle Chinas entlang der gesamten Lieferkette für kritische Rohstoffe an.

"Ebenso wenig dürfen wir uns darauf beschränken, uns nur den Zugang zu Rohstoffen und Minen zu sichern. Andere würden sonst Raffinierung, Verarbeitung, Fertigung und Technologie dominieren", fügte er hinzu.

Chinas Vormachtstellung brechen

China stellt rund 60 Prozent der weltweiten Produktion kritischer Rohstoffe und kontrolliert etwa 90 Prozent der Raffineriekapazitäten. Nach Berechnungen des Forschungsdienstes des Europäischen Parlaments ist die EU bei rund 90 Prozent ihrer Rohstoffimporte und 98 Prozent ihrer Magnete aus Seltenen Erden von Peking abhängig. In den vergangenen Jahren – zuletzt 2025 – hat China wiederholt Ausfuhren von Seltenen Erden in die EU gestoppt oder eingeschränkt.

Um diese Abhängigkeiten zu verringern, schlägt der Thinktank European Union Institute for Security Studies (EUISS) vor, statt lockerer Handelsbeziehungen einen "alliierten Industrieblock" zu schaffen. So ließe sich der Einfluss Chinas begrenzen.

"Die Koalition sollte allen nicht rivalisierenden Staaten offenstehen, sofern sie die gleichen Schutzmechanismen übernehmen. Im Fokus stehen Rohstoffproduzenten oder Länder mit bedeutenden Lagerstätten wie Malaysia, die Demokratische Republik Kongo, Brasilien und Indonesien sowie Staaten mit vielen qualifizierten Arbeitskräften wie Indien", heißt es in der EUISS-Studie.

Da die Grundlage der chinesischen Dominanz nicht allein in der Förderung liegt, sondern vor allem in der Fähigkeit, Rohstoffe im industriellen Maßstab zu veredeln und zu verarbeiten, empfiehlt die Studie massive Investitionen in europäische Raffineriekapazitäten. Das gelte auch dann, wenn Umweltauflagen und Arbeitskosten die Wettbewerbsfähigkeit kurzfristig schmälern.

Die Autoren fordern außerdem strategische Reserven an kritischen Mineralien – ähnlich wie Staaten Ölreserven oder Munitionsdepots vorhalten. Als Begründung nennen sie Szenarien wie plötzliche Embargos, eine Eskalation um Taiwan oder den Zusammenbruch von Lieferketten.

Besonders umstritten ist der Vorschlag, Europa müsse schneller handeln, als es in demokratischen Systemen üblich sei. Die Studie kritisiert lange Genehmigungsverfahren, zersplitterte Regulierung und Umweltprüfungen, die aus Sicht der Verfasser nicht mit der "geopolitischen Dringlichkeit" vereinbar seien.

Umweltregeln geraten unter Druck

Um die Förderung heimischer kritischer Rohstoffe zu beschleunigen, hat die EU-Kommission kürzlich vorgeschlagen, die erst vor Kurzem überarbeiteten EU-Wasserregeln erneut zu öffnen. Sie spricht von einer "De-Risking-Strategie", mit der die Versorgung diversifiziert werden soll.

Die Gewinnung, Raffinierung und das Recycling kritischer Rohstoffe hängen eng mit Wasserverbrauch und Wasserqualität zusammen.

Die Entscheidung der Kommission, die Wasserrahmenrichtlinie wieder aufzuschnüren, veranlasste 27 Europaabgeordnete zu einem Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und weitere Kommissionsmitglieder. Darin verweisen sie auf zunehmenden Wassermangel, sinkende Wasserqualität und steigende klimabedingte Risiken.

"Die erneute Öffnung des Grundpfeilers der Wasserpolitik der Union sendet das falsche Signal – an Bürger, an Investoren und an alle, die das EU-Recht vor Ort umsetzen", heißt es in dem Schreiben der Abgeordneten.

Die EU-Kommission hält dennoch an ihrem Kurs fest und setzt auf weitere Umweltlockerungen, um die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu stärken.

"Wir müssen die Schlüsselprojekte identifizieren, Verwaltungsverfahren straffen, öffentliche und private Mittel mobilisieren und zeigen, dass Europa anderen ein überlegenes, nachhaltigeres und attraktiveres Angebot machen kann", sagte Kommissionsvertreter Doens.

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