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Moore "fast wie ein Minenfeld": Europas Feuchtgebiete werden militärisch wichtig

Moore bedecken nur etwa drei Prozent der globalen Landoberfläche, speichern jedoch rund doppelt so viel Kohlenstoff wie die Biomasse aller Wälder der Erde.
Moore bedecken nur etwa drei Prozent der globalen Landoberfläche, speichern jedoch rund doppelt so viel Kohlenstoff wie die Biomasse aller Wälder der Erde. Copyright  Photo by Luke Hodde on Unsplash
Copyright Photo by Luke Hodde on Unsplash
Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Moore sind mehr als Kohlenstoffspeicher und Rückzugsorte für seltene Arten. In der aktuell verschärften sicherheitspolitischen Lage geraten sie europaweit auch als natürliche Hindernisse für Angreifer in den Blick.

Wer über Verteidigung spricht, denkt meist an Panzer, Drohnen oder Grenzanlagen. Moore kommen dabei selten zuerst in den Sinn. Doch ihre Nässe, Unzugänglichkeit und geringe Befahrbarkeit machen sie zu einem sicherheitspolitisch relevanten Faktor.

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Die baltischen Staaten – Estland, Lettland und Litauen – prüfen im Rahmen der "Baltic Defence Line", wie Moore und andere Feuchtgebiete als natürliche Barrieren in die Grenzverteidigung einbezogen werden können. Für Deutschland berührt das Thema Klimaschutz, Artenvielfalt, Wasserhaushalt und Verteidigungsplanung zugleich: Intakte Moore speichern Kohlenstoff, halten Wasser zurück und können Bewegungen im Gelände erschweren.

Moorgebiete als natürliche Grenze

Denn wer sich mit schwerem Gerät durch sumpfiges Gelände bewegt, verliert Tempo und Übersicht. Was früher als Hindernis galt, wird heute strategisch neu gelesen.

Prof. Dr. Hans Joosten, Mitgründer des Greifswald Moor Centrums und einer der weltweit renommiertesten Moorforscher, erklärt im Gespräch mit Euronews: "Moore haben überall in der Welt immer die Grenzgebiete geformt. Man sieht, dass die Grenze zwischen manchen Ländern – ob zwischen Deutschland und den Niederlanden oder zwischen Tomsk und Nowosibirsk oder beim Tschadsee – immer von Feuchtgebieten oder Mooren gebildet wird. Es ist einfacher diese Gebiete zu verteidigen."

In Estland machen Moore rund ein Fünftel der Landesfläche aus.
In Estland machen Moore rund ein Fünftel der Landesfläche aus. Photo by Maksim Shutov on Unsplash

Für schweres militärisches Gerät sei das fast wie ein Minenfeld – "nur humaner", sagt Joosten. Durchgänge gebe es zwar, sie seien aber eng konzentriert und ließen sich deshalb viel stärker kontrollieren.

Jan Peters, Geschäftsführer der Michael Succow Stiftung, Partner im Greifswald Moor Centrum, sieht den sicherheitspolitischen Hebel vor allem außerhalb Deutschlands: "Innerhalb Deutschlands ist das tatsächlich ein schwieriges Argument. Die Mittel sind am effizientesten im Baltikum und in Polen einsetzbar – weil es dort an der EU- und NATO-Außengrenze die direkte Bedrohungslage gibt, immer noch viele wiederherstellbare Flächen vorhanden sind und Flächenpreise und Interessenkonflikte deutlich geringer sind als bei uns."

Dennoch rückt das Thema auch in Deutschland zunehmend in den Fokus – nicht zuletzt, weil die Bundeswehr ihre erste Auslandsbrigade in Litauen aufstellt und damit die Verbindung zu genau jenen Regionen enger wird.

Die Panzerbrigade 45 "Litauen" soll bis Ende 2027 mit rund 5.000 Soldaten die NATO-Ostflanke sichern.
Die Panzerbrigade 45 "Litauen" soll bis Ende 2027 mit rund 5.000 Soldaten die NATO-Ostflanke sichern. Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved.

Zwischen Klima und Sicherheit

In Deutschland ist Moorpolitik bislang vor allem Umweltpolitik. Die Bundesregierung will entwässerte Moorflächen wiedervernässen, um Emissionen zu senken, Wasser zu speichern und Lebensräume zu sichern. Moorforscher Joosten macht das Ausmaß deutlich: "Weltweit machen fünf Prozent aller Emissionen entwässerte Moore aus. In Deutschland sind es sieben Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern sogar 40 Prozent."

Aus Klimasicht sei Wiedervernässung keine Frage des "Ob", sondern des "Wann", betont Joosten: "Letztendlich müssen wir aus Klimasicht sowieso alle Moore wieder vernässen in den nächsten 30 Jahren. Das ist nicht optional." Entscheidend sei, ob Klimaschutz dort, wo es sinnvoll ist, mit Verteidigung verbunden werden könne.

Jan Peters, der sich mit moorbezogener Politik beschäftigt,verweist auf den breiteren Nutzen von Mooren: "Das ist natürlich der ganz große Vorteil, diese vielen positive Nebeneffekte." Er nennt Klimaschutz, Biodiversität und Wasserverfügbarkeit; Verteidigung komme nun als weiteres Argument hinzu.

Ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr teilte auf Anfrage von Euronews mit, natürliche Sperren in Form von Feuchtflächen beeinflussten die Bewegungsmöglichkeiten gegnerischer wie eigener Kräfte und würden in der operativen Sperrplanung berücksichtigt. Wiedervernässung könne "sowohl von Vorteil, jedoch auch von Nachteil für die eigene Operationsführung sein".

Denn als "Drehscheibe Deutschland" für NATO-Truppenbewegungen nach Osten ist das Land auf offene Korridore angewiesen. Wiedervernässung muss daher mit militärischen Anforderungen abgewogen werden.

Baltikum und Polen: Landschaft als Teil der Verteidigung

In den baltischen Staaten ist die Lage unmittelbarer. Sie liegen näher an Russland und Belarus und denken stärker in räumlichen Verteidigungsachsen. Dort wird Wiedervernässung auch als Teil der Sicherheitsplanung diskutiert.

Litauen plant nach Angaben der New York Times die Wiederherstellung von 6.000 Hektar Moorland als Teil seiner Total-Defense-Strategie. Der litauische Verteidigungsvize-Minister Tomas Godliauskas bezeichnete die Moore dem Bericht zufolge als "integral defensive line". Die Wiedervernässung sei günstiger als klassische Sperranlagen wie Panzergräben oder Minenfelder. Das litauische Umweltministerium plant die Renaturierung über 30 Jahre und orientiert sich dabei an der EU-Naturwiederherstellungsverordnung.

Auch Polen setzt auf natürliche Barrieren. Das sogenannte "East Shield" (oder Ostschild) soll aus 700 Kilometer langen Verteidigungsanlagen nahe der polnischen Grenze im Osten des Landes bestehen. Ein Drittel davon solle aus schwer durchdringlicher Wildnis bestehen.

Seit über vier Jahren Krieg: Rettungskräfte löschen am 2. Juni einen Brand in einer Autowerkstatt nach einem russischen Angriff auf Kyjiw in der Ukraine.
Seit über vier Jahren Krieg: Rettungskräfte löschen am 2. Juni einen Brand in einer Autowerkstatt nach einem russischen Angriff auf Kyjiw in der Ukraine. Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Historische Bedeutung

Die Debatte hat auch eine historische Dimension. Joosten verweist auf die Prypjat-Moore zwischen Belarus und der Ukraine. Als sie in den 1960er und 70er Jahren trockengelegt werden sollten, sei ausgerechnet das russische Verteidigungsministerium der schärfste Kritiker gewesen. "Diese Moore haben Napoleon rausgehalten, die haben Hitler rausgehalten", habe es damals argumentiert. Das Ministerium habe den Eingriff abgelehnt – und verloren.

Der Krieg gegen die Ukraine hat diesen Zusammenhang erneut sichtbar gemacht. Überflutete Gebiete, Sümpfe und unpassierbare Böden konnten russische Vorstöße bremsen und umlenken. Das Greifswald Moor Centrum verweist in einem Infopapier vom Mai 2025 auf historische Beispiele von den Dithmarscher Bauern bis zur ukrainischen Hauptstadtverteidigung 2022. Moore könnten als natürliche Burggräben wirken, weil sie schnelle Truppenbewegungen erschweren und Angreifer in planbare Korridore zwingen.

Natürliche Infrastruktur für die Sicherheit

Prof. Dr. Stefan Bayer, Forschungsleiter des German Institute for Defence and Strategic Studies (Denkfabrik der Bundeswehr in Hamburg) und Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung, hält Moorrestauration für sicherheitspolitisch anschlussfähig. Auf Anfrage von Euronews schreibt er: "Neben den verschiedenen Zwecken von Mooren könnten solche Maßnahmen - richtig dimensioniert - auch die Effizienz der Verteidigungsausgaben steigern." Zugleich verweist er darauf, dass das Thema in der Bundeswehr im Rahmen der nationalen Verteidigungsplanung aufgegriffen werde und dass vor allem Länder an der NATO-Ostflanke wie Estland, Litauen, Rumänien und die Ukraine solche Maßnahmen intensivieren sollten.

Bayer sieht außerdem eine gewisse ideologische Scheu in der Beurteilung der Mittelwahl: Verteidigung sei üblicherweise "Heavy Metal“, Moorwiedervernässung werde dagegen seit Jahrzehnten vor allem als Umwelt- und Klimaschutzthema diskutiert. An diesem Beispiel werde deutlich, dass die Zeitenwende noch nicht in allen Bereichen der Gesellschaft angekommen sei.

Prof. Dr. Bayer ist Forschungsleiter des GIDS, Professor für Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE).
Prof. Dr. Bayer ist Forschungsleiter des GIDS, Professor für Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE). Foto: Bundeswehr / Pieter-Pan Rupprecht

Klimaschutz bleibt der Kern

Trotz der sicherheitspolitischen Debatte bleibt der wichtigste Grund für eine Wiedervernässung der Moore der Klimaschutz. Intakte Moore sind enorme Kohlenstoffspeicher und wichtige Wasserspeicher. Sie helfen, Trockenheit abzufedern, Hochwasser zu bremsen und Lebensräume für seltene Arten zu erhalten. In Deutschland sind nach Angaben von Joosten rund 95 Prozent der Moore entwässert. Ohne Wiedervernässung sei Klimaneutralität nicht erreichbar.

Gerade deshalb ist die neue Perspektive bemerkenswert: Sie stellt Naturschutz nicht gegen Verteidigung, sondern zeigt, dass beide Bereiche in bestimmten Fragen zusammenlaufen können. Stefan Bayer hebt hervor: Bei Moorrestauration werde zugleich der Klimaschutz gestärkt, die Biodiversität gefördert und die nationale Verteidigung unterstützt. Wer das als "Militarisierung des Naturschutzes" kritisiere, übersehe, dass man mit einer Maßnahme drei Bedrohungen gleichzeitig begegne.

Politisch heikler Nutzen

Jan Peters mahnt dennoch zu einer vorsichtigen Sprache. Moorrestauration dürfe nicht als Abschottung gegen EU- und NATO-Partner verstanden werden, sondern müsse als Bündnisaufgabe gedacht werden. Für Deutschland sei das Thema vor allem dann sinnvoll, wenn es in einen europäischen Zusammenhang gestellt werde.

Ein Sumpf allein stoppt keine Drohne und keinen Marschflugkörper. Doch als Teil einer vielschichtigen Verteidigungsarchitektur können Moore leisten, was kein Betonfundament ersetzen kann: Sie müssen nicht gewartet werden, kosten wenig und kämpfen lautlos.

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